An alle Wissenschaftler So geht verständliche Sprache

Wenn Experten über ihr Fach sprechen oder schreiben, steigen Laien schnell aus. Dabei ist es für Wissenschaftler heute wichtiger denn je, ihre Erkenntnisse einem breiten Publikum zu vermitteln. Bloß wie? Zehn Tipps aus dem Hochschulmagazin "duz".

Von Wolfgang Goede

Und das bitte noch mal kurz zusammengefasst in 400 Wörtern
Corbis

Und das bitte noch mal kurz zusammengefasst in 400 Wörtern


Technologie und Wissenschaft sind die Schrittmacher unserer Zeit, und mehr denn je stehen Zeitungen und Magazine Berichten aus der Forschung aufgeschlossen gegenüber. Wer als Wissenschaftler in Massenmedien publizieren will, sollte Regeln beachten. Ein Leitfaden.

Pointierter Titel: Auf die Überschrift kommt es an. Sie ist mein Wegweiser. Worüber genau will ich meine Leserschaft aufklären? Wer das nicht ausformuliert, landet rasch in der Wüste. Ohne Titel zu schreiben, würde einem Wissenschaftler nie einfallen. Nur, mit Verlaub: Deren Titel sind oft so weitgespannt und unscharf, dass die halbe Schöpfungsgeschichte darunterpasst. Entsprechend aufgequollen zu lesen sind die Befunde mitunter, besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften.

Ich plädiere hier für laserscharfe Klarheit, singuläre Fragestellungen. Spielen Sie mit Ihrem Titel, raffen Sie sich auf zu einer steilen These, winken Sie mit einer aufregenden Forschungsreise, gern auch provokativ. Als die "P.M."-Redaktion einmal neueste Eskimoforschungen veröffentlichte, schrieb sie darüber: Verstehen Sie, warum dieses Volk nie ausgewandert ist? Packender, emotionaler der Klassiker in zwölf Zeichen: Wir sind Papst.

Fokussierte Recherche: Parallel zur Titelsuche läuft die inhaltliche Recherche. Bald verschwindet der Wald hinter den Bäumen. Wichtig: nur den relevantesten Aspekt herausgreifen, diesen nach dem Leitmotiv "small is beautiful" einkreisen, alles Fett abwerfen.

Die journalistische Praxis zeigt, leider: So wie Forscher dem "Alles über Alles" erliegen, die Grenzen ihres Themas mit jeder neuen Lektüre erweitern, neigen auch Journalisten zum Sich-Aufblähen. Die ständig wachsende Informationslawine, besonders im Netz, macht es nicht leichter. Deshalb dem Erkenntnisstreben rasch einen Vektor geben.

Prägnantes Exposé: Redaktionen werden ausgedünnt. Fürs Lektorieren und Redigieren gibt es kaum mehr Personal. Deshalb verlangt der Redakteur seinen journalistischen Zuarbeitern immer häufiger ein Exposé ab. Es umreißt auf einer Seite - bitte übersichtlich und mit Absätzen! - die Fragestellung, liefert erste Antworten, macht Quellen sichtbar, zurate zu ziehende Experten, den angestrebten Umfang, Liefertermin und was geliefert wird, etwa auch Bildmaterial oder Infokästen.

Folgende Punkte erscheinen mir essenziell: die Aktualität des Beitrags, warum er in dem anvisierten Medium platziert werden muss, welchen Nutzen seine Leser daraus ziehen. Diese Angaben lassen den USP, Unique Selling Point, das Alleinstellungsmerkmal des Beitrags erkennen, eine Art Siegel für die Exklusivität, nicht zuletzt Entscheidungskriterium und Hilfe für die Redaktion. Letztlich muss das Exposé einen verhandlungsfähigen Honorarvorschlag unterbreiten. Pro bono sollte kein Autor arbeiten, es sei denn, sein Artikel öffnet die Tür zu einer künftig bezahlten Zusammenarbeit.

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Schlanke Gliederung: Die Gliederung zieht dem Stoff ein weiteres Korsett ein und sorgt idealerweise für die schlanke Form. Gliederungen sind Skelette, tragende Gerüste der Wortgebilde. Auch hier plädiere ich für zweckmäßige Sachlichkeit statt barocker Verspieltheit. Form follows function, alle W-Fragen ausleuchten, gern auch aus unterschiedlichen Perspektiven, aber keine Exkurse. Die sind zwar beliebt in wissenschaftlichen Aufsätzen, aber meist auch dort nur Deponie überquellenden Stoffes. Auch für Gliederungen gilt: Weniger ist mehr!

Pro & contra: Ein Blitzlicht zur Kunst der Argumentation. Alle Beweise und Beispiele, die die Fragestellung des Autors beantworten, wie Perlen aufreihen. Der Leser will klare Kante, aber: so wie in der Wissenschaft, obwohl auch dort oft ein Waisenkind, der Gegenseite und Kritik ein Gesicht geben. Kein Wissen ist absolut. Erst These und Antithese erschaffen die Synthese, das höhere Informationsniveau. Dieses Prinzip, ich nenne es "Holistischen Antagonismus", ist Kern abendländischer Forschung, der demokratischen Gesellschaft, eines kritisch-aufklärerischen Wissenschaftsjournalismus.

Wichtige Fragen sind zu klären: Wer finanziert das darzustellende Forschungsprojekt, wessen private Interessen stecken dahinter, welche öffentlichen Interessen bedient es, wie verläuft der Dialog mit NGOs und Akteuren der Zivilgesellschaft? Wer nur mit Forschern, nicht dem Umfeld spricht, läuft Gefahr, PR zu liefern, den "Cheerleader" zu geben - ohne journalistischen Nutzwert.

Gepfeilte Sätze: Endlich, das Schreiben beginnt. Vorsicht: Bereits Mark Twain entrüstete sich über die seltsame Passion der Deutschen zu seitenlangen Sätzen. Verquaste Bandwurm- und Schachtelsätze werden im Wissenschaftsdeutsch nicht streng genug geahndet, immer noch nicht. Sogar in Leitmedien wie der FAZ ist man vor ihnen nicht immer sicher. Deshalb zertrümmern Sie bitte gnadenlos Ihre Satzungetüme. Brechen Sie sie auf einen Hauptsatz mit zwei Nebensätzen herunter - mittlerweile auch für akademisches Schreiben empfohlen.

Produzieren Sie mit jedem Satz Sinn. Widersetzen Sie sich der Unart mancher Feuilletonisten und vieler Politiker: inhaltsleere Locken auf der Glatze zu drehen. Suchen Sie Rat beim deutschen Sprachpapst Wolf Schneider und seinen anschaulichen Stilfibeln. "Gepfeilte Sätze" sind keine Zauberei.

Das Narrativ: Wissenschaftlern liegt Experimentieren im Blut. Guten Journalisten auch. Sobald Sie mit diesen Tipps sattelfest geworden sind, bespielen Sie, zunächst als Versuch, die nächste Bühne: Storytelling oder das Narrativ. Das beherrschen mittlerweile auch Wissenschaftler. Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl, Nanoforscher und Generaldirektor des Deutschen Museums, will weg von Zahlenorgien und rät: "Nicht belehren, Erlebnisse erzählen."

Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften acatech veranstaltet derzeit eine Serie von Workshops über künstliche Photosynthese als Energiequelle der Zukunft. Nerdiger Forschungsstoff wird in Kurzgeschichten mit roten Bäckchen umgestrickt. Darin gibt es - wie in Homers "Odyssee", Grimms Märchen und Hollywoodproduktionen - Helden und Bösewichter, Sex und Crime, Happy Ends und Katastrophen. Je höher die dramaturgische Fallhöhe, desto gefesselter das Laienpublikum, umso mehr versteht es die in Narrative gekleideten Technologien, ihre Risiken und Chancen.

Putzfrauentest: Schotten Sie sich im Schaffensprozess nicht ab wie ein Eremit. Holen Sie Feedback ein, am besten von einem Fachfremden, warum nicht einem Kneipenwirt? Kann er Ihrem Pitch folgen? In Redaktionen nennt sich das "Putzfrauentest". Geben Sie Ihren fertigen Text jemandem zu lesen. Nehmen Sie jedes Verständnisproblem ernst.

Im Flow: Aufschieberitis und das Ringen mit dem leeren Blatt kennt jeder Schreiber. Weltschriftsteller litten daran. Manche schoben Ablenkungen einen Riegel vor und ließen sich zum Arbeiten kurzerhand einsperren. Oft verraten Blockaden, dass Autoren konzeptionell schwimmen. Der Rettungsring: solide Planung.

Wenn der Blues trotzdem aufsteigt, könnte eine Unterbrechung helfen, eine kreative Schaffenspause. Um in den Flow zu kommen, rät die Schreibtrainerin Gabriele Rico in ihrem Buch "Von der Seele schreiben" (Jungfermann Verlag, 1999) zu Assoziationsketten und Mind Maps, Kapitel in Comics zu fassen oder Freewriting: einfach losschreiben. Früher oder später landet man im Thema und streicht den Anlauf dazu einfach heraus.

Rituale und Stimulanzien: Kaffeehaus oder Bibliothek: Suchen Sie sich Ihr persönliches Schreibbiotop. Halten Sie feste Zeiten ein. Nehmen Sie sich für jede Schreibphase ein festes Pensum vor. Schaffen Sie sich sensorische Anreize, Musik jeder Art oder Düfte. Faulende Äpfel ließen Schiller zur Hochform auflaufen.

Wichtig für die Lust: Belohnen Sie sich anständig! Ein letzter Brückenschlag: Forschen und populär darüber zu schreiben, sind beide ein intellektuelles Abenteuer, der Reise des Kolumbus nicht unähnlich.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: duz Magazin 10/2015



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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
info121 28.11.2015
1. Verständliche Sprache?
Der Artikel will Wissenschaftlern verständliche Sporache beibringen und strotzt dabei selbst von neudeutschem Managersprech ala "unique selling point" etc. Da wird ein Kauderwelsch mit dem nächsten ausgetauscht.
Biegel 28.11.2015
2. Schön wäre das
Viele Wissenschaftler sehen ihre Daseinsberechtigung anscheinend aber immer noch in einer verquasten Sprache. Gerade Geisteswissenschaftler versteigen sich meiner Beobachtung nach in komplizierten Satzgebilden und sind entweder nicht willens oder nicht dazu in der Lage, verständliches, klares Deutsch zu schreiben. Ich tippe, ehrlich gesagt, auf Letzteres. Kompliziertes einfach darzustellen und gut zu erklären ist nicht jedem gegeben.
b.weirich 28.11.2015
3. ....früher....
so haben wir das vor 40 Jahren schon im Deutschunterricht in der 10. Klasse gelernt. Uns wurde auch beigebracht, dass der Dumme Fremdwörter falsch benutzt, der Schlauere gar nicht.
mal_anders 28.11.2015
4. Was ist der Job von Wissenschaftsjournalisten?
"Wer als Wissenschaftler in Massenmedien publizieren will, sollte Regeln beachten." ... gut das dies gar nicht so viele Wissenschaftler wollen, die meisten Wissenschaftler schreiben für andere Wissenschaftler und dort zählen dann manchmal "langweilige" Details sehr viel, Replizierbarkeit und wissenschaftliche Korrekt- und Verständlichkeit sind hohe Güter ... ich gebe zu, auch hier muss es nicht immer so kompliziert gemacht werden, wie es nicht selten der Fall ist ... andererseits muss es ja gut recherchierende (Wissenschafts-)journalisten geben, die auch noch einen eigene Kompetenz haben und nicht schon alles mundgerecht von den Wissenschaftler als Pressemitteilung bekommen wollen ... Politikern werden Reden geschrieben, aber der Forscher soll neben seinem Job als Forscher, als Drittmittelbeschaffer, als Lehrer, als Forschungsmanager, nun also auch noch als Wissenschaftsjournalist tätig sein sein ...
Thomas Rudi Edward Mx 28.11.2015
5.
Leider ist es eines der Erkennungszeichen von Wissenschaftsbetrügern, daß sie ihre "sensationellen Entdeckungen", entstanden aus "geheimem Wissen, das von der Industrie und deren korruptem Wissenschaftsapparat seit Jahrzehnten unterdrückt wird" in der von ihnen beschriebenen Form populärwissenschaftlich unter die Leute bringen, um damit eine PR-Welle loszutreten, bevor ihre "sensationellen Entdeckungen" und "revolutionären Erkenntnisse" von fachkundigen Experten geröstet und gegrillt werden. Deshalb gibt es für die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Laien spezielle Wissenschaftsjournalisten. An die müssten Sie Ihren Aufruf richten.
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