Hilfe vom WG-Psychologen Meine Mitbewohnerinnen lassen mich allein

So hatte sich Yvonne das WG-Leben nicht vorgestellt: Statt mit ihren zwei Mitbewohnerinnen zu kochen oder durch die Kneipen zu ziehen, sitzt sie meist allein zu Haus. Die beiden fahren ständig heim. Was tun?

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Von Ludger Büter


Yvonne schreibt:

Sehr geehrter Herr Büter,

nach dem Abi habe ich zusammen mit zwei ehemaligen Mitschülerinnen eine WG gegründet. Ich fühle mich sehr wohl an der Uni und allgemein in der Stadt, aber den beiden anderen geht es nicht so. Auch nach acht Monaten haben sie kaum Anschluss gefunden und fahren bei jeder Gelegenheit heim. Mich stört, dass ich dadurch oft alleine bin und das Gefühl habe, in dieser Wohnung nur zu wohnen und nicht zu leben.

Vor allem eine der zwei hält sich komplett aus dem WG-Leben raus. Sie befolgt zwar den Putzplan, aber sonst trägt sie nichts zur Gemeinschaft bei. Mit der anderen unternehme ich hin oder wieder was und quatsche auch mal abends. Auch sie würde sich wünschen, dass sich unsere dritte Mitbewohnerin mehr einbringt. So hatten wir uns das anfangs nicht vorgestellt.

Mit der Wohnung an sich bin ich sehr zufrieden. Ich bin die Hauptmieterin, und da ich mich auch wirklich sehr dafür eingesetzt habe, dass wir diese Wohnung bekommen, würde ich nur ungerne ausziehen. Ich bezweifle, dass wir unsere Mitbewohnerin durch ein Gespräch umstimmen können, aber so wie es jetzt ist, bin ich doch sehr unzufrieden.

Welche Möglichkeiten habe ich in dieser Situation?

Yvonne

Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag:
    Der Diplom-Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser.

Liebe Yvonne!

Sie möchten Ihre Mitbewohnerin zu freundschaftlichem Austausch drängen - aber welchen Wert hätte, was nicht deren eigener Neigung entspricht?

Natürlich ist es immer klüger, die Bindung an einen neuen Wohnort zu fördern, statt Heimweh zu kultivieren und mit immer neuer Flucht auszugleichen. Vielleicht braucht die Schulfreundin etwas mehr Zeit, das herauszufinden.

Offen zu sein für freundschaftliche Beziehungen, Austausch, Unternehmungen - dagegen ist nichts einzuwenden. Aber wenn Sie eine solche Dynamik im WG-Leben brauchen und gar den Auszug erwägen, um sich diese woanders zu verschaffen, begehen Sie den Fehler der Mitbewohnerin mit umgekehrtem Vorzeichen: Während diese mit Rückzug reagiert auf das, was sie in der Uni-Stadt vermisst, wünschen Sie sich den Ausgleich in und durch die WG selbst.

Eine neue WG zu starten, ist kein realistischer Lösungsweg: Intensive Freundschaften sind in WGs immer verletzlich.

Nach acht Monaten beschreiben Sie das Zusammenleben als nicht zufriedenstellend, aber auskömmlich und insgesamt offenbar konfliktfrei. Das ist in einer WG ein hohes Gut, dessen Wert Sie kaum überschätzen können.

Mein Rat an Sie? Pflegen Sie behutsam und geduldig, was die WG an Geselligkeit bietet - ohne jemanden zu bestrafen, der sich nicht anschließen möchte - und lösen Sie sich aus der inneren Abhängigkeit von beiden Mitbewohnerinnen, indem Sie neue Freundschaften "draußen" anbahnen.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.
insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
bafibo 21.08.2017
1.
Über die Motivation der wochenendheimfahrenden Mitbewohnerin wissen wir genaugenommen gar nichts. Nicht jede(r) ist scharf auf Gesellschaft, wenn er/sie die unvermeidlichen Tagespflichten (mit möglicherweise sehr vielen Kontakten) hinter sich hat. Ich z.Bsp. brauche dann jeden Tag ein paar Stunden für mich selbst, um keinen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Wohlmeinende Angebote für gemeinsame Aktivitäten gehen mir dann nur auf die Nerven. Vielleicht ist die Wochenendheimfahrt ja gar nicht durch Heimweh verursacht, sondern durch die Notwendigkeit, vorübergehend Abstand von den Mitbewohnern zu bekommen - was gar nicht ablehnend gemeint sein muß?
Celegorm 21.08.2017
2.
Da hat wohl jemand davon geträumt, da das frische Studentenleben mit einer ultimativen Uni-Freundinnen-Spass-WG zu zelebrieren. Aber sowas lässt sich natürlich nicht erzwingen. Und ist auch nicht immer erstrebenswert, schon nur, weil sowas schnell mal zum Bumerang wird wenn man später selber mal Ruhe und Zeit braucht für Prüfungen etc. Insofern ist es in der Tat schätzenswert, wenn eine WG relativ problemlos und konfliktfrei läuft. Mehr kann und darf man eigentlich nicht erwarten. Kommt hinzu, dass die gute Yvonne komplett übersieht, dass sie nicht auf die zwei Mitbewohnerinnen angewiesen ist, sondern sich an der Uni (oder sonst wo) doch einfach andere Leute suchen kann, die mehr auf ihrer Wellenlänge sind. Dann kommt auch schnell der Vorteil der Situation zu tragen: Wenn sie am Wochenende die WG für sich hat, dann kann sich auch niemand daran stören, wenn Leute eingeladen und Parties geschmissen werden..
Newspeak 21.08.2017
3. ...
Zitat von bafiboÜber die Motivation der wochenendheimfahrenden Mitbewohnerin wissen wir genaugenommen gar nichts. Nicht jede(r) ist scharf auf Gesellschaft, wenn er/sie die unvermeidlichen Tagespflichten (mit möglicherweise sehr vielen Kontakten) hinter sich hat. Ich z.Bsp. brauche dann jeden Tag ein paar Stunden für mich selbst, um keinen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Wohlmeinende Angebote für gemeinsame Aktivitäten gehen mir dann nur auf die Nerven. Vielleicht ist die Wochenendheimfahrt ja gar nicht durch Heimweh verursacht, sondern durch die Notwendigkeit, vorübergehend Abstand von den Mitbewohnern zu bekommen - was gar nicht ablehnend gemeint sein muß?
Eben. Und man erfaehrt ja gar nicht, ob die Mitbewohnerin vielleicht nicht auch Stress mit dem Studium hat. In manchen Faechern ist man stark eingespannt und staendig unter Leuten und staendig gefordert. Und dann weiss man auch nichts ueber den Persoenlichkeitstyp. Ob eher introvertiert z.B. Es ist meiner Meinung nach auch zu einfach, das als "Heimweh" abzutun. Man will ja vielleicht seine Eltern mal sehen, je nachdem wie alt die sind, will man die Zeit eben auch zusammen nutzen, bevor man es irgendwann einmal bereut, nur an sich und Party gedacht zu haben. Mein Fazit waere...man darf eine WG und andere Menschen nicht zu Erfuellungsgehilfen der eigenen Beduerfnisse machen. Das ist nicht kontaktfreudig, sondern uebergriffig. Das sind alles Individuen, die sich zu nichts verpflichtet haben, nur weil man den Wohnraum teilt.
twistie-at 21.08.2017
4. Was wurde denn anfangs kommuniziert bzuw. vereinbart?
Mir kommt es vor als würden oft einfach Sehnsüchte auf die WG projiziert werden, ohne dass dies auch kommuniziert wird. Also eher so ein "ja, suche liebe Mitbewohner", ohne aber von vorneherein auch zu sagen "hallo, ich suche nicht nur Mitbewohner, ich suche auch schlichtweg Leute, die für mich da sind und mit denen ich etwas unternehmen werde, ich möchte nicht alleine sein", denn das ist bei einer WG ja nun nicht wirklich klar. Was ich mich auch ffrage: zwei von dreien sind irgendwie unzufrieden mit der dritten Person, wird dies denn direkt auch mal kommuniziert oder nicht? wird da offen geredet, sich mal zusammengesetzt und gesagt "Leute, bitte nicht böse sein, ist keine Kritik, nur mein Seelenleben, aber ich hatte mir gewünscht, wir würden mal zusammen hier die Buden unsicher machen und nun seid ihr dauernd zuhause, wie seht ihr das?" usw. oder wird halt einfach still vor sich hingelitten? kommt mir manchmal vor wie dieses "Aber ich habe doch das Licht angelassen"-Syndrom.
dirkholz 21.08.2017
5.
Die Wohnung organisiert zu haben ist ja kein Argument jetzt Ansprüche an die Mitbewohner zu stellen. Ich denke da hat sich wirklich jemand Hoffnung auf eine "Beste Freundinnen lassen's krachen"-WG gemacht, was sich jetzt unerhörterweise nicht erfüllt. Ist das jetzt egozentrisch, arrogant oder einfach nur dreist ? An Stelle der Mitbewohnerinnen würde ich mich schnellstmöglich um eine andere Bleibe kümmern.
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