Hilfe vom WG-Psychologen "Meine Mitbewohnerin ist ein Hypochonder"

Helene hat eine Mitbewohnerin, die ständig fürchtet, krank zu sein. Inzwischen geht ihr deren Gerede über mögliche Symptome gehörig auf die Nerven. Wie spricht man das an?

Bin ich krank?
AFP

Bin ich krank?

Von Ludger Büter


Helene schreibt:

Hallo Herr Büter,

ich bin 21 Jahre alt und studiere Soziale Arbeit. Seit einem Semester wohne ich mit einer Freundin und Kommilitonin zusammen. Sie leidet unter leichter Hypochondrie, die seit Mitte letzten Semesters schlimmer geworden ist. Dauernd fragt sie sich, ob sie irgendwelche Krankheitssymptome aufweise oder wie gesund das Essen sei.

Sie ist letztes Semester jedes Wochenende nach Hause gefahren, was ich eigentlich als ganz positiv empfunden habe, da wir so etwas Pause voneinander hatten. Seit diesem Semester geht mir ihr Verhalten immer mehr auf die Nerven, und ich merke, dass ich mich immer weiter von ihr distanziere. Früher haben wir häufig gemeinsame DVD-Abende gemacht, jetzt habe ich Angst, dass sie dann wieder mit ihren Krankheitssymptomen kommt.

Ich weiß nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Können Sie mir helfen?

Liebe Grüße,

Helene

Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag:
    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.

Liebe Helene,

Ihre Freundin lässt sich in ihrer Angst, krank zu sein oder zu werden, von keiner Seite "beruhigen". Ermuntern Sie sie zu einem gründlichen ärztlichen Gesundheits-Check-up. Bitten Sie sie, ihre unablässige Sorge dort unbedingt zur Sprache zu bringen. Mit diesem Vorschlag signalisieren sie: "Ich nehme dein Problem ernst, vielleicht sogar ernster als du selbst" und: "Ich bin nicht der richtige Ansprechpartner für deine Angst. Was immer ich sage, entlastet dich ja offensichtlich nicht." Das können Sie ihr mit diesen oder eigenen Worten sehr wohl auch sagen.

Folgt die Freundin ihrem Vorschlag und findet einen aufmerksamen Arzt, wird dieser abwägen, ob er ihr eine weitergehende, das heißt psychologische Hilfestellung nahelegt. Akzeptiert sie und lässt sich auf das ein, was man ihr empfiehlt, haben Sie viel für sie erreicht. Zugleich geben Sie selbst die aussichtslose Rolle der "Nothelferin" ab.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Ob sie nun Initiative ergreift oder nicht, in jedem Falle dürfen Sie ihr auch mitteilen, sich am Thema "Gesundheit" mit viel Frust erschöpft zu haben und darüber nicht mehr sprechen zu wollen. Beherzigt sie Ihre - freundliche - Warnung, können sich wieder viele DVD-Abende ergeben. Im schlimmsten Falle verlieren Sie eine Freundschaft, ohne sich deshalb schlecht fühlen zu müssen.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 29.01.2017
1. Lebensangst
Den Arzt, der sie gesund spricht wird sie eher wechseln als ihre Hypochondrie aufgeben. Ich denke, solchen Leuten kann man am ehesten helfen, wenn man ihnen zu einem anderen Hobby rät. Am besten etwas, was sich zwar gefährlich anfühlt, aber eher nicht gefährlich ist.
großwolke 29.01.2017
2. Psychische Krankheit
Zitat von taglöhnerDen Arzt, der sie gesund spricht wird sie eher wechseln als ihre Hypochondrie aufgeben. Ich denke, solchen Leuten kann man am ehesten helfen, wenn man ihnen zu einem anderen Hobby rät. Am besten etwas, was sich zwar gefährlich anfühlt, aber eher nicht gefährlich ist.
Wenn Sie den Artikel genau lesen, werden Sie feststellen, dass der Rat in Richtung einer psychologischen Behandlung geht, vermittelt durch einen Arzt, der medizinisch einwandfrei die körperliche Gesundheit feststellt und das Problem daher im seelischen Bereich verortet. Das kann bei intelligenten Menschen durchaus funktioneren (die Schwachstelle in dem Plan ist, auf Anhieb einen Arzt zu finden, der weit genug denkt), denn die haben oft genug zwar die nötige Erkenntnisfähigkeit, ein psychisches Problem einzugestehen, können aber trotzdem nicht aus eigener Kraft raus aus der Misere. In solchen Situationen ist es tatsächlich nicht hilfreich, wenn Laien versuchen, an den gesunden Menschenverstand zu appellieren oder offensichtlich nicht vorhandene Probleme kleinzureden. Aus der Distanz würde ich schätzen, dass da einem Nesthäkchen die tägliche Fürsorge durchs Elternhaus fehlt, die es sich unbewusst über eingeredete Probleme von anderen wiederzuholen versucht. Wie man aus sowas rauskommt? Keine Ahnung, für sowas gibts Therapeuten.
kindchen 29.01.2017
3. Paradoxe Intervention
Mein Vorschlag wäre, es mit einer "paradoxen Intervention" zu versuchen. Also nicht versuchen, ihr ihre Befürchtungen auszureden, sondern sie darin bestärken. Wenn sie glaubt, Krankheitssymptome an sich zu entdecken, nicht versuchen, sie zu beruhigen, sondern verstärken. Selbst aktiv werden und ihr mögliche Gefahren einreden: "Was ist denn das für ein Schatten auf deiner Haut?", "Du siehst heute aber komisch aus, geht's dir nicht gut?", "Im Kühlschrank riecht es aber irgendwie merkwürdig, ist da was schlecht geworden?" usw. Wichtig ist: Konsequent bleiben, immer weiter verstärken, notfalls bis zur absoluten Übertreibung. Und auf jeden Fall ernst bleiben, niemals ihr das Gefühl geben, sie zu verarschen. Irgendwann wird man den Punkt erreichen, wo die Übertreibung so stark ist, oder ihr die regelmäßige Unterstellung von Krankheitssymptomen so lästig wird, daß sie selbst anfangen wird, zu widersprechen - und das ist der Punkt, wo sie anfangen wird, ihre Hypochondrie zu verlieren, indem sie sich selbst von der Unsinnigkeit der Befürchtungen überzeugt. Es wird nämlich niemand anderem gelingen, sie von der Unsinnigkeit ihrer Befürchtungen zu überzeugen. Das wird nur gehen, wenn sie sich selbst davon überzeugt, und an diesen Punkt kann man sie auf diese Weise bringen.
steffen.ganzmann 29.01.2017
4.
Zitat von taglöhnerDen Arzt, der sie gesund spricht wird sie eher wechseln als ihre Hypochondrie aufgeben. Ich denke, solchen Leuten kann man am ehesten helfen, wenn man ihnen zu einem anderen Hobby rät. Am besten etwas, was sich zwar gefährlich anfühlt, aber eher nicht gefährlich ist.
Genau *das* dachte ich auch! Versuchen Sie mal, als Arzt einem Hypochonder klarzumachen, dass er - bis auf seine Hypochondrie natürlich - völlig gesund ist. Eigentlich sollte jeder wissen, dass ein *Nichtbeweis* wissenschaftlich eh nicht möglich ist, denn wie will man von etwas, das nicht existiert, beweisen, dass es nicht existiert? Nur weil man es nicht finden kann?
steffen.ganzmann 29.01.2017
5. Sie irren!
Zitat von großwolkeWenn Sie den Artikel genau lesen, werden Sie feststellen, dass der Rat in Richtung einer psychologischen Behandlung geht, vermittelt durch einen Arzt, der medizinisch einwandfrei die körperliche Gesundheit feststellt und das Problem daher im seelischen Bereich verortet. Das kann bei intelligenten Menschen durchaus funktioneren (die Schwachstelle in dem Plan ist, auf Anhieb einen Arzt zu finden, der weit genug denkt), denn die haben oft genug zwar die nötige Erkenntnisfähigkeit, ein psychisches Problem einzugestehen, können aber trotzdem nicht aus eigener Kraft raus aus der Misere. In solchen Situationen ist es tatsächlich nicht hilfreich, wenn Laien versuchen, an den gesunden Menschenverstand zu appellieren oder offensichtlich nicht vorhandene Probleme kleinzureden. Aus der Distanz würde ich schätzen, dass da einem Nesthäkchen die tägliche Fürsorge durchs Elternhaus fehlt, die es sich unbewusst über eingeredete Probleme von anderen wiederzuholen versucht. Wie man aus sowas rauskommt? Keine Ahnung, für sowas gibts Therapeuten.
Wir Ärzte merken sehr schnell, ob wir einen Hypochonder vor uns haben. Das grosse Problem ist, wie mache ich meinem Hypochonder klar, dass er "nur" - in Wahrheit eine pathologische Angststörung bis hin zur Wahnerkrankung - ein Hypochonder ist und er ab jetzt lieber einen Psychiater behelligen sollte ...
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