Hilfe vom WG-Psychologen "Er legt sich aufs Sofa und guckt RTL"

Es sollte eine Übergangslösung sein. Doch der kleine Bruder der WG-Mitbewohnerin zieht einfach nicht mehr aus dem Gästezimmer aus. Statt sich eine eigene Bleibe zu suchen, lümmelt er auf dem Sofa. Was tun?

Wenn der WG-Mitbewohner nervt
Corbis

Wenn der WG-Mitbewohner nervt


Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag:
    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.
Tom* schreibt:

Sehr geehrter Herr Büter,

ich bin 25 Jahre alt und studiere Sport in Berlin. Die Situation in meiner WG ist momentan für mich nicht mehr auszuhalten. Wir leben in mehrfach wechselnder Besetzung seit knapp drei Jahren zusammen. Im Moment gehören zu unserer Gemeinschaft mein bester Freund und seine Freundin und ein Kumpel von ihm.

Anfang Oktober war ich in Griechenland und als ich wieder zurückkehrte, lebte der kleine Bruder meiner Mitbewohnerin in meinem Zimmer. Er ist 19 Jahre alt und hat einen Studienplatz in Berlin gefunden, leider aber keine Wohnung. Seit ich wieder zurück bin, wohnt er im Gästezimmer - ohne Miete zu zahlen. Mit 50 Euro beteiligt er sich an den Nebenkosten. Er wohne ja "quasi nicht bei uns", sagt seine Schwester.

Für mich ist dieser Zustand eine absolute Katastrophe. Er ist ein komplett verzogener kleiner Junge, der noch nie in seinem Leben eingekauft, geputzt, gespült oder sich anderweitig im Haushalt beteiligt hat. Wenn er nach Hause kommt, backt er sich eine Pizza auf, legt sich aufs Sofa und guckt RTL. Ich kann und werde mit ihm niemals auf eine Wellenlänge kommen und bin seit Oktober am Warten, dass er eine eigene Wohnung findet.

Ich habe auch seine Schwester und meinen besten Freund darauf angesprochen. Sie sagen, er würde einfach keine Wohnung finden und man könne ihn nicht auf die Straßen setzen. Ich bin mit meinem Latein am Ende, da auch jeder Versuch, mit ihm über dieses Thema zu sprechen, scheitert. Wenn ich ihm Angebote schicke oder ihm sage, dass ich jemanden kenne, der ein Zimmer hat, möchte er da nicht einziehen, weil dies nicht seinen Ansprüchen entspricht: zentrale Single-Wohnung in einem Altbau unter 400 Euro.

Über einen Tipp wäre ich sehr dankbar!

Mit freundlichen Grüßen, Tom

* Name geändert

Typologie der WG-Mitbewohner: Glucken, Schnorrer, Spießer
WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Lieber Tom,

Ihr Gast profitiert von einer Hilfestellung, wie sie unter Freunden und Verwandten nicht unüblich ist. Seine Art, diese auszunutzen und die Dauer, die sich abzeichnet, geht jedoch über das hinaus, was üblich und vertretbar ist. Unter rechtlichem Gesichtspunkt hat er keinen Anspruch auf einen Status als inoffizieller Dauermieter. Das könnten Sie ohne Weiteres in die Waagschale werfen, auch offiziell. Es wäre jedoch vermutlich das Ende Ihrer freundschaftlichen Beziehungen.

Bevor Sie in Ihrer Verzweiflung an diesen Punkt geraten, können Sie den Freunden mitteilen, die Situation zwei, drei weitere Monate tolerieren zu wollen, aber keinesfalls länger. Sie ärgern sich zu Recht über die zitierten Ausflüchte, er wohne gar nicht bei Ihnen und finde keinen "angemessenen" Wohnraum.

Die Freunde bewerten somit das WG-Verhältnis als normal und akzeptabel, was es bei anderer Ausgestaltung auch gewesen wäre. Bieten Sie trotz allem weiter Hilfe bei der Wohnungssuche an, obwohl das nicht Ihre Aufgabe ist. Fordern Sie im Gespräch, einen Kompromiss bei der Unterkunft zu finden - auf dem Angebotsmarkt und nicht in der WG und zu deren Lasten.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
kuac 17.03.2016
1.
Es kann ja sein, dass der Bruder keine Wohnung findet. Wieso zahlt er aber keine Miete? Ich würde den Vermieter einschalten. Es ist nicht in seinem Interesse, wenn eine extra Person in seinem Haus wohnt.
fatherted98 17.03.2016
2. Ganz einfach...
...entweder rausschmeissen (wenn man den Mumm dazu hat) oder die Miete für die Mitbewohnerin verdoppeln....dann ist der kleine Bruder ganz schnell weg.
Ein_denkender_Querulant 17.03.2016
3. Raufschmeißen
Da gibt es keine Frage, rausschmeißen. Sofort und mit Nachdruck. Ein Übernachtungsgast zu sein ist das eine, aber unsere klare WG-Regel war, wenn jemand länger als eine Nacht bleiben möchte, müssen alle WG-Mitglieder zustimmen.
GyrosPita 17.03.2016
4.
Ich liebe diese Kolumne. Jedesmal wenn ich sie lese erinnere ich mich wieder warum ich bis heute in keine WG gezogen bin und dies auch für meine restliche Lebenszeit nicht vorhabe.
Spiegulant 17.03.2016
5. Selber quasi nicht mehr in der WG wohnen
Wie wäre es denn, genau wie der Gratismitwohner, offiziell aus der WG auszuziehen, trotzdem natürlich wohnen zu bleiben, weil man ja kein Zimmer fände? Mietzahlungen und Haushaltsmitarbeit einstellen, da man ja "quasi gar nicht mehr dort wohnt"?
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