Wissenschaftssprache zum Abgewöhnen Wie Professoren ihre Studenten quälen

Häh? Professoren drangsalieren ihre Studenten gerne mit unverständlichem Deutsch. Sie lieben Fremdwörter und Bandwurmsätze. Wir zeigen zehn akademische Grausamkeiten und ihre - eigentlich ganz einfachen - Übersetzungen.

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Ein schwer verständlicher Satz aus einem Lehrbuch der Publizistik (Für Fortsetzung und Auflösung klicken Sie bitte auf das Bild)
Illustration: Romy Blümel

Ein schwer verständlicher Satz aus einem Lehrbuch der Publizistik (Für Fortsetzung und Auflösung klicken Sie bitte auf das Bild)


Achtung! Wir empfehlen, vor der Lektüre der folgenden Sätze ganz tief durchzuatmen.

"Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften haben recht differente Publikationskulturen. Dies rührt daher, dass die Naturwissenschaften aufgrund ihrer engen Anbindung an gesellschaftliche Produktion zu langfristig einheitlichen Gegenstandskonzeptionen tendieren, während diese in den Geistes- und Sozialwissenschaften nach wie vor strittig sind."

Alles verstanden so weit? Nein? Dann vielleicht kurz ins Bad gehen und sich kaltes Wasser ins Gesicht klatschen. Und dann erfrischt weiterlesen oder es, nun ja, wenigstens versuchen:

"Es stehen sich daher eine in die Breite und Tiefe gehende Wissensentwicklung, die idealiter die Historizität der Gegenstände und ihrer Konzeptionen, also die Fachgeschichte selbst, mit im Blick behält, und ein auf enge Innovationszonen bezogener Erkenntnisfortschritt, der auch das noch nicht Gewusste bereits als Aufgabe scharf umrissen hat, gegenüber."

Die Passage stammt aus einem Handbuch für Literaturwissenschaft, geschrieben von einem Professor für Literaturwissenschaft, einem ausgewiesenen Textexperten also, der seinen Studenten ja eigentlich etwas beibringen soll. Warum nur formuliert der Mann seine Thesen dann nicht klar und verständlich? Wahrscheinlich, weil sie sonst ziemlich banal klingen würden. Schließlich ließe sich das obige Zitat ganz simpel auch folgendermaßen formulieren:

"Jedes Fach ist anders. Bei den Naturwissenschaften wird weniger diskutiert, bei den Geistes- und Sozialwissenschaften mehr. Deshalb klingen die Texte in den verschiedenen Fächern auch unterschiedlich."


Lesen Sie hier einige Textbeispiele aus Fachbüchern und wissenschaftlichen Aufsätzen - samt humorvollen Vorschlägen für verständliche Formulierungen:

Schlimmes aus der Pädagogik:

Der Journalist und Autor Armin Himmelrath übersetzt:
"Antipädagogen lenken durch Begriffsklauberei von ihrer Hilflosigkeit ab - denn Kinder entwickeln sich immer anders als geplant."

Schlimmes aus der Soziologie:

Armin Himmelrath übersetzt Niklas Luhmann:
"Gott ist erstaunlich. Er kann bewegungslos im Himmel hocken und trotzdem alle Strippen ziehen. Wirklich erstaunlich."

Schlimmes aus der Theologie:

"Lieber Herrgott, lass Gnade walten", möchten Theologiestudenten da rufen. Oder: "Selig sind die geistig Armen. Amen."

Schlimmes aus der Publizistik:

SPIEGEL ONLINE

Armin Himmelrath übersetzt:
"Menschen fühlen sich besser, wenn ihre verschiedenen Überzeugungen zueinanderpassen und sich nicht widersprechen."

Noch mehr Schlimmes aus der Publizistik:

Armin Himmelrath übersetzt:
"Was jemand sagt, lässt Rückschlüsse auf seine Meinung zu."

Schlimmes von Werbepsychologen:

Sprachtrainer Markus Reiter connected sich so zwar nicht mit seinen Buddies, versteht die Passage aber trotzdem:
"Wenn eine Werbeveranstaltung wirken soll, müssen sich die Beteiligten treffen. Dann wäre es super, wenn sie sich gegenseitig wahrnehmen und irgendwas miteinander unternehmen. Dabei sollten sie aufgeschlossen und gut drauf sein. Wenn die Beteiligten nämlich mies drauf sind, finden sie auch die Maßnahme blöd und diejenigen, die sie organisiert haben."

Schlimmes aus der Biologie:

Die Anthropologin Inge Schröder erklärt, was Toni Hofreiter sagen will:
"Die Blütenhülle besteht aus Blütenblättern, bei denen Kron- und Kelchblätter nicht unterschieden werden können, allerdings sind die inneren Blätter in der Form variabler als die äußeren."

Schlimmes aus der Philosophie:

Armin Himmelrath hat eine Idee, was diese Zeilen des großen Sozialphilosophen Habermas bedeuten könnten:
"Der Mensch passt sich an seine Umgebung an."

Schlimmes aus den Rechtswissenschaften:

Markus Reiter übersetzt die mögliche Dauer einer Schwangerschaft:
"Dummerweise hat der Gesetzgeber nicht festgelegt, wie lange eine Schwangerschaft dauert. Wir gehen einfach mal von neun Monaten aus. Es gibt aber kuriose Fälle. So soll eine Schwangerschaft schon 349, 346, 331 oder 174 Tage gedauert haben. Seltsamerweise gibt es aber auch Fälle, wo Schwangerschaften von 188 oder 340 Tagen für unmöglich gehalten wurden."

Schlimmes aus der Medizin:

Der Mediziner und Comedian Eckart von Hirschhausen erklärt in einfacher Sprache, was beim männlichen Horrorszenario zu tun ist:
"Der männliche Traum von einem Dauerständer kann nach ein paar Stunden zum Albtraum werden. Dann muss der Arzt herausfinden, ob zu viel Blut in die Schwellkörper rein geht oder zu wenig wieder raus oder beides. Dazu sticht man erst mal eine kleine Nadel zum Blutabnehmen mitten rein und drückt anschließend fest drauf, damit es nicht so blutet. Kommt die Erektion trotzdem nicht zum Erliegen, hilft als Gegengift, Verwandte des Adrenalin zu spritzen, und wenn eine halbe Stunde später immer noch nichts abschwillt, dann muss der Mann unters Messer."


Warum nur quälen viele Wissenschaftler ihre Leser immerzu mit dieser schauderhaften Sprache? Gibt es da eine Vorschrift? Nein, natürlich nicht. Man sollte aber wissen: Die Sprache an deutschen Hochschulen dient nicht nur der reinen Wissensvermittlung. Sie hat nicht immer das Ziel, komplexe Theorien, Zusammenhänge oder Forschungserkenntnisse verständlich darzustellen.

Warum komplizierte Sätze so unendlich müde machen

Viele Professoren wollen sich mit ihren Texten vom Rest der Gesellschaft abgrenzen, ihre Zugehörigkeit zu einem exklusiven Zirkel beweisen. "Herrje, bin ich gebildet und wortgewandt", lautet die Botschaft. "Ich kenne mich so gut aus wie kaum jemand sonst. Schaut alle her zu mir! Oder besser noch: Schaut alle auf zu mir!"

Während Forscher in den USA ihre Reputation auch durch ihre Lehrleistung erhalten, zählt hierzulande vor allem die Anzahl an Publikationen in Fachbüchern und -journalen. Also schreiben Wissenschaftler in Deutschland möglichst viel und möglichst kompliziert, um mit ihren Texten, Forschungsanträgen und Vorträgen die Fachkollegen und Vorgesetzten zu beeindrucken: Das nämlich hilft auf dem Weg zum Professorentitel oder Lehrstuhl.

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Okay, könnte man sagen, eine geschliffene und zuweilen großspurige Sprache ist doch von jeher Teil des intellektuellen Habitus. Und klar, jede Disziplin hat ihre eigenen Begriffe, Ausdrucksweisen und Abkürzungen. Mediziner sprechen halt von "Varizen", wenn jemand Krampfadern hat, und Juristen reden von "Prokura", wenn es um eine Vollmacht geht. Das ist präzise und effizient. Doch viel zu häufig basteln Professoren unnötigerweise Schachtel- und Bandwurmsätze, verwenden hässliche Substantivierungen und unbekannte Fremdwörter.

So kann die Lektüre eines juristischen Fachbuchs zu einem der schmerzhaftesten Erlebnisse eines Studentenlebens werden. Denn: Unser Gehirn mag verschachtelte Sätze mit vielen Substantivierungen und Fremdwörtern nicht; sie sind ihm zu anstrengend. Stößt jemand beim Lesen auf ein ihm unbekanntes Wort, braucht sein Gehirn bis zu einer halben Sekunde, um das zu bemerken - die Bedeutung hat er damit oft aber noch immer nicht begriffen. Bekannte Wörter hingegen werden in weniger als einer Fünftelsekunde verarbeitet.

Der Text enthält Auszüge aus dem Buch:

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  • Lena Greiner, Jahrgang 1981, studierte Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Hamburg, Berlin und Washington D.C. Sie ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE und für den UniSPIEGEL.

  • Friederike Ott, Jahrgang 1977, studierte Internationales Management und Außenwirtschaft in Hamburg. Sie arbeitet als freie Journalistin u.a. für "ARD-aktuell", die SPIEGEL-Gruppe und die "SZ".

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insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
kieler rundschau 28.02.2014
1. Nicht nur an der Uni
trifft man auf dieses Phänomen. In der Politik grausiger Alltag. Verquaste und geschraubte Wendungen um eigentlich nichts zu sagen. Besonders schlimm ist es in linkslinken Gruppen. Duemmliche Rhetorik gepaart mit der Arroganz des Allwissenden...
Phil2302 28.02.2014
2.
Das kenne ich als Lehramtsstudent zu genüge, da ich schon viele Pädagogikbücher lesen musste. Wenn Studienfächer aber inhaltlich nicht viel zu bieten haben, dann müssen sie eben irgendwie künstlich aufgebläht werden. In der Mathematik oder in der Physik ergeht es einem ähnlich, nur rührt da das Unverständnis über das Gelesene gänzlich aus der Schwierigkeit der Fächer an sich. Hoch angesehen ist es hier eher, wenn ein Buch es schafft, einen komplizierten Zusammenhang möglichst einfach zu vermitteln.
Christoph Krauss 28.02.2014
3. Fehlende Differenzierung
Der Artikel zeigt leider eher die Niveaulosigkeit der Autorinnen als den überhöhten Anspruch der Autorinnen. Denn die Übersetzungen sind ungenau und stellen oft eine Vereinfachung dar, wie man sie vermutlich im Journalismus,aber eben nicht in der Wissenschaft brauchen kann. Zweifellos gibt es Texte, die künstlich kompliziert gehalten sind; alllerdings zählen die angeführten Beiträge mehrheitlich nicht dazu. Eine Einstellung ist etwas anderes als eine Meinung, um nur ein Beispiel zu bringen.
Paul Panda 28.02.2014
4. unerträgliches Geschwurbele
Über das in den Fachpublikationen vorherrschende Geschwurbele ärgere ich mich schon seit vielen Jahren. Das ganze ist eine Frechheit. Ein Wort, das mir neulich unangenehm auffiel, war "similar" als Ersatz für "ähnlich". Man sollte den selbstverliebten Verfassern solchen Stusses ihre Manuskripte so lange im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren hauen, bis sie sich endlich um eine vernünftige Ausdrucksweise bemühen. Der Respekt vorm akademischen Titel erscheint mir in diesen Fällen völlig unangebracht.
Stefan Christiansen 28.02.2014
5. Inkonsistenten
Zitat von sysopIllustration: Romy BlümelHäh? Professoren drangsalieren ihre Studenten gerne mit unverständlichem Deutsch. Sie lieben Fremdwörter und Bandwurmsätze. Wir zeigen zehn akademische Grausamkeiten und ihre - eigentlich ganz einfachen - Übersetzungen. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/wissenschaftssprache-die-schlimmsten-zitate-von-professoren-a-953935.html
Bin ich zu doof oder müsste es Inkonsistenzen heißen?
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