Hilfe vom WG-Psychologen Mein Mitbewohner erzählt ständig Lügengeschichten

Er habe ein Attest gegen Putzen und Verwandte im Königshaus: Denise hat einen Mitbewohner, der ständig wirre Geschichten erzählt. Wie soll sie damit umgehen?

WG-Bewohner (Symbolbild)
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WG-Bewohner (Symbolbild)

Von Ludger Büter


Denise schreibt:

Hallo Herr Büter,

ich wohne seit etwa zwei Jahren in einer Dreier-WG. Zunehmend bin ich dabei von meinem Mitbewohner genervt. Ich gehe ihm nur noch aus dem Weg, was aber nicht immer funktioniert, schließlich wohnen wir ja zusammen.

Am meisten rege ich mich über seine Lügengeschichten auf. Ständig erzählt er irgendeinen Mist, zum Beispiel, dass er ein ärztliches Attest habe, dass er nicht putzen dürfe oder dass er mit dem schwedischen Königshaus verwandt sei.

Kommilitonen von uns meinten, man müsse alles googeln, was er sagt. Man ist dann mal erstaunt, wenn doch eine Geschichte (halbwegs) stimmt. Hinweise, dass Ereignisse nicht so passiert sind, tut er ab und erzählt die Geschichte trotzdem wieder oder sogar noch extremer. Auch bei kleineren Sachen erzählt er Quatsch, so als könnte er keine Fehler zugeben. Ist mal was weg, war er das nie. So was würde er ja nicht essen, sagt er dann zum Beispiel - obwohl ich daneben stand, als er es aufgegessen hat.

Am beklopptesten fand ich, als ich ihn darauf hinwies, dass eine Flüssigkeit aus seiner Tasche ausläuft. "Das war ich nicht", war die Antwort. Dabei ist das doch keine schlimme Sache. Wie soll ich damit weiter umgehen?

Denise

Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag:
    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.

Liebe Denise!

Das von ihrem Mitbewohner erwähnte ärztliche Attest ist das beste Hilfsmittel, um ihm den Weg aus der WG zu ebnen. Kein Arzt würde sich mit so etwas zum Narren machen. Sein Hang zum Lügen könnte ein Zwang sein und somit krankhaft. Bedient er - nach seinem Empfinden erfolgreich - tieferliegende seelische Bedürfnisse nach Geltung und Schutz, verstärkt sich seine Neigung, die Wirklichkeit um sich herum zu verfremden. Sie beide als Mitbewohner werden das als zunehmende Penetranz erleben und zu beklagen haben. Diskussionen um Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit gehen am Problem vorbei.

Tun Sie, was allein Sie weiter bringt: Nehmen Sie - zum Schein natürlich - sein ärztliches Attest ernst und begründen damit die Notwendigkeit, sich eine eigene Unterkunft zu suchen, denn: Eine WG lebt von Mitgliedern, die gleichen Anteil haben an den Rechten und Pflichten ihres Alltags. Ist jemand nicht willens oder in der Lage, diesen nachzukommen, hat er keinen Platz in einer WG.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Ein weiteres unerschütterliches Argument zu Ihren Gunsten: Zu oft erleben und bewerten Sie gegensätzlich, was in der WG geschieht. Sollte das nicht seinem Vertrauen ebenso entgegenstehen wie Ihrem? Verneint er das, genügt es, sich auf Ihr eigenes Misstrauen zu berufen.

Bieten Sie Hilfe an bei der Suche und stellen Sie ihm in Aussicht, sich gegebenenfalls an den Vermieter zu wenden. Seien Sie konsequent, um eine Lösung voranzutreiben und so freundlich, wie Sie können, um dem Vorwurf vorzubeugen, als ginge es "nur" um Abneigung oder Feindseligkeit.

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
rwweide 23.05.2017
1. Psychotherapie
dieser Mann hat ein schwaches Selbstvertrauen und wahrscheinlich einen Minderwertigkeitskomplex, deswegen diese Unwahrheiten. Mit ihm darüber zu diskutieren bringt nichts, das attakiert nur noch sein Ego und verschlimmert sein Verhalten. Ein guter Psychotherapeut, welcher sich mit Ego - Problemen auskennt, könnte ihn aufwecken. Ihn von der WG zu entfernen, entfernt zwar denn Mann, hilft aber nicht sein Problem zu lösen und verlagert dies in die nächste WG oder wohin auch immer. Er braucht dringend Hilfe.
schlaueralsschlau 23.05.2017
2. Liebe Denise
Das ist kein Lügen. Er nimmt euch beide einfach nicht ernst und verarscht euch, wissend dass er damit durch kommt. Ihr müsst ihm mal drohen damit sich das ändert!
Shelly 23.05.2017
3. Er ist alt genug
Zitat von rwweidedieser Mann hat ein schwaches Selbstvertrauen und wahrscheinlich einen Minderwertigkeitskomplex, deswegen diese Unwahrheiten. Mit ihm darüber zu diskutieren bringt nichts, das attakiert nur noch sein Ego und verschlimmert sein Verhalten. Ein guter Psychotherapeut, welcher sich mit Ego - Problemen auskennt, könnte ihn aufwecken. Ihn von der WG zu entfernen, entfernt zwar denn Mann, hilft aber nicht sein Problem zu lösen und verlagert dies in die nächste WG oder wohin auch immer. Er braucht dringend Hilfe.
ein gewisses Maß an Selbstreflektion zu haben, die Mitbewohner sind auch nicht seine Erziehungsberechtigten. Raus aus der WG, Hilfe soll er sich woanders holen oder auch nicht, sonst hätte er es schon getan. Was wollen sie machen? Ihn zwangseinweisen? Keiner ist für die Probleme der ganzen Welt zuständig.
Msc 23.05.2017
4.
Zitat von rwweidedieser Mann hat ein schwaches Selbstvertrauen und wahrscheinlich einen Minderwertigkeitskomplex, deswegen diese Unwahrheiten. Mit ihm darüber zu diskutieren bringt nichts, das attakiert nur noch sein Ego und verschlimmert sein Verhalten. Ein guter Psychotherapeut, welcher sich mit Ego - Problemen auskennt, könnte ihn aufwecken. Ihn von der WG zu entfernen, entfernt zwar denn Mann, hilft aber nicht sein Problem zu lösen und verlagert dies in die nächste WG oder wohin auch immer. Er braucht dringend Hilfe.
Es ist nicht die Aufgabe der Mitbewohner sich um die psychischen Probleme anderer zu kümmern. Dazu sind sie weder qualifiziert noch verpflichtet. Es gilt der gleiche Rat wie immer in dieser Serie. Einmal ansprechen und, wenn sich nichts ändert, die Geschäftsbeziehung beenden indem eine Partei auszieht.
hh22763 23.05.2017
5. Zwanghaftes Lügen
... kommt gar nicht so selten vor. Man nennt Leute, die das exzessiv netreiben, "Pseudologen". Unaufhörlich erzählen sie dramatische Geschichten von schlimmsten Schicksalsschlägen, bösen Dritten, unheilbaren Krankheiten, vielerlei aberwitzigen Ungerechtigkeiten usw., aber auch von eigener Grandiosität (gern genommen: die Verwandtschaft mit Berühmtheiten). Vor einigen Jahren hat evangelisch.de einen interessanten Artikel dazu veröffentlicht: http://bit.ly/2rwo9UD Was in einer solchen Situation nicht hilft, ist, den Wahrheitsgehalt an sich zu diskutieren. Ferndiagnosen sind immer schwierig, aber der beschriebene Fall klingt tatsächlich nach Therapiebedarf. Wie bei Drogensüchtigen, Alkoholikern, schwer Depressiven und anderen (seelisch) Erkrankten kann man dazu von außen bestenfalls einen Anstoß liefern. Ein (fair kommunizierter) Rausschmiss aus der WG mit ehrlicher Darstellung der Gründe kann meines Erachtens so ein Anstoß sein.
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