Eine weihnachtliche Kurzgeschichte der besonderen Art Licht an, Licht aus

Adventszeit in Jerusalem - und eigentlich ist alles wie immer: Catherine sucht den Mann fürs Leben, Toki übt Klarinette. Bis Jakob einzieht. Eine weihnachtliche Kurzgeschichte von UNI-SPIEGEL-Autor Markus Flohr.

Illustration: Jindrich Novotny


Als Jakob in die Wohnung unter uns zog, war es Catherine, die zuerst nervös wurde. Sie war, das muss man wissen, zu diesem Zeitpunkt auf der Suche, und zwar nach einem Juden. Nach einem, der religiös war, jedenfalls traditionell, jedenfalls ein wenig, mit Kippa und so.

Vormittags lernte Catherine Hebräisch, nachmittags hockten wir zusammen auf dem Balkon; sie und ich und manchmal auch Toki, wenn er nicht Klarinette spielte am Fenster oder in seinem Orchester. Wir drei teilten uns drei Zimmer in einer Gasse neben der Jaffa-Straße kurz vor der Ecke zum Zionsplatz.

Obwohl der November schon fortgeschritten war, hatte die Kälte es noch nicht nach Jerusalem geschafft. Wir schwebten auf den letzten Sonnenstrahlen des Jahres über die Jaffa-Straße, sahen den Schülern des Rabbi Nachman zu, wie sie auf dem Zionsplatz um ihren Lautsprecherwagen tanzten. Catherine musterte die Tänzer, ihre Bärte und weißen Häkelmützen.

Catherine teilte uns mit, wir Kerle hätten es einfach und könnten uns gar nicht vorstellen, wie es sei, nicht nur einen Mann, sondern auch einen Vater zu suchen, also einen Mann und Vater. "Ach", sagte Catherine und hob die Schultern und sog Luft ein und schwieg.

"Hallo, ich bin der Nachbar."

Wenn nach einer Weile die wichtigen Dinge des Lebens besprochen oder beschwiegen waren, knackten wir Sonnenblumenkerne und spuckten die Schalen über die Brüstung; manchmal fielen sie jemandem auf den Kopf. An einem dieser Nachmittage, es muss um den ersten Advent gewesen sein, fiel eine dieser Schalen Jakob auf den Kopf. Jakob musste etwas gespürt haben, er sah kurz hoch und schüttelte sich. Wir versteckten uns wie drei feige Eichhörnchen. Ob Jakob an diesem Tag eine Kippa trug, daran kann ich mich nicht erinnern. Er war da, um sich die Wohnung unter uns anzuschauen.

Eine Woche später zog Jakob ein. Ich begegnete ihm auf der Treppe, er drückte mir einen Plattenspieler in die Hand und sagte: "Erster Stock." Ich brachte Jakobs Plattenspieler in den ersten Stock. Aus dem Transporter vor der Tür stemmten junge Männer und Frauen Möbel heraus und Kisten, Kisten, Kisten. Jakob trug Jeans und eine schwarze Strickjacke. Auf seinem Kopf hing eine rote Mütze, deren Schirm steil nach oben zeigte. An diesem Tag trug er also keine Kippa, aber eine Mütze.

"Hallo, ich bin der Nachbar."

"Schalom. Ich bin Jakob."

Ich ging durch die Wohnung. Im einzigen Zimmer stand ein Doppelbett, auf dem Kleider ausgebreitet lagen: Anzüge, Röcke, ein Seefahrerhemd, sogar eine grüne Cordhose und ein roter Mantel waren dabei und einige Hüte. Als ich die Wohnung verließ, kam gerade der Fernseher die Treppe herauf. Am Abend saßen Catherine, Toki und ich auf unserem Balkon.

Toki beschäftigte ein Vorschlag seines Dirigenten: Mit dem Orchester wollte der gern ein Weihnachtskonzert mit Gottesdienst am Heiligabend in einer Kirche in einem christlichen Dorf in der Westbank geben. Irgendwo in der Nähe von Ramallah. Der Kinderchor des Dorfes sollte auch auftreten und Weihnachtslieder singen: "O Little Town of Bethlehem", "Angels From the Realms of Glory" und auch "Jingle Bells". Ein Weihnachtsmann werde noch gesucht, der ein paar Geschenke verteilt, sagte Toki. Ich war empört.

"Ein Weihnachtsmann? In der Kirche?" Toki schaute irritiert.

"Ja, in der Kirche. Vielleicht auch am Ausgang. Aber das ist doch nicht das Problem!"

"Sondern?"

"Ich darf da nicht hin, in dieses Dorf. Das halbe Ensemble darf da nicht hin. Das Dorf liegt in der Autonomiezone. Da gibt es keine Israelis. Höchstens in Uniform."

"Was sagt der Dirigent?"

"Genau das ist der Punkt. Findet unser Dirigent. Darum müssen wir da hin, weil wir nicht dürfen und weil die nicht zu uns dürfen."

Catherine mischte sich ein. Oder vielmehr: Sie beendete das Gespräch."Wir haben einen neuen Nachbarn", sagte sie. "Jakob."

"Der, dem du auf den Kopf gespuckt hast?", fragte Toki.

"Ich? Du! Außerdem trug er eine Kippa. Die Schale ist abgeprallt."

"Ach ja?"

"Ja. Wir laden ihn ein", sagte Catherine. "Am Schabbat, zum Essen."



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
sterbenderpelikan 23.12.2015
1.
Schöne Geschichte :)
uhumini 26.12.2015
2.
Sehr gute Geschichte.
claus_debold 26.12.2015
3. Schöne Geschichte
was für eine schöne Geschichte. Mir kamen die Tränen. Wenn sie nur besser geschrieben wäre. Ich hatte sie kritisiert, aber sie wurde beschützt und meine Kritik verworfen. Warum sollte Spon besser sein als unsere egomanische Gesellschaft. Frohe Weihnachten
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