Welt des Wissens Frag Willi

Seit 25 Jahren gibt es die deutsche Ausgabe des Wissensspiels "Trivial Pursuit". Ein Mann kennt fast alle Fragen: Willi Andresen hat sich rund 150.000 davon ausgedacht. Bei Quizshows im Fernsehen packt ihn der Ehrgeiz - aber eingeladen würde er niemals.

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Willi Andresen liest morgens nicht eine Zeitung. Er liest vier, manchmal auch fünf. Jeden Morgen verlässt er seine Wohnung, geht in den Kiosk gegenüber und kommt mit einem Stapel Zeitungen wieder heraus. Was dann am Frühstückstisch folgt, nennt der 56-Jährige "Scannen": Er sucht in den Artikeln nach Antworten auf Fragen, die erst noch gestellt werden müssen. Nämlich von ihm.

Fragensteller Andresen: Ein einsamer Traumjob
Birger Menke

Fragensteller Andresen: Ein einsamer Traumjob

Andresen ist Autor der deutschen Trivial-Pursuit-Ausgabe. Während Quizshows wie "Wer wird Millionär?" ganze Redaktionen beschäftigen, schreibt er allein seit 1986 alle Fragen und Antworten für die deutsche Ausgabe.

Beworben hatte er sich ursprünglich als Autor von Fragen zum Thema Musik. Nach seinem Studium der Publizistik hatte Andresen als Musikkritiker für Magazine und Zeitungen gearbeitet. Doch er verpasste den Abgabetermin der Probefragen - "ich hatte zu viel zu tun", erinnert er sich. Trotzdem schickte er zehn Fragen los. Und die Macher von Trivial Pursuit waren begeistert.

Bloß keine langweiligen Fragen

Rund 150.000 Fragen habe er inzwischen geschrieben, schätzt Andresen, ohne die nicht veröffentlichten, "da können Sie noch mal 20 Prozent draufschlagen". Alle anderthalb bis zwei Jahre wird Trivial Pursuit erneuert, mal wird die Hälfte der 3600 Fragen ausgetauscht, das nächste Mal sind es alle Fragen. Hinzu kommen Sonderausgaben wie "Essen und Trinken" oder die Olympia-Edition.

Anfangs arbeitete Andresen weiter als Journalist und nebenbei als Spieleautor, "dann merkte ich, dass die Suche nach Fragen zu zeitintensiv ist". Acht bis zehn Stunden am Tag arbeitet er und schafft bis zu 30 Fragen. Früher seien es mehr gewesen, manchmal 100, wenn der Abgabetermin näher rückte. Doch Andresen stößt inzwischen immer wieder bei seiner Recherche auf Fakten, nach denen er bereits gefragt hat.

Die Auswahl sei eine Gratwanderung: Die Fragen dürften nicht zu schwer sein, aber auch nicht zu leicht, zu offensichtlich. "Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür." Ob er die richtige Mischung getroffen hat, überprüft dann sein Lektor, zudem testet er die neuen Fragen an Quizabenden mit Freunden.

Der Lektor ist sonst aber vor allem für die Sprache zuständig. Es sei eine kleine Kunst, eine Frage richtig zu stellen. "Sie darf nicht langweilig sein, zum Beispiel würde ich nicht fragen: 'Wie hieß Goethe mit Vornamen?', sondern 'Welche Vornamen erhielt Goethe von seinen Eltern?'."

Rumsurfen, Zeitungen durchstöbern, fernsehen

Manche Fehler unterliefen ihm trotz Lektor und Testrunden: "Eine Frage zielte auf den ersten Satz, den der scheinbar taubstumme Indianer in dem Film 'Einer flog übers Kuckucksnest' sagt." Andresen schrieb: "Hm, schmeckt gut." Stimmt nicht. Am Tag, als das Spiel auf den Markt kam, fiel ihm der Fehler auf - zu spät. Heute schmunzelt er, wenn er davon erzählt, doch die Momente, in denen er Fehler bemerkt, beschreibt er mit hanseatischem Temperament: "Gar nicht gut."

Was der Indianer tatsächlich sagt, weiß Andresen nicht mehr aus dem Kopf (der große Bromden sprach, siehe Video bei YouTube: "Danke", und dann "Mmmm, Juicy Fruit"). Er könne sich bei weitem nicht an alle Antworten erinnern, so gut sei sein Gedächtnis nicht. Und doch ist er es, der gefragt wird, wenn in Unterhaltungen mit Freunden eine Wissensfrage im Raum steht. Oft kann er ihnen den Gang zu Google oder Brockhaus ersparen.

Andresen arbeitet Zuhause, er wohnt mit seiner Frau in einer herrlichen Altbauwohnung im noblen Hamburger Stadtteil Harvestehude. In seinem Arbeitszimmer stehen zwölfstöckige Regale an den hohen Wänden, darin Tausende von CDs, DVDs und Nachschlagewerke wie der Brockhaus oder Kindlers Literaturlexikon. Es sei ein einsamer Job, sagt er. Früher besuchte Andresen häufiger Bibliotheken, "damals war die Recherche wesentlich schwieriger". Dafür kam er öfter raus, unter Leute.

Das Internet habe die Bücher und Magazine zwar nicht vollständig ersetzt, doch die Hauptrecherche finde heute im Netz statt. "Ich kommuniziere die meiste Zeit nur mit dem Computer", sagt Andresen. Er meint das nicht negativ, im Gegenteil - "das ist das Schöne an dem Job: rumsurfen und dabei Zugang zu allen möglichen Themen bekommen".

Autorentreffen auf Barbados - leider passé

Zwei Quellen muss Andresen seinen Auftraggebern zu jeder Frage angeben. Seit dem vergangenen Jahr darf eine davon Wikipedia sein. Andresen hatte sich mit Autoren aus anderen Ländern zusammengeschlossen und das Internet-Lexikon als Quelle durchgesetzt. Überhaupt pflegen die 15 Schreiber den Kontakt und treffen sich in losen Abständen. "Der Kollege in England zum Beispiel stellt viele Fragen zum Königshaus, das geht hier natürlich nicht", sagt Andresen. Bei Fragen könnten sie kaum voneinander profitieren, die Ausgaben unterschieden sich zum Teil beträchtlich voneinander.

Bis vor einem Jahr fanden die Treffen der Fragendichter zuweilen auf Barbados statt: Dort war der Sitz des Unternehmens, das die beiden Trivial-Pursuit-Erfinder gegründet hatten. Doch dann kaufte der amerikanische Spielwarenhersteller Hasbro die Lizenz für gut 80 Millionen Dollar. Die Erfinder können sich nun endgültig als Millionäre zur Ruhe setzen, Andresen und seine Kollegen müssen dafür künftig auf bezahlte Karibikreisen verzichten, das letzte Treffen fand in Essen statt.

Macht nichts, findet Andresen. Ein Urlaub ohne Laptop ist für ihn ohnehin undenkbar. "Beim Reisen, beim Fernsehen, beim Zeitungslesen - immer denke ich mit, ob das, was ich sehe oder lese, verwertbar sein könnte." Wenn er sich Wissensshows ansehe und einmal die Antwort auf eine Frage nicht wisse, schlage er sie sofort nach, "der Ehrgeiz packt mich immer". Aber selbst teilnehmen, das wolle er nicht. Ohnehin ist er sich sicher: "Die würden mich sowieso niemals einladen."

Einmal rief ihn ein Mann an, der sich für seinen Auftritt bei "Wer wird Millionär?" vorbereitete. Andresen sollte sein Telefonjoker sein. Er entschied sich dagegen, "der Mann war mir nicht geheuer". Er hätte schlicht absagen können, doch er machte ihm ein Angebot: Er wäre dabei, wenn sie den Gewinn teilen, "fifty-fifty". "Der Mann legte natürlich sofort auf", erinnert sich Andresen und freut sich noch heute diebisch: Ein bloßes Nein wäre auch eine zu einfache Antwort gewesen.



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