Weltjugendtag Gemeinschaft pur, rund um die Uhr

D'r Papst kütt, 400.000 Menschen aus aller Welt reisen an. Für viele junge Katholiken zählt das Gemeinschaftserlebnis. Aber es ist keine anonyme Masse, die auf Kommando jubelt. Sie haben ihre eigenen Ansichten - und mit Benedikt XVI. oft leichte Kreuzschmerzen.

Von Inga Rapp


Gottesdienst im Stadion (in Leverkusen): 16.000 Helfer stimmen sich ein
Inga Rapp

Gottesdienst im Stadion (in Leverkusen): 16.000 Helfer stimmen sich ein

Kölner Messegelände, Halle 10. Bis weit vor die Halle stehen Menschen Schlange, um rote T-Shirts und hellblaue Rucksäcke abzuholen. Sprachfetzen schwirren durch den Raum. Polnisch durchsetztes Englisch mischt sich mit philippinisch gefärbtem Deutsch. "Spricht hier zufällig jemand Spanisch?" 400.000 Pilger und 25.000 freiwillige Helfer aus 193 Ländern werden erwartet. Es sind überwiegend junge Leute, die zwei Wochen ihres Sommers in Köln verbringen werden.

Die Kirchengegner vom "Heidenspaß-Komitee" befürchten, dass "Heerscharen bigotter Menschen" zum Weltjugendtag (WJT) in Köln und Umgebung einfallen. Aber die Teilnehmer sind nicht als Claqueure für den konservativen Papst gekommen. Und bei den Helfern sind auch nicht nur Katholiken dabei. Sebastian, 30, zum Beispiel ist aus der Kirche ausgetreten. Trotzdem macht der BWL-Student aus Köln mit - oder vielleicht auch gerade deswegen. "Hier geht es nicht um ein Event für den Papst", stellt er klar, "sondern das ist ein Event für jede Menge Menschen, die an dieselbe Sache glauben."

"Der Papst ist zweitrangig"

Um zu glauben, muss man Ansicht von Sebastian nicht zwangsläufig in der Kirche sein. "Für mich ist jemand Christ, der hilft, wenn jemand Hilfe braucht. Nächstenliebe kann ja auch bedeuten, einfach mit einem Freund im Café zu sitzen, wenn es dem dreckig geht." Statt im Café zu sitzen wird Sebastian während des Weltjugendtages mit dazu beitragen, dass alle etwas im Magen haben. Sein Team ist eines unter 230, die warmes Essen und Lunchpakete an die Pilger verteilen.

Plakate malen für den WJT: "Die VIPs sind nicht wichtiger als wir"
Christina Feldhoff

Plakate malen für den WJT: "Die VIPs sind nicht wichtiger als wir"

Auf der anderen Rheinseite streicht Andrea einen überdimensionalen Stuhl in leuchtendem Gelb an. Auf dem Platz unter der Mülheimer Brücke wird am Montag das Verbandszentrum "Feel the spirit" seine Pforten öffnen. Die 25-Jährige hat die Wahl des neuen Papstes mit Spannung verfolgt. "Johannes Paul II. war ja schon vor meiner Geburt da, der war eine Institution. Mir wurde sehr deutlich, als Benedikt XVI. gewählt wurde, dass da ein Mensch gewählt wurde. Johannes Paul II. war so groß, Benedikt XVI. ist das für mich nicht."

Aber der Papst ist für Andrea auch gar nicht die Hauptsache am Weltjugendtag. "Es ist zweitrangig, dass er kommt. Ich finde es schade, dass das jetzt so ausgeschlachtet wird und die ganzen VIPs wichtiger werden als wir. Das gehört da nicht hin. Die Jugend der Welt ist zu Gast in Deutschland, nicht die Promis sind zu Gast bei Papst Benedikt!"

Distanz und Zustimmung zur Amtskirche

Dominique, 27, Psychologie-Studentin aus Köln, sieht es ähnlich wie Andrea. "Wenn man Außenstehenden vom Weltjugendtag erzählt und davon, dass man selbst dort mitarbeitet, dann wird als erstes gefragt: Siehst Du dann auch den Papst? Und dann: Passiert eigentlich noch was? Warum zählt das nicht, dass hier Jugendliche aus aller Welt zusammenkommen? Warum interessiert das nur, weil auch der Papst kommt? Warum verkauft sich nicht einfach dieser Gemeinschaftsgedanke?"

Für viele WJT-Teilnehmer mag der Besuch des Kirchenoberhauptes zweitrangig sein - aber die Institution Kirche an sich halten sie noch lange nicht für überflüssig. Arno, 29, sieht das so: "Ich denke, eine gewisse Struktur ist nötig", sagt der Kölner Geschichts-Student, "es muss jemand da sein, der Glaubensgrundsätze aufstellt und überwacht, damit nicht jeder glaubt, was er will. Und gerade in der katholischen Kirche klappt das ja sehr gut. Es gibt so viele verschiedene Strömungen unter einem Dach."

Trotzdem ist auch für Arno nicht alles eitel Sonnenschein. Er ist in der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) aktiv, einem Jugendverband, der sich Demokratie und Selbstbestimmung auf die Fahnen geschrieben hat. Kein leichtes Unterfangen in einer Atmosphäre, die stark hierarchiegeprägt ist. "Ich frage mich, ob die Maßregelung aus Rom immer so sein muss. Das gilt gerade für die Jugendverbände. Meinungsfreiheit muss sein, und von vornherein Denkverbote zu erteilen, darüber rege ich mich auf."

Ärger über Maßregelung und Denkverbote

Die Paderborner Studentin Nadine, 27, sieht die Sache etwas gelassener. "Es ist ein großer Segen, dass es eine weltumspannende Einheit gibt - die Kirche mit Papst, Bischöfen und dem gesamten Klerus. Das schafft viel Stärke, viel Rückendeckung, eben etwas Universelles", sagt Nadine.

Für sie ist es klar, dass es zwangsläufig auch zu Konflikten kommt: "Eine Einheit auf der ganzen Welt zu erhalten, bedeutet auch immer, dass Entscheidungen akzeptiert werden müssen - oder eben angefochten, wenn sie umstritten sind. Da sind momentan viele unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Ethik und Lebensweise und Politik, es treffen Norden und Süden, Arm und Reich, West und Ost aufeinander: große Unterschiede und auch große Vielfalt."

KJG-Mitglieder: Zimmern für das Zentrum "Feel the spirit"
Christina Feldhoff

KJG-Mitglieder: Zimmern für das Zentrum "Feel the spirit"

Die Teilnehmer versprechen sich vom Weltjugendtag ein besonderes Gemeinschaftserlebnis. Was da genau passiert, würde Studentin Dominique gern erklären können, doch "dieses Gefühl lässt sich nicht beschreiben, wenn man es nicht erlebt. Das ist unmöglich, so wie es für mich unmöglich ist, die Schönheit von Farben wirklich zu begreifen." Dominique ist übrigens blind.

Bengta, 19, aus Cuxhaven versucht, es an einem Beispiel zu erläutern. "Bei uns in der Unterkunft haben wir zwölf Nationen, jeder kocht mal abends was aus seinem Land. Wir sitzen alle zusammen und singen Lieder, alle in einer anderen Sprache, aber alle das gleiche Lied." Ihre Augen leuchten. Und für sie als Protestantin verbindet sich mit dem Begriff der Gemeinschaft noch etwas ganz anderes: die Ökumene. Sie hofft, dass der neue Papst bei den Beziehungen zwischen den christlichen Konfessionen etwas bewegen wird. "Natürlich wird es immer Unterschiede geben zwischen uns - aber wir haben alle den gleichen Gott."



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