Weltweiter Bildungsvergleich Deutschland fehlen die Akademiker

Bei der Zahl der Hochschulabsolventen fällt Deutschland im internationalen Vergleich zurück. Andere Industriestaaten haben mehr Abiturienten und bilden mehr junge Akademiker aus, so ein neuer Bericht der OECD-Bildungsexperten. Ihre Note für Deutschland: mangelhaft.


Berlin - Deutschland läuft Gefahr, im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren: Ungefähr so fällt jedes Jahr das Gesamturteil aus, wenn die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Studie "Bildung auf einen Blick" vorstellt. Das war auch heute beim Vergleich der Bildungssysteme der 30 wichtigsten Industriestaaten nicht anders - abermals setzte es einen Rüffel für den Bildungsstandort Deutschland. Zwar stieg von 2000 bis 2004 der Anteil der deutschen Universitäts- und Fachhochschulabsolventen pro Jahrgang von 19,3 auf 20,6 Prozent. Die meisten anderen OECD-Länder schafften aber größere Zuwächse. Mittlerweile erwerben im OECD-Schnitt knapp 35 Prozent der jungen Menschen einen Hochschulabschluss, sieben Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

Absolventen (amerikanische Uni in den Vereinigten Arabischen Emiraten): Deutschland hängt zurück
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Absolventen (amerikanische Uni in den Vereinigten Arabischen Emiraten): Deutschland hängt zurück

Nur noch die Tschechische Republik, Österreich und die Türkei bildeten pro Jahrgang weniger Akademiker aus als Deutschland. Anlass genug für den OECD-Bildungsexperten Andreas Schleicher, seiner Hauptaufgabe als Chefmahner nachzukommen: Wegen der geburtschwachen Jahrgänge, die künftig die Schule verließen, werde Deutschland "den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können". Der OECD-Bildungskoordinator sprach bei der Präsentation der Studie von einem "dramatischen Anstieg des Bedarfs von Spitzenqualifikationen" in allen Industrienationen.

Erfolgreiche Länder wie Finnland und Japan hätten für ihr Bildungssystem eine strategische Perspektive entwickelt. "Solche Vorstellungen, wo es hingehen soll, kann ich in Deutschland nicht erkennen", sagte Schleicher der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch der Schock, den die im internationalen Vergleich erheblichen Leistungsmängel deutscher Schüler in Pisa-Studien hervorgerufen haben, sei letztlich ohne Wirkung geblieben. Über Lehrer und Schüler schwappe nur eine Reformwelle nach der anderen hinweg, aber am Stillstand im Bildungswesen habe sich nichts geändert.

"Optimierungsdebatte" reicht nicht aus

Die Bildungspolitiker fragten sich nur, "wie man das bestehende Bildungssystem noch ein wenig schneller, noch ein wenig besser machen kann", äußerte sich Schleicher enttäuscht. Eine solche "Optimierungsdebatte" reiche jedoch nicht aus, wenn der Bildungsbereich den Ansprüchen einer modernen Gesellschaft gerecht werden solle - der OECD-Mann trommelt gern laut und alarmistisch für eine Komplettumkehr im Bildungssystem.

Deutschland gleicht laut OECD die Rückstände in der Hochschulausbildung nur langsam aus. Dies zeige sich auch an den gestiegenen Zahlen von Studienanfängern. Das Potenzial an Studenten sei zudem weitgehend ausgeschöpft, da nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Schüler die Hochschulreife erwerbe. Als positiv bewertet die OECD die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen.

Bei den Basisqualifikationen für den Arbeitsmarkt, zu denen Abitur oder eine abgeschlossene Lehre gehören, steht Deutschland dagegen traditionell gut da: Im Jahr 2004 hatten 85 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen so genannten Sekundarstufe-II-Abschluss. Dieser Wert werde nur von sieben OECD-Ländern signifikant, also um mehr als fünf Prozentpunkte, übertroffen.

Gerangel um die "Kinderschwundprämie"

Die Bundesrepublik gibt weniger Geld als andere Länder für Bildung aus. Laut OECD lag der Anteil öffentlicher und privater Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2003 mit 5,3 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent.

Deutschland müsse nun "einen Zwischenspurt einlegen" und angesichts sinkender Schülerzahlen "alle Begabungsreserven mobilisieren", sagte Andreas Storm, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium. Auch Ute Erdsiek-Rave, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, forderte eine "Qualitäts-Offensive" für das deutsche Bildungssystem. Finanziert werde könne dies durch das Geld, das Länder und Kommunen in den nächsten Jahren durch den erheblichen Rückgang der Schülerzahlen einsparten, sagte die SPD-Politikerin bei der Vorstellung der OECD-Studie: "Das Geld muss in der Bildung bleiben und darf nicht in die Spardosen der Finanzminister wandern."

Durch den Geburtenrückgang wird die Zahl der Schüler nach Angaben der Kultusministerkonferenz bundesweit bis zum Jahr 2020 um mehr als zwei Millionen oder 17 Prozent sinken. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Prognose AG zeigte, dass deshalb fast überall in Deutschland Milliardensummen frei werden. Bundesweit sollen demnach 2020 rund 13 Milliarden Euro weniger für Schulbildung ausgegeben werden als heute. In dem gesamten Zeitraum summiere sich diese "demografische Rendite", auf fast 100 Milliarden Euro, so die Forscher.

Das Gerangel um die "Kinderschwundprämie", wie es Johannes Singhammer, familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, nannte, hat bereits begonnen. Sowohl die Bildungs- als auch die Familienpolitiker werden versuchen, sie dem Zugriff der Finanzminister zu entziehen - mit mäßigen Chancen. "Das Geld muss als Zukunftsinvestition in der Bildung bleiben und darf nicht einfach für neue Ampeln oder Verkehrsverteiler verbraucht werden", sagte etwa gestern Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Sie forderte Bund, Länder und Kommunen auf, diese Milliarden in bessere Kindergärten, Ganztagsschulen und Hochschulen zu investieren. Vor allem für Kinderbetreuung und frühkindliche Bildung müsse in Deutschland mehr Geld ausgegeben werden. Dazu sei in den nächsten Jahren eine "echte Chance" gegeben.

jaf/jol/AFP/dpa/ddp



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