Weimarer Studenten kapern Urkunde "Wir klauen zurück!"

Den schmucken Titel "Universitätsstadt" kann Weimar keiner mehr nehmen. Die amtliche Urkunde dazu schon: Frech stibitzten protestierende Studenten das Dokument, das sie eher als "Armutszeugnis" sehen. Und verdarben den Stadtvätern gehörig das Fest.


Nach dem Beutezug: Weimarer Studenten mit Corpus Delicti
Thüringer Allgemeine / H.Wetzel

Nach dem Beutezug: Weimarer Studenten mit Corpus Delicti

Es hätte so schön sein können. Endlich darf sich Weimar offiziell "Universitätsstadt" nennen und wollte das am Mittwoch kräftig feiern. Endlich wird das Städtchen in Thüringen dem Weltruhm, den es seit der ersten "Bauhaus"-Gründung als künstlerischer Hochschulstandort genießt, auch mit einem offiziellen Titel gerecht. Stolz lud Oberbürgermeister Volkhardt Germer zur Verleihungszeremonie im Rathaus; als Vertreter des Landes sollte Stefan Illert (CDU), Staatsekretär im Finanzministerium, die Ernennungsurkunde überreichen.

Neben dem Rektor der Bauhaus-Universität hatten sich auch einige Studenten eingefunden. Bei der feierlichen Übergabe der Urkunde wurden sie von Reportern mit auf das Foto gebeten - und hatten plötzlich das gute Stück in der Hand. Im nächsten Moment brach ein großes Gezeter los, "Haltet den Dieb!"-Rufe ertönten, doch die Studenten waren bereits verschwunden. Und mit ihnen die Urkunde.

Das Diebesgut: Verleihungsurkunde zur Universitätsstadt

Das Diebesgut: Verleihungsurkunde zur Universitätsstadt

Dreister Diebstahl? Haben respektlose Studenten der Stadt einen Feiertag verdorben? Der Weimarer Studierendenkonvent sieht es anders - die amtliche Urkunde sei doch nur "konfisziert" oder "geborgt". Überhaupt sehen die Studentenvertreter gute Gründe für die Aktion: "Es kann doch nicht sein, dass man erst die Uni kaputt spart und sich dann dafür eine Ehrenurkunde ausstellt", sagt Jens Wernicke.

Der Referent für Hochschulpolitik hält die Urkundenvergabe ohnehin für einen reinen Marketinggag. "Die Stadt hat kaum noch Geld, um die Mülleimer zu leeren. Jetzt wollen die neue Schilder aufstellen und denken, dann kommen mehr Touristen", spottet der Student der Medienwissenschaften.

Zudem habe gerade der Wahlkampf für die Kommunalwahlen begonnen. Nach Kabinettsbeschlüssen der thüringischen Landesregierung vom Frühjahr dürfen sich neben Weimar auch Jena, Erfurt und Ilmenau ab Mai mit dem Titel "Universitätsstadt" schmücken.

Verleihung: Es hätt' so schön sein können
Thüringer Allgemeine / M.Kneise

Verleihung: Es hätt' so schön sein können

Der Studierendenkonvent distanzierte sich halbherzig von der Protestaktion der angeblich "namentlich nicht bekannten Studenten". Um dann umso wütender nachzulegen: Eine Regierung, die Thüringer Hochschulen kaputtspare, knebele und in die Knie zwinge, habe nicht das Recht, sie auch noch zu Werbezwecken zu gebrauchen. "Ehrenmedaillen" in Form von Urkunden glichen da eher einem "Armutszeugnis".

Seit vielen Monaten protestieren Studenten gegen die Politik der Landesregierung, die zunächst eine Werbekampagne für die "Denkfabrik Thüringen" gestartet hatte - und seitdem energisch an der Bildung spart. Mit dem so genannten Hochschulpakt wurden die Gelder für die Universitäten auf dem Stand von 2001 eingefroren. Durch steigende Personal- und Sachkosten und zugleich höhere Studentenzahlen sinken die real zur Verfügung stehenden Mittel.

Der Rektor steht zum Sparkurs

Studenten der Bauhaus-Universität gingen dagegen besonders lautstark auf die Barrikaden. Zwei Monate lang bestreikten sie im Wintersemester den Vorlesungsbetrieb und studieren momentan nur im "Ausnahmezustand". Das Land ließ sich von den strikten Sparvorgaben indes nicht abbringen. "Das wird auf Dauer nur eine Konsequenz haben", so Jens Wernicke, "auf der Verpackung wird 'Universitätsstadt' stehen, wofür sich die Regierung feiern lässt - dabei ist längst schon keine Universität mehr in der Stadt."

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Unterdessen distanzierte sich Walter Bauer-Wabnegg, Rektor der Bauhaus-Universität Weimar, von der Studentenaktion und auch von der Kritik am Hochschulpakt. "Ohne den Hochschulpakt wäre die Situation aller Thüringer Hochschulen bedeutend schlechter", sagte er. Die Vereinbarung bedeute keine "Knebelung" und schon gar kein "Kaputtsparen". Der Rektor sei "wohl aus Angst vor noch drastischeren Kürzungen" dazu übergegangen, den Sparkurs in der Öffentlichkeit als richtig zu legtimieren, konterte die Studíerendenschaft.

Tatbestand: "Unterdrückung einer Urkunde"

Der Oberbürgermeister, dem die Studenten die Feier verhagelten, verstand jedenfalls keinen Spaß und stellte Strafanzeige. Am Mittwochnachmittag berief der Studierendenkonvent eilends eine Vollversammlung ein, um von der "Konfiszierung" zu berichten und das weitere Vorgehen abzustimmen. Prompt tauchten auch uniformierte Polizisten auf und suchten Tatverdächtige und das Diebesgut.

Protest in Weimar: Keine Mitsprache für Studenten?
AP

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Die Vollversamlung wurde sich schnell einig, einen "spontanen Demonstrationszug" zur Stadtratsversammlung zu organisieren. Mit Rufen wie "Wir klauen zurück!" zogen knapp 200 Studenten durch die Stadt, um die Urkunde nebst Protesterklärung zurückzugeben.

Bei einem Gespräch mit den Studenten am Donnerstag mahnte Oberbürgermeister Germer zwar nach Angaben des Konvents zu "Recht und Ordnung", zeigte aber auch Verständnis für ihre Kritik und versprach einen regelmäßigen Dialog. Dann nahm er die Anzeige wegen "Entwendung und Unterdrückung einer Urkunde" zurück - Dokument wieder da, Ende eines kleinen Happenings.

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