Studenten auf Wohnungssuche Mieter im Kellerloch

Hunderttausende neue Studenten suchen ein Zuhause. Doch Plätze in Wohnheimen sind rar und die Mieten vielerorts horrend. Manche behelfen sich deshalb mit skurrilen Ausweichquartieren: Matratzenlagern, Kellerlöchern - oder einem Bunker.

Von Claudia Malangré

Wohnheimnotstand in Berlin (Aufnahme von 2013): Nur Plätze für fünf Prozent der Hauptstadt-Studenten
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Wohnheimnotstand in Berlin (Aufnahme von 2013): Nur Plätze für fünf Prozent der Hauptstadt-Studenten


Student Max*, 24, wohnte sonderbar: Wenn er nach Hause kam, passierte er ein unbesetztes Wachhäuschen. Denn die einzige bezahlbare Bleibe war für ihn ein Kellerraum in einer alten Würzburger Kaserne. 470 Euro zahlten Max und seine wechselnden Mitbewohner für eine unterirdische 34-Quadratmeter-WG am Stadtrand.

Quasi auf Augenhöhe hatten sie vor der Wohnungstür die rumpelnden Waschmaschinen der Nachbarn. Fast zwei Jahre lebte Max dort. Erst zum Wintersemester fand er jetzt eine bezahlbare Wohnung oberhalb des Erdreichs.

Nicht allen Studenten geht es so wie Max, doch im Spätsommer beginnt in deutschen Hochschulstädten alljährlich der Run auf günstige und weniger günstige Zimmer. Weil die Suche Monate dauern kann, werden Anfang Oktober wieder viele Wohnheime ihre Gemeinschaftsräume in Matratzenlager verwandeln, so etwa in Regensburg. In Göttingen soll eine leerstehende Schule mit Feldbetten ausgestattet werden, um wohnungssuchende Erstsemester vorübergehend zu versorgen.

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Sonderbare Studentenbuden: Schnarchen mit Chinesen
In manchen Ländern sind Wohnheime die traditionelle Studenten-Wohnform, in Deutschland allerdings fänden nicht einmal zehn Prozent aller Studenten dort Platz. Berlin ist dabei das Schlusslicht, hier haben nur rund fünf Prozent ein Studentenwerks-Zimmer. Das Angebot reicht bundesweit vom 190-Euro-Zweibettzimmer im unsanierten Plattenbau bis hin zu neuen Mehrzimmerwohnungen für gut 600 Euro. Alles, was die Studentenwerke anbieten, findet beinahe im Handumdrehen einen Mieter. Die meisten Studenten leben allerdings wie der Würzburger Max in Mietwohnungen, jeder dritte in einer Wohngemeinschaft.

Zu wenig Wohnungen für 2,6 Millionen Studenten

Knapp sind Wohnheimplätze vor allem wegen der stark gestiegenen Studentenzahl: Insgesamt 2,6 Millionen junge Menschen sind derzeit eingeschrieben. Im Vergleich dazu ist die Zahl vorhandener und geplanter Wohnheimplätze winzig: Zum Bestand von aktuell rund 187.000 kommen in den nächsten Jahren nur 11.263 hinzu.

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) fordert deshalb, der Bund müsse sich an der Schaffung von 25.000 neuen Wohnheimplätzen beteiligen. Sie sollen vor allem Ballungszentren wie das Rhein-Main-Gebiet entlasten. Zwar gibt Bayern 32.000 Euro pro neuem Wohnheimplatz aus. Weitere Bundesländer fördern die Studentenwerke immerhin mit kleineren Beträgen oder zinsgünstigen Darlehen. Doch manche Länder knausern: Berlin, das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg helfen nicht beim Bau, kritisiert das DSW. Dort müssen die Studentenwerke wie gewöhnliche Bauherren neuen Wohnraum per Kredit finanzieren - was die Mieten nach oben treibt.

Auch auf dem freien Wohnungsmarkt ist die Lage für Studenten in Deutschland nach einer Studie des Immobilienentwicklers GBI AG problematisch: 32 von 81 untersuchten Hochschulstädten liegen demnach jetzt "im kritischen Bereich". Das Ranking wurde anhand eines Punktesystems erstellt, Kriterien waren zum Beispiel die örtliche Studentenzahl, Leerstandsquoten, monatliche Einkünfte der Studenten sowie Angebot und Nachfrage. 2013 war der studentische Wohnungsmarkt laut GBI nur in 28 Städten angespannt. Nürnberg, Gießen, Würzburg und Ravensburg seien als Hotspots hinzugekommen.

Absoluter Negativ-Spitzenreiter im GBI-Ranking ist erneut München. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Hamburg und Frankfurt. Besonders verschärft habe sich die Lage für Studenten auf Wohnungssuche in Stuttgart und Berlin, die beim Ranking in diesem Jahr die Plätze fünf und sechs belegen.

Wo Studenten laut Deutschem Studentenwerk am teuersten und wo am günstigsten wohnen, zeigen Daten der Sozialerhebung von 2012. An der Spitze: Köln, München und Hamburg. Die Studenten mit den günstigsten Durchschnittsmieten wohnen demnach in Erfurt, Dresden und Chemnitz.

Mietspiegel der Studentenbuden
Rangfolge der Hochschulstädte nach monatlichen Ausgaben
In Berlin wohnt es sich noch immer vergleichsweise günstig, insgesamt sind die Mieten im Osten erschwinglicher als im Westen. Über 350 Euro kostet wohnen in München und Hamburg. Die 54 teuersten Unistädte im Überblick.
Die 27 teuersten Universitätsstädte...

Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten

Rang Standort Ausgaben für Miete*
1 Köln 359
2 München 358
3 Hamburg (ohne Uni Hamburg) 351
4 Düsseldorf 338
5 Frankfurt-a.M. 337
6 Mainz 327
7 Konstanz 327
8 Darmstadt 322
9 Berlin 321
10 Wuppertal 318
11 Heidelberg 314
12 Ulm 313
13 Duisburg 311
14 Bonn 309
15 Bremen 308
16 Freiburg 307
17 Stuttgart 306
18 Münster 305
19 Tübingen 304
20 Aachen 304
21 Mannheim 302
22 Braunschweig 302
23 Potsdam 301
24 Karlsruhe 300
25 Hannover 299
26 Regensburg 295
27 Marburg 294

Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

...und die Plätze 28 bis 54

Rangfolge der Hochschulstädte nach der Höhe der monatlichen Ausgaben für Miete und Nebenkosten

Rang Standort Ausgaben für Miete*
28 Oldenburg 292
29 Bochum 290
30 Kiel 290
31 Siegen 289
32 Augsburg 289
33 Trier 289
34 Saarbrücken 288
35 Passau 288
36 Bamberg 286
37 Rostock 282
38 Greifswald 281
39 Osnabrück 280
40 Gießen 279
41 Göttingen 277
42 Würzburg 277
43 Kassel 277
44 Bayreuth 275
45 Bielefeld 274
46 Kaiserslautern 268
47 Hildesheim 262
48 Jena 260
49 Magdeburg 253
50 Leipzig 251
51 Halle 249
52 Erfurt 248
53 Dresden 247
54 Chemnitz 211

Gilt für Standorte, für die Angaben von mindestens 50 Studierenden vorliegen; *einschließlich Nebenkosten (Bezugsgruppe "Normalstudent", arithm. Mittelwert in Euro)

Quelle: DSW/HIS 20. Sozialerhebung

Besonders schwierig sei die Wohnungssuche für ausländische Studenten, sagt Studentenwerk-Sprecher Stefan Grob. Für sie, aber auch für jene, die zum Studium in eine neue Stadt ziehen, sind die Provisorien in Turnhallen und Gemeinschaftsräumen gedacht: Neben Regensburg und Göttingen haben auch andere Städte Notunterkünfte angekündigt.

Bungalow und Bunker: Auch Schweizer Studenten kämpfen

In Darmstadt will eine Wohnrauminitiative bisher ungenutzten Wohnraum für Studenten erschließen. Ein Ziel ist es, das Privatleute ihre Zimmer zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung sollen die Studenten Hilfe in Haus und Garten leisten, berichtet die "Frankfurter Rundschau". Auch in Kiel und anderen Städten gibt es ähnliche Projekte. Und in Frankfurt will der Asta unter dem Motto "Mieten? Ja wat denn?" wohnungslosen Studenten zumindest für die ersten Tage etwas Nothilfe anbieten. Vom 6. bis 10. Oktober könnten Verzweifelte erst einmal kostenlos in dessen Räumlichkeiten übernachten.

Deutschland hat das Problem nicht exklusiv: Auch in der Schweiz ist Wohnraum rar, und Studenten müssen kreativ werden. In Zürich können sie zum Semesterstart für zehn Franken pro Nacht in einem Bunker schlafen. Die ETH Lausanne hat auf einem Campingplatz vier Bungalows reserviert, in denen Studenten während der Wohnungssuche unterkommen können, berichtet "20 Minuten".

* Name geändert



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boblinger 06.10.2014
1. Deutscher Systemfehler
Es ist bereits seit Jahrzehnten ein Unding, dass der allgemeine Mietmarkt in deutschen Großstäten die Aufgabe der Studentenwerke übernimmt. Im übrigen einer der Hauptgründe für die eklatanten Mietpreissprünge in Universitätsstädten. Bei jeder Neuvermietung konnten die Vermieter bisher beliebig erhöhen. Macht bei den Fluktuationen von Studenden-WG´s innerhalb von wenigen Jahren dann Sprünge von an die 100 % und mehr. Für Wohnungen, die einer vierköpfigen Familie andernfalls für ein Jahrzehnt eine kalkulierbare Heimstatt hätten sein können. Dass Deutschland so erschreckend wenig Wohnheime errichtet, ist mir schleierhaft.
grandpalais 06.10.2014
2. Vor allem un Freiburg...
..der grünsten, ökologischsten und sozialsten Stadt Europas, wo die CDU nicht einmal einen Kandidaten zur Bürgermeisterwahl aufstellt, sind die Einwohner beim Thema "Mieten" konservativer als Franz Josef Strauss. Beim eigenen Portemonnaie und beim Farbebekennen ist plötzlich vorbei mit der sozialen Ader, und den Studenten werdeb exorbitante Mieten für Bruchbuden abgenommen. Wie ich diese Scheinheiligkeit hasse.....
kuschl 06.10.2014
3. G8 an den Gymnasien und dann??
Die Folgen der typischen, nicht durchdachten Schnellschüsse der Politik. Abiturienten produzieren auf Teufel komm raus und sie dann an den Unis und mit der Infrastruktur im Regen stehen lassen. Leider unterliegen unsere Studenten nicht der "Kümmererindustrie" der in Scharen zureisenden Wirtschaftsflüchtlinge, sondern müssen sich selbst helfen. Da nehmen sie auch Wohnverhältnisse in Kauf, die man für andere naserümpfend an den Pranger stellen würde.
euronote 06.10.2014
4. Hunderttausende neue Studenten suchen ein Zuhause
Ja wo ist das Problem denn jetzt?Das ist schon seit 20 Jahren hier so in Aachen(FH/TH).Die Studenten sollen sich gefälligst nicht so anstellen,Flüchtlinge gehen vor,außerdem müssen die Mieten hoch gehalten werden.Immer diese Egoisten,tjä.Nein ich bin kein Ausländerfeind uns reichen schon die Studenten :-)
Brillenschlumpf 06.10.2014
5. Auslese
Die Auslese des Bildungsystems funktioniert ja bekanntlich über das Einkommen der Eltern. Können die Eltern nicht die neue Bleibe zahlen, dann wirds halt nix mit dem Studium. Achja, die Damen und Herren Studis können ja arbeiten gehen. Bei heutigen Stundenlöhnen von 4-8€ für einen Studi geht das ja. Zu meiner Zeit gab es 30DM, und Zimmer kostete 200DM. BTW: die ausländischen Studis können sich sehr wohl gute Wohnungen leisten, denn oft kommen die aus wirklich wohlhabenden Elternhäusern.
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