Unis im Dienst der Wirtschaft Millionen gesucht, Glaubwürdigkeit abzugeben

Konzerne finanzieren Lehrstühle und bestimmen mit, woran geforscht wird - doch ist Wissenschaft deshalb käuflich? Das Hochschulmagazin "duz" zeigt Fälle, in denen Grenzen überschritten werden.

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  Wissenschaftlerin im Labor: Wie groß ist die Einflussnahme von Unternehmen?
Corbis

Wissenschaftlerin im Labor: Wie groß ist die Einflussnahme von Unternehmen?


Zum Beispiel die Hochschule Deggendorf. Sie hat das getan, was die Politik allen Universitäten und Fachhochschulen seit Jahren ins Auftragsbuch schreibt: Deggendorf knüpfte Kontakte zur Wirtschaft. Etwa zu Micro Epsilon, einem Hersteller von Sensoren, spezielle Elektronik, die unter anderem in Autos verbaut wird. Ein Vertreter des Unternehmens sitzt im Hochschulrat, dem wichtigsten Gremium. Und 2008 hat Micro Epsilon Geld für eine neue Professur gegeben. Dr. Martin Sellen, Raum C 226, lehrt und forscht seither zum Thema "industrielle Sensorik". So weit, so üblich. Pikant ist, wer die Professur in Deggendorf einnimmt: Martin Sellen ist der Geschäftsführer von Micro Epsilon.

Fast wöchentlich verkünden Hochschulen neue Kooperationen, oft mit Unternehmen, aber auch mit Verbänden, Stiftungen oder öffentlichen Stellen. Professoren schreiben Gutachten, akquirieren Drittmittel für Projekte, betreiben Auftragsforschung. Im Jahr 2011 nahmen die Hochschulen 1,3 Milliarden Euro Drittmittel von der Wirtschaft. Zehn Jahre zuvor waren es noch 778 Millionen Euro. Fremdes Geld ist an den Hochschulen nicht mehr wegzudenken - auch weil die Grundfinanzierung durch die Länder stagniert.

Rund 1000 Stiftungsprofessuren wie in Deggendorf laufen derzeit an den deutschen Hochschulen. Fünf Jahre zuvor waren es erst 660 Lehrstühle, die auf Zeit von Unternehmen, Stiftungen oder Privatleuten finanziert wurden. Der Wissenschaftssoziologe Dr. Stefan Böschen vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) spricht von neuen Grauzonen. "Die Universitäten werden dazu angehalten, unternehmerischer zu werden", sagt er. "Das führt dazu, dass unter der Hand manches über Bord geworfen wird, was früher als ehernes Prinzip galt." Wird die Wissenschaft käuflich? Die Wahrheit, meint Böschen, verschiebe sich auf subtile Weise - ohne dass sich Forscher als befangen erleben müssen.

Firmen kommen von alleine an die Unis

Vor allem einer kämpft seit Jahrzehnten bei den Hochschulen dafür, die Berührungsängste zur Wirtschaft abzubauen: der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, in dem sich große Unternehmen versammelt haben. "Die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft wird bedeutender", sagt Dr. Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes. Das habe nicht einmal unbedingt damit zu tun, dass ausgehungerte Hochschulen von der Politik zum Klinkenputzen geschickt würden. Die Firmen selbst dränge es an die Hochschulen, sagt Meyer-Guckel - wissenschaftliches Knowhow von der Quelle wird verstärkt zum Wettbewerbsvorteil. Weltweit. "Früher hatte Bayer in Leverkusen ein einziges riesiges Entwicklungslabor. Heute findet immer mehr Forschung in Kooperationsprojekten mit Hochschulen statt", sagt Meyer-Guckel. Doch das Unbehagen wächst, in der Gesellschaft, aber auch in der Politik, die umzusteuern beginnt. Wer definiert, was die drängenden Forschungsfragen sind? Welche Standards braucht es für Kooperationsprojekte? Wie weit können öffentliche Hochschulen privaten Geldgebern entgegenkommen? "Das Thema ist derzeit extrem virulent", sagt Meyer-Guckel.

Geschichten wie die aus Deggendorf zeigen, warum. Auf den ersten Blick mag die Hochschule alles richtig gemacht haben. Als FH soll sie anwendungsorientiert forschen und ausbilden, Praktiker zu Professoren machen. Das macht ihren Charme aus. Aber die Hochschule beansprucht für sich ebenfalls, Wissenschaft zu betreiben, den Zweifel zu kultivieren, sich nicht von fremden Interessen leiten zu lassen. Der Stifterverband hat diese Idee 2011 in einem freiwilligen Verhaltenskodex für fremdfinanzierte Professuren formuliert. Darin heißt es unmissverständlich: "Die Freiheit von Forschung und Lehre und die Unabhängigkeit der jeweils geförderten Hochschule von wirtschaftlichen und sonstigen Interessen wird gewährleistet."

Gibt es Interessenskonflikte?

Die Hochschule Deggendorf verweist im Fall der Professur von Micro Epsilon auf ein ordentliches Berufungsverfahren. Die Stelle wurde ausgeschrieben, der Mitarbeiter des stiftenden Unternehmens sei der geeignetste Kandidat gewesen. Sellen selbst sagt, er sehe keinen Interessenkonflikt.

Zumindest aber vermischen sich die Rollen. Den Verlängerungsvertrag mit der Hochschule über die Stiftungsprofessur hat Sellen selbst unterschrieben - als Geschäftsführer des stiftenden Unternehmens. Als Vertreter der Professorenschaft wiederum zog Sellen von 2011 bis 2013 in den Senat der Hochschule, ein reines Hochschulgremium. In der Rolle als Wirtschaftsvertreter sitzt Sellen im wissenschaftlichen Beirat der Bayerischen Forschungsstiftung, einem Förderwerk, das mit öffentlichem Geld Projekte unterstützt, bei denen Hochschulen und Unternehmen zusammenarbeiten. Geld fließt dabei auch nach Deggendorf - etwa in ein Kooperationsprojekt der Hochschule mit Micro Epsilon. Im Jahresbericht 2012 findet sich ein Projektsteckbrief "Inlineraurigmessung am Brillenglas". Als Kooperationspartner aus der Wirtschaft ist angegeben: Martin Sellen, Micro Epsilon.

Es mögen Grenzfälle dieser Art sein, die die Politik zum Umdenken bewegen. In Baden-Württemberg hat Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) unlängst den Hochschulen auferlegt, in einer Datenbank alle Forschungsprojekte mit fremdem Geld nachprüfbar festzuhalten. Niedersachsen machte kürzlich sämtliche Militärforschungsprojekte der Landeshochschulen öffentlich, nachdem deutsche Universitäten mit ihren Arbeiten für das amerikanische Pentagon in die Schlagzeilen gerieten. "In einer Demokratie verbietet es sich, dass öffentlich geförderte Hochschulen hinter verschlossenen Türen forschen", sagte Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljaji (Grüne).

Wie sensibel der Punkt für die Hochschulen ist, zeigte sich in NRW: Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) wollte ebenfalls mehr Transparenz in der Drittmittelforschung durchsetzen - wogegen die Rektoren Sturm liefen. Inzwischen ist der Punkt im geplanten Hochschulzukunftsgesetz stark verwässert. Auch der Stifterverband registriert den Schwenk. "Die Politik muss aufpassen, dass sie nicht übers Ziel hinausschießt", sagt Dr. Volker Meyer-Guckel. Der Stifterverband will daher in Workshops und Veranstaltungen ausloten, wie viel Transparenz möglich ist und welche Interessenkonflikte sich in der Forschung mit der Wirtschaft ergeben. "Wir im Stifterverband werden das zu einem Hauptthema der nächsten Monate machen", sagt Meyer-Guckel. Anlass zu reden gibt es genug.

Beispiel Berlin: Eine vom ehemaligen Bundespräsidenten-Paar Carstensen ins Leben gerufene Stiftung finanziert an der Charité eine Professorin, die die Homöopathie erforschen soll - obwohl Schulmediziner die¬se Alternativheilkunde fast durch die Bank für widerlegt halten. Beispiel Köln: Die Universität hält beharrlich einen Vertrag mit dem Pharmakonzern Bayer unter Verschluss, den der damalige Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) einst lobte als "weitest reichende Kooperation, die eine nordrhein-westfälische Universitätsklinik bislang eingegangen ist".

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cirkular 03.06.2014
1. Mit TISA
wird der gesamte Bildungsbereich privatisiert. Dann konzentriert sich die Ausbildung auf die Fächer, die von der Industrie nachgefragt werden. Universitäre Arbeitssprache ist dann englisch. Die deutsche Sprache wird in der Folge auch im Schulbetrieb obsolet.
herr wal 03.06.2014
2.
Zitat von sysopCorbisKonzerne finanzieren Lehrstühle und bestimmen mit, woran geforscht wird - doch ist Wissenschaft deshalb käuflich? Das Hochschulmagazins "duz" zeigt Fälle, in denen Grenzen überschritten werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/wissenschaftsfreiheit-durch-einflussnahme-von-stiftern-gefaehrdet-a-971747.html
Vielleicht muß die Politik (oder ersatzweise die Presse und die Bevölkerung) ja eher aufpassen, dass die Bedeutung des Begriffes “Drittmittel“ sich nicht subtil allzu weit verschiebt. In dem Sinne, dass diese Mittel dann jene wären, die der Steuerzahler zur subtilen Unterstützung der industriellen Forschung aufwendet. (Zum Beispiel durch zur-Verfügung-Stellen von Immobilien, Hausmeistern, Putzfrauen, usw.). So dass die Auftraggeber der Forschung sich dann auf die Finanzierung der reinen Wissenschaft beschränken könnten und die notwendige Infrastruktur von den Steuerzahlern kostenlos zur Verfügung gestellt würde. (Wie das ja z.B. für die Verkehrswege zwischen Unternehmen und Universität ohnehin schon der Fall ist; und dann könnte man das doch einfach noch ein wenig auf's Hochschulgelände hin ausdehnen …)
Olding Bone 03.06.2014
3. Umgekehrt.....
Im Grunde werden nicht die Universitäten gefördert. Vielmehr subventionieren die Unis (also der Steuerzahler) durch das Bereitsstellen einer entsprechenden Infrastruktur die Forschungsaktivität der Privatwirtschaft. Die Forschungsergebnisse (ggf. Patente) gehen an die Wirtschaft. Die Investition wird somit teils sozialisiert, der Gewinn privatisiert..... das übliche Spiel !
Hochschullehrer 03.06.2014
4. Finanzierungsalternativen gesucht!
Bei aller berechtigten Kritik an den angeführten Fehlentwicklungen muss nüchtern festgestellt werden, dass das Bildungs- und Forschungswesen chronisch unterfinanziert ist und Gelder nur aus drei Quellen fließen können: Über Steuereinnahmen und den Staat, über Studiengebühren von den Studierenden oder über Stiftungen und Forschungsförderung durch die Industrie. Es ist eine gesellschaftliche Frage, wie der "Fördermix" aussehen soll. In der Vergangenheit hatten wir in Deutschland politische Berufungen auf Professuren, da war das richtige Parteibuch notwendig in Zeiten, als der Staat 100% finanzierte. In Ländern wie Australien werden Universitäten heute zu 95% über Studiengebühren finanziert und alle bekommen tolle Noten, da bestimmen die Studierenden. Und wenn man über Industrienähe und -förderung nachdenkt, dann hat man natürlich auch deren Interessen im Haus. Wie die Beispiele zeigen, war und ist Bildung und Forschung nie losgelöst von Interessen. Und so lange Universitäten nicht Studiengebühren erheben dürfen und die Mittel vom Staat permanent geringer werden bleibt nur die Industrie, um die Finanzierungslücken zu stopfen. Dies ist politisch und damit gesellschaftlich so gewollt, dass muss man klar so formulieren. In einigen Universitäten und Fachbereichen wäre Lehre und Forschung ohne Industriebeteiligung garnicht mehr möglich. Da stützten private Unternehmen den öffentlichen Bildungsauftragm und das nicht nur an Fachhochschulen. Und oft fordert gerade die Industrie mehr internationale Spitzenforschung und ist bereit diese auch zu finanzieren und nicht die Politik! Wer den "Finanzierungsmix" ändern will muss auch ja sagen zu Studiengebühren und mehr staatliche Zuwendungen. Alles andere ist Augenwischerei und frommes Wunschdenken.
helmut.alt 03.06.2014
5. optional
Die Forschungskooperationen von Hochschulen und Industrie sind für beide Seiten von Vorteil. Die Grundlagenforschung an der Hochschule erhält Impulse von der Anwendungsseite (und finanzielle Mittel) und die Industrie spart kostspielige eigene Forschungsmittel. Also eine win-win Situation.
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