WG-Casting Und täglich fehlt das Klopapier

Weiblich, ledig, jung - gesucht! Zum Start des neuen Semesters vergeben drei Osnabrücker Studentinnen das freie Zimmer in ihrer Mädchen-WG. Per Casting fahnden sie nach einer sympathisch-forschen Mitbewohnerin. Der Siegerin winken: 16 Quadratmeter, Küche, sehr kleines Bad.

Hendrik Steinkuhl

Von Hendrik Steinkuhl


Hohe Decken, schöne Holzdielen, große Küche - nur das Bad hat leider in etwa die Fläche von drei hintereinander geparkten Einkaufswagen. "Deshalb schminkt sich jede von uns auf dem Zimmer", sagt Deniz. Um eines dieser Zimmer bewirbt sich an diesem Abend ein halbes Dutzend Frauen, und ein halbes Dutzend Mal sagt Deniz diesen Satz. Irgendwann, meint sie, komme man sich vor wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat.

Seit acht Semestern teilen sich Deniz, Sara und Franziska eine Altbauwohnung in Osnabrück. Vor ein paar Wochen ist noch Laura eingezogen, die sich schon nach drei Tagen wieder verabschiedet hat - ins Praktikum. Das Casting überlässt sie deshalb ihren Mitbewohnerinnen.

Viermal haben die Lauras Zimmer schon neu besetzen müssen, entsprechend viele Kandidatinnen haben sie auch schon vortanzen lassen: "Das müssten um die 80 gewesen sein", sagt Sara. Die ersten Castings zogen sich noch über zwei Wochen hin, und am Ende konnte sich niemand mehr an die ersten Bewerberinnen erinnern. Das sei unfair gewesen, sagt Deniz.

"Klopapier kaufen wir hier immer abwechselnd"

Diesmal wird Franzis Zimmer neu vergeben. Und diesmal dauern die Vorstellungsrunden nicht mehr von Anzeigenveröffentlichung bis mal gucken, sondern von Mittwoch bis Freitag. "Super zentrale Lage", "Bushaltestelle fast vor der Haustür", "drei reizende Mitbewohnerinnen (22, 23, 24)" steht dieses Mal im Inserat. Die Sätze drumherum klingen ähnlich verlockend. Schaut man sich die Wohnung an, kann man der Anzeige ein seltenes Lob geben: kein Wort gelogen.

"Klopapier kaufen wir hier immer abwechselnd, das fehlt ständig. Wenn du dran bist, steht die leere Klorolle in deinem Regalfach", sagt Deniz. Ihr gegenüber sitzen Janina und zwei Cousinen. Wie sie da hocken und quasseln, könnte man denken, dass alle drei das Zimmer haben wollen. Am Ende bekommt es keine. "Das waren Cousinen? Die sahen ja nicht mal so aus, als kämen sie aus demselben Land!", sagt Sara. Das bleibt die einzige Bemerkung zu Janina und Verwandtschaft.

Ähnlich spurlos geht Katrin vorüber: Alter, Studienfach, Heimatort... alles zwar aufgeschrieben, aber alles auch schnell wieder vergessen. Katrin flüstert, Katrin ist sehr blass, leider nicht nur im Gesicht. 22 Zimmer habe sie sich schon angeschaut, überall Absagen. Vermutlich werden noch einige dazukommen, und leichter wird ihre Wohnungssuche auch nicht werden: Die Osnabrücker Studentenwohnheime sind bereits überfüllt: Der Doppeljahrgang, der in diesem Jahr das Studium beginnt, sorgt für riesige Konkurrenz auf dem studentischen Wohnungsmarkt.

"Eigentlich haben wir ihren Vater gecastet. Der war so was von sympathisch"

Nach dem Auftritt einer Kandidatin besprechen sich die drei Jurorinnen auf dem Balkon. Wenn man Deniz und Sara zuhört, wird schnell klar: Franzis Nachfolgerin muss ein forsches Mädchen sein. Interessanterweise ist Franzi das überhaupt nicht. Würde sie sich um ihr eigenes Zimmer bewerben, sie käme vermutlich nicht mal in die engere Auswahl.

Marina, die nächste Kandidatin, ist forsch. Ziemlich forsch. Auf Deniz' Fragen nach Studium, Geschwistern oder Musikgeschmack gibt sie nicht einfach eine Antwort. Gestenreich und laut erzählt sie jedes Mal eine Geschichte. Sie studiere Anglistik und Kunst, sagt Marina, aber Achtung: nicht auf Lehramt! Eine Schwester habe sie, die Jenny, und die sei irgendwie so ihr totaler Schatz, zwei Jahre jünger, vor ein paar Jahren hätten sich beide "M & J" tätowieren lassen, also ihre Anfangsbuchstaben, aber bei ihr habe das viel mehr wehgetan als bei ihrer Schwester, und ja, da...

"Ich finde, die passt zu uns", sagt Sara später auf dem Balkon. Deniz nickt. Franzi nickt auch, wirkt aber nicht völlig überzeugt.

Vor einem Jahr bei Marie hatten die drei auch gedacht, sie würde zu ihnen passen. Dann zog die 19-Jährige ein und benahm sich, als sei sie neun. Fragte: "Wie schält man eine Mango?", drehte aus Trotz morgens um 6 die Anlage voll auf und suchte sich irgendwann heimlich eine neue Wohnung. "Uns ist erst später aufgefallen, dass wir eigentlich ihren Vater gecastet haben", sagt Deniz. "Der hat sie begleitet und war so was von sympathisch!", sagt Sara. Diesen Fehler wollen sie auf keinen Fall wiederholen. Deshalb bekommt auch Caro eine Absage, die in Begleitung von Mutter und Schwester kommt.

Die Schwester hätten sie genommen, sagen die drei auf dem Balkon. Caro nicht.

Dann teilt die forsche Marina per SMS mit, wie sehr ihr alles gefallen habe. Knapp eine Stunde, nachdem sie die Wohnung verlassen hat.

"Das ist jetzt echt too much!", sagt Sara.

Bloß den Zettel behalten!

Trotzdem schafft es Marina ins Finale am Samstag. Die drei Favoritinnen müssen sich noch einmal gemeinsam präsentieren, Marina reist sogar extra an, fährt eine Stunde mit dem Zug, und am Ende - bekommt sie das Zimmer nicht. Der Zuschlag geht an Charlotte, 23, die allerallerletzte Bewerberin am Freitag gegen 22 Uhr. "Boah", sagt Sara, "wir haben gedacht: Wenn da jetzt nicht eine Vernünftige kommt..." Die kam dann ja - offen sei sie, sympathisch, und nicht ganz so forsch wie Marina.

Bis allerdings Charlotte ihr Kühlschrankfach in der WG eingeräumt hat, bleibt die Liste mit den Telefonnummern ihrer Konkurrentinnen unangetastet. Denn einmal haben Deniz, Sara und Franzi nach einem erfolgreichen Casting den Zettel mit den Kontaktdaten der Bewerberinnen weggeworfen - und dann sagte die Casting-Gewinnerin ab, weil sie doch lieber in Münster studieren wollte.

Also wieder 20 Bewerberinnen, wieder 20 Wohnungsführungen, wieder 20-mal: "Weil das Bad so klein ist, schminkt sich jede von uns auf dem Zimmer."

Man könnte verstehen, wenn die drei Studentinnen noch heute sauer wären auf die wankelmütige Casting-Gewinnerin, die ihnen das alles eingebrockt hat. Doch keine Spur, "die war total nett, und wir waren ja so blöd, den Zettel wegzuwerfen", sagen sie. Reizend. Man kann Charlotte nur beglückwünschen.

Die Namen der Bewerberinnen wurden geändert.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
marvinw 04.10.2011
1. Casting: neumodischer Quatsch
Ist natürlich sehr in der Mode a la Superblödstar mit Bohlen usw., aber was haben diese Einwohner davon wenn sie eine Mitbewohnerin bekommen die sich super verkaufen kann aber hinterher sich als unerträgliche Zicke rausstellt? Hier muss mehr Wert auf echte Person gelegt werden, auf Verträglichkeit untereinander, vielleicht gleiche Interessen, gleiche hygienische Vorstellungen usw.
demut 04.10.2011
2. Gab es auch schon vor 15 Jahren
ich erinnere mich noch gut an eines meiner WG-Castings in Trier vor mehr als 15 Jahren. Damals ging es um ein Zimmer in einer 6er WG, Haus mit Garten und Sauna. Das Zimmer habe ich dann auch bekommen, weil ich ein T-Shirt mit Fröschen mit abgetrennten Unterschenkeln anhatte, worauf im Hintergrund ein Restaurant mit Froschschenkel-Sonderangebot zu sehen war... Das hat den Bewohnern sehr imponiert, sie waren nur in Sorge, dass ich vielleicht zu chaotisch sein würde und waren im Nachhinein völlig überrascht, einen völlig normalen Mitbewohner zu haben. Die beste WG war allerdings eine Neugründung mit vorher völlig unbekannten Personen, bei der wir uns regelmäßig den Staubsauger und den Klostampfer bei der alten Dame, in der Wohnung unter uns ausleihen mussten. Hach, das waren noch Zeiten als man richtig jung war.
steamiron 04.10.2011
3. .
Zitat von sysopWeiblich, ledig, jung - gesucht! Zum Start des neuen Semesters vergeben drei Osnabrücker Studentinnen das freie Zimmer in ihrer Mädchen-WG. Per Casting fahnden sie nach einer sympathisch-forschen Mitbewohnerin. Der Siegerin winken: 16 Quadratmeter, Küche, sehr kleines Bad. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,787813,00.html
Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Frauen eine Wohnungsvergabe zu einem Casting machen und einfach Spass dran haben Leute (unbewusst) zu verarschen. Da werden Fotos gemacht, weil man sich an die ersten Bewerber nicht mehr erinnert. Es werden 20 - 30 Kandidaten unter die Lupe genommen. Alles sehr überflüssig. Der erste Eindruck entscheidet und man kann mit Sicherheit bei max. den ersten zehn Bewerbern einen passenden finden. Aber manche lieben es Ihre Allmachtsfantasien auszuleben!
Elcapwn 04.10.2011
4. Miese Castings.
Ich muss sagen ich bin relativ schockiert, wie manche Leute sich neue Mitbewohner casten. Niemand würde das mit sich machen lassen, wären sie nicht in so einer elementaren Notsituation. Leute noch ein zweites mal zu sich zu bestellen sozusagen als recall... Man muss sich mal überlegen, was für einen Aufwand und was für Kosten das für manche Leute bedeutet, die dann am Ende gar nicht genommen werden. Stellt euch vor jede WG würde sich so daneben benehmen, dann müsste wohl jeder Wohnungssuchende zwei Monate zum suchen einplanen... Wir müssen uns auch regelmäßig mal nen neuen Mitbewohner besorgen und spielen unsere Position nicht so maßlos aus. Man kann per mail schon mit den Leuten ein wenig in Kontakt treten und da sozusagen die größten "Nieten" aussortieren. Und wer nur ein klein wenig ein Gefühl für Menschen hat wird sich die totalen bratzen auch nicht in die Wohnung holen. Wenn jemand dann nicht bester Freund wird ist das ja total in Ordnung, solang er ein angenehmer Mitbewohner bleibt. Letztlich zeigt sich eh erst im Laufe von 1-2 Semestern ob die chemie beim Zusammenwohnen wirklich stimmt, also kann man sich sone scheiße auch sparen. Mich macht sowas relativ sauer und ich bin beschämt, dass diese DSDS-Mentalität scheinbar schon bei der Wohnungssuche angekommen ist...
betawa 04.10.2011
5. Ich glaube
die jungen Leute sind inzwischen schon so vom Medienmüll der Privatsender im Hirn verpestet dass sie solche komischen Methoden gar nicht mehr hinterfragen und als vollkommen normal empfinden. Als nächstes kommt dann das Porno-Casting inkl anschliessendem Dreh, für die Wohung/ein Zimmer. Ach nein das gibt es ja längst. Allerdings geschauspielert. Wenn sich das aber so weiter entwickelt, in den Köpfen von Studenten und WG-Anbietern, dann muss ein solches Szenario bald nicht mehr gestellt (gefaked, damit mich auch die Generation Facebook versteht) werden.
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