Windkraftgefährte Der Typ hat 'ne Meise, aber Rückenwind

Showdown am Deich: Stuttgarter Studenten haben beim Windfahrzeug-Rennen internationale Konkurrenz abgehängt. Mit ihrem 24 Stundenkilometer schnellen "Ventomobil" schlugen zwei Tüftler die Holländer - und luchsten dem siegesgewissen Professor "Turbo-Gustav" eine Prämie ab.

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Wer mit dem Wind reisen will, kann zweierlei gar nicht gebrauchen: großen Luftwiderstand und zu viel Gewicht. Das erlebte Alexander Miller Ende vergangener Woche im holländischen Den Helder. Für ihre Wettfahrt mit einem Windkraftwagen hatten Technikstudent Miller und sein Kommilitone Jan Lehmann zehn Monate herumgetüftelt, ihr Gefährt in den Windkanal gestellt, einen höheren Wirkungsgrad und noch leichtere Materialien gesucht - und beim nächtelangen Grübeln und Schrauben selbst einige Kilo verloren. "Die letzten Wochen haben ganz schön an uns gezehrt", sagt Miller.

Es hat sich gelohnt: Als Fahrer brachte Miller zusammen mit seinem 130-Kilo-Streitwagen knapp 200 Kilo auf die Waage und fuhr so der gesamten internationalen Konkurrenz davon. Am Samstag standen er und sein Team auf dem Siegertreppchen und jubelten über den Erfolg nach einem Jahr Getüftel in ihrer Stuttgarter Uni-Werkstatt.

Das schwäbische Team setzte sich beim "Aeolus Race" in Den Helder gegen fünf andere Mannschaften aus Dänemark, Deutschland und Holland durch. Dabei gewannen die beiden Ingenieure genauso viele Rennen wie die niederländischen Konstrukteure. Den Sieg im traditionsreichen Duell Bratwurst gegen Oranje brachte die höchste gefahrene Geschwindigkeit: 24 Kilometer pro Stunde bei 36 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit schaffte das Stuttgarter "Ventomobil".

Mit 800 Umdrehungen pro Minute auf 25 km/h

Für diesen Spitzenwert gab es im Ingenieurswettstreit einen Extrapunkt und damit den Sieg gegen die holländische Heimmannschaft des Energy resarch Centre of the Netherlands (ECN). Ausschlaggebend war letztlich das Gewicht der Windkrafträder. "Das Fahrzeug der Holländer wog fast 400 Kilo, das hat sie den Sieg gekostet", erklärt Konstrukteur Miller den entscheidenden Unterschied der beiden fast baugleichen Gefährte.

Das Rennen führte direkt an der Wasserlinie der Nordsee entlang - mit glutrotem Sonnenuntergang und gehörig Wind, zumindest am ersten Tag. "Es ist faszinierend, völlig ohne Motor und Pedale voranzukommen", beschreibt Entwickler und Pilot Alexander Miller sein Fahrgefühl auf dem Wagen, der nur mit bewegter Luft fährt.

Leise ist das Gefährt trotzdem nicht. Wenige Handbreit über Millers Kopf wirbelt rasend schnell der Rotor im schneidenden Nordseewind. Bei 800 Umdrehungen in der Minute rauscht das Rad gehörig.

Den Rotor, dessen beide Flügel wie bei einer Windkraftanlage gebaut sind, und das Fahrgestell haben Miller und Lehmann selbst entworfen. Über eine Welle und ein gekuppeltes Sechsganggetriebe treibt nur der Wind den Schlitten vorwärts. "Beim Fahren spürt man jede einzelne Böe, die drückt einen gleich vorwärts und gibt einen ordentlichen Schub", so Miller.

Der Fahrer lenkt das Vorderrad mit den Füßen, über Seilzüge lässt sich der Rotor in den Wind drehen. Auch den Anstellwinkel der beiden Rotorblätter kann der Pilot nachjustieren: "Da braucht es schon einige Übungsfahrten, bis man raus hat, wann man wo ziehen muss." Zu all den Strippen und Pedalen kommen Hebel für die Scheibenbremsen und die Gangschaltung - plus ein weiterer Hebel zum Aus- und Einkuppeln.

Studenten hängten "Turbo-Gustav" ab

Die Fahrt am Deich war für die Bastler ihre erste echte Jungfernfahrt. Versuche im hügeligen Stuttgarter Umland waren an zu wenig Wind gescheitert. Die Planung der Ingenieure aus Baden-Württemberg war aber so gut, dass ihr Praxistest mit original holländischem Wind drei Tage vor dem Rennen sofort gelang.

Für ein weiteres deutsches Team aus Kiel sowie die Mannschaften aus Griechenland und Dänemark lief es dagegen eher mies. Sie fuhren am ersten Tag noch ein wenig mit, konnten bei wenig Wind am zweiten Wettkampftag aber nicht mehr starten. Die Kieler plagten außerdem technische Probleme - sie hatten ein Fahrzeug mit Elektromotor gebaut, der durch den windgetriebenen Dynamo aufgeladen wird und dann wiederum das Gefährt nach vorn bringe sollte. Es siegte die einfachere, die mechanische Lösung aus Süddeutschland.

Auf Platz drei und doch weit abgeschlagen landete das Professorenprojekt der Fachhochschule Flensburg. Der emeritierte Professor "Turbo-Gustav" Winkler war vor dem Start in Holland noch höchst zuversichtlich, dass er den Sieg für seine Fachhochschule einfahren würde. Für die Drei-Kilometer-Strecke braucht er in seinem Fahrzeug allerdings gut 20-mal so lange wie seine Stuttgarter Konkurrenz. Eine geschlagene Stunde saß der wackere Winkler auf seinem Gegenwindfahrrad, um 3000 Meter zurückzulegen. Ein Fußgänger ist fast doppelt so schnell unterwegs.

Vor dem Rennen sei Winkler noch auf dem Deich herumgelaufen und habe erklärt, warum seine Entwicklung am erfolgversprechendsten ist und warum es gar nicht möglich sei, so schnell zu fahren, wie der Wind blase, erzählt Alexander Miller mit leicht spöttischem Unterton. "Nach dem Rennen hat er eingesehen, dass seine Berechnungen nicht richtig waren. Den Flensburgern sind wir einfach davongefahren." Anders als die anderen Teams seien die Flensburger aber auch am Freitag bei schwachem Wind vorangekommen - wenngleich quälend langsam. "Winkler hat es mit Humor genommen", so "Ventomobil"-Pilot Miller.

Moderne Windkraft schlägt Wildwest-Modell

Am Ende musste Professor Winkler die Stuttgarter Studenten sogar noch für die Lehre bezahlen, die sie ihm erteilten: Er hatte zuvor 1000 Euro für jene ausgelobt, die mehr als die halbe Windgeschwindkeit erreichen würden. Den Preis teilten sich die Stuttgarter mit den Teams aus den Niederlanden und Dänemark.

Das Siegerteam Lehmann/Miller studiert am Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik der Uni Stuttgart, mit der Spezialisierung auf Windkrafttechnik. Was dort über sogenannte Schnellläufer gelehrt wird, also Blätter mit wenigen Rotoren und hoher Drehgeschwindigkeit, erwies sich als die überlegene Technik.

Der Langsamläufer aus Flensburg, ein Windrad wie in alten Wildwestfilmen, bringe zwar durch seine vielen Flügel ein höheres Drehmoment, laufe aber langsamer, erklärt Diplomand Miller. Was also bei einer Turbine guttut, nämlich in erster Linie die Kraft, hilft wenig bei der Geschwindigkeit.

Das nicht gerade pfeilschnelle, aber zu 100 Prozent klimaneutrale "Ventomobil" war für die Studenten Lehmann und Miller Teil ihrer Diplomarbeit an der Uni Stuttgart. Wie es nach dem Studium weitergeht, weiß Alexander Miller noch nicht so recht - fürs Überlegen war bislang wenig Zeit. "Jetzt mache ich Urlaub und werde mit dem Bewerbungen-Schreiben anfangen", sagt er.

Mit der Freundin geht es zum Kite-Surfen nach Portugal. Ganz ohne Wind kommt Miller also auch in den Ferien nicht aus.



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