Wirtschaftskrieger Hochschule für Hauen und Stechen

Die Airbus-Krise hat heftiges deutsch-französisches Gezänk um nationale Interessen ausgelöst. Die Franzosen sind darauf gut vorbereitet: In Paris lehrt eine Hochschule für Wirtschaftskrieg kognitive Kampftechniken - und bedient sich Methoden des Militärs.

Von Gregor Waschinski, Paris


Aber nein, überrascht hat Christian Harbulot die Sache mit Airbus nicht. "Auf den globalen Märkten herrscht knallharter Wettbewerb", sagt er. "Da muss ein Land seine Industrie beschützen, schließlich hat es eine Verantwortung für die Bevölkerung, die auf seinem Territorium lebt." Deutsch-französische Partnerschaft hin oder her - noch habe Europa einfach nicht die politische Reife, um die gleiche Rolle wie ein Nationalstaat zu spielen. Und deshalb werde es auch innerhalb der EU weiter wirtschaftlichen Patriotismus geben.

Eine klare Aussage, die man umso besser versteht, wenn man weiß, dass Christian Harbulot Direktor der Pariser "Ecole de Guerre Economique" ist, einer "Schule für Wirtschaftskrieg". Die staatlich anerkannte Einrichtung entstand 1997 als Antwort auf Praktiken amerikanischer Unternehmen, denen Frankreich vorwarf, im Globalisierungswettlauf auf fiese Tricks zurückzugreifen. Finanziell unterstützt wird die Einrichtung vom französischen Verteidigungsministerium und der Rüstungsberatungsfirma Défense Conseil International.

Etwa 50 Studenten lernen hier in einem zehnmonatigen Aufbaustudium, im Hauen und Stechen der internationalen Handelsbeziehungen zu bestehen. Die Absolventen kommen meist bei Beraterfirmen oder bei großen Konzernen in der Strategieabteilung unter. 10.000 Euro kostet die Ausbildung, Bewerber müssen ein abgeschlossenes Hochschulstudium oder fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen. Daneben bietet die Schule auch berufsbegleitende Programme für Führungskräfte an.

"Alles, was wir Studenten beibringen, ist legal"

Christian Harbulot sitzt mit breiten Schultern und gestreifter Krawatte hinter seinem Schreibtisch. Er ist Anfang 50, ehemaliger Geheimdienstler und Autor mehrerer Bücher über die Technik des Wirtschaftskriegs. "Unsere Studenten lernen, in Konflikten Informationen strategisch einzusetzen", sagt er. An der Schule unterrichten deshalb Geheimdienst- und Verteidigungsexperten ebenso wie Manager aus Großkonzernen. Ihre Seminare tragen Namen wie "Kognitive Kampftechniken", "Einfluss-Management über das Internet" oder "Verhandlungsstrategien".

Laut Eigenwerbung setzt die Schule auf die "Verschmelzung militärischer und wirtschaftlicher Methoden". Harbulot hat selbst viel mit Offizieren zusammengearbeitet: "Dabei habe ich gemerkt, wie wenig die zivile Welt erfolgreiche Ideen aus dem militärischen Bereich nutzt. Das gilt vor allem für den taktischen Umgang mit Informationen."

Die geschickt eingesetzte Information sieht Harbulot als schärfste Waffe im Wirtschaftskrieg. Gerade in der Anonymität des Internets kann über getarnte Webseiten gezielt Wissen produziert werden, das den Gegner diskreditiert. Zugleich gilt es, Gerüchte über das eigene Unternehmen mit einem informationellen Gegenangriff schnell zu zerstreuen. Die Abschlussarbeit der Studenten bestand im vergangenen Jahr beispielsweise darin, binnen 24 Stunden einen imaginären Internetauftritt unschädlich zu machen. "Kill activistcash.com", so lautete das Szenario. Eines ist Harbulot dabei allerdings sehr wichtig: "Alles, was wir den Studenten beibringen, ist legal. Wir arbeiten nur mit frei zugänglichen Informationen aus Datenbanken oder dem Internet."

Wie eine Kulisse für Atomkrieg-Kommandozentrale

Die "Ecole de Guerre Economique" ist der Wirtschaftshochschule ESLSCA angegliedert, hat aber einen eigenen kleinen Eingang in einer Nebenstraße. Kein repräsentatives Portal, nur ein kleines Schild und eine Eisentür. Dahinter befindet sich ein Labyrinth aus engen Gängen und gedrungenen Räumen. Aktenschränke schmiegen sich an die bräunlich-grünen Wände - müsste Hollywood eine Kulisse für eine unterirdische Atomkrieg-Kommandozentrale bauen, hier steht ein geeignetes Modell.

Der Aufenthaltsraum der Schule liegt im Keller, ist spartanisch eingerichtet, in der Ecke steht immerhin ein Sofa. An einem Tisch sitzt Katharina Dalka, die einzige Deutsche, die momentan an der Schule studiert. "Wenn ich zurück nach Hause komme und dann den Namen meiner Schule übersetze, gucken die Leute schon ein bisschen komisch", erzählt sie. "Allerdings bekommen wir in unserer Ausbildung klare ethische Grenzen aufgezeigt. Wir machen auch nichts, was gegen ein Gesetz verstößt." Was in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität passiert? Darauf gibt sie keine klare Antwort.

Katharina spricht viel über ihre Mittelposition zwischen Deutschland und Frankreich: aufgewachsen in Paderborn, Studium in Paris. Statt nationale Interessen zu vertreten, will sie sich lieber auf das Wohl einzelner Unternehmen konzentrieren. "Ich möchte später deutschen und französischen Firmen durch Zusammenarbeit zu beiderseitigem Profit verhelfen", sagt Katharina. Trotzdem, meint sie, sollte es so eine Institution wie die "Ecole de Guerre Economique" auch in der Bundesrepublik geben. "Zu wissen, wie man seine Firmen verteidigt, schadet niemandem", sagt sie. "Diese Taktiken werden schließlich auch von anderen Ländern angewandt."

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