Wissenspalast im Wüstensand Katars Bildungsmekka für die arabische Welt

In Katar wird geklotzt und nicht gekleckert: Wo vor kurzem noch Kamele über Dünen zogen, entsteht das modernste Wissenszentrum der arabischen Welt. Die "Education City" ist der Stolz des Emirats. Auch Wissenschaftler aus dem Westen sind willkommen.

Von Benedikt Mandl


Prachttempel des Wissens: Das Weill Cornell Medical College bei Nacht
Geoff Kelly / Qatar Foundation

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Unermüdlich drehen sich die Baukräne im heißen Wind, der vom Inneren der arabischen Halbinsel her weht. Bagger schaufeln Sand und Schutt zu riesigen Wällen, in der flimmernden Luft wiegen sich brandneu glitzernde Paläste wie eine Fata Morgana.

Teils noch unbezogen, teils schon beschickt mit geschäftigen Figuren in Anzügen, traditionellen Gewändern oder Labormänteln, reckt sich zwischen Wüste und persischem Golf "Education City" gen Himmel, der Stolz des Emirats Katar. Eine Stadt der Bildung, ein Magnet für Hochtechnologieunternehmen, ein Bollwerk der Aufklärung und Weltoffenheit in der oft unterentwickelten Hochschulwelt der arabischen Monarchien.

Die Forschungs- und Bildungsstadt wurde seit ihrer Eröffnung im Oktober 2003 schnell zum Sinnbild für den Durst Katars nach dem Wissen des Westens: Kurz nachdem 1995 der heutige Emir Hamad bin Khalifa Al-Thani seinen Vater vom Thron verdrängte, um dessen Anbiederungen an die saudischen Nachbarn zu unterbinden, rief er die Qatar Foundation ins Leben.

Ihre Aufgabe sollte die Schaffung eines Bildungszentrums sein, das in der arabischen Welt ohne Beispiel ist. Vorsitzende der Stiftung wurde Muza bint Nasser al-Misnad, Gattin des Emirs - in der von Männern dominierten Gesellschaft ein weiteres Zeichen der Öffnung in Richtung westlicher Standards.

Bildung vom Kindergarten bis zur Uni

Eine Stadt der Bildung sollte den etwa 817.000 Einwohnern Katars Perspektiven eröffnen, die über jene eines Erdölprofiteurs hinausgehen und zugleich die Abhängigkeit des Landes von westlichen Fachkräften verringern.

Bauarbeiter in Katar: Geld, Ehrgeiz, Beton im Dienste der Bildung
Geoff Kelly / Qatar Foundation

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Education City liegt in unmittelbarer Nähe zur Hauptstadt Doha und wird kontinuierlich ausgebaut und erweitert. Kindergärten finden sich neben Schulen und Universitäten, Museen und Bibliotheken. Um in Zukunft auch ausreichend gebildete Studenten aufbringen zu können, wurde viel Geld in das marode Schulwesen investiert. Im Stile einer militärischen Akademie bildet die "Qatar Leadership Academy" ausgewählte junge Katarer zu den Führungspersönlichkeiten der Zukunft heran.

Wissenschafts- und Unternehmensparks locken schon heute Investoren aus aller Welt, ein Kulturzentrum samt Nationalbibliothek soll das arabische Erbe Katars hüten. Ein neuer Flughafen schließt die sandige Halbinsel an den Rest der Welt an. Modernisierung im Eilverfahren - nicht ohne westliche Hilfe. Denn die glänzenden Wissenspaläste von internationalen Stararchitekten wie Arata Isozaki werden nicht nur von katarschen Bildungseinrichtungen besiedelt.

"Wir haben derzeit fünf US-amerikanische Universitäten an Bord", berichtet Geoff Kelley von der Qatar Foundation. Die Virginia Commonwealth University unterrichtet Design, das Weill Cornell Medical College lehrt Medizin. Auch die Texas A&M University für technische Studien und die Carnegie Mellon University für Wirtschaftsadministration sind inzwischen eingezogen. Der jüngste Partner ist die Georgetown University, die in der Education City internationale Politikwissenschaften unterrichten wird.

US-Unis auf arabischem Boden

Das Konzept ist innovativ: Für gutes Geld eröffnen etablierte Universitäten aus dem Westen einen Campus in der Bildungsstadt und bieten eine Auswahl an Kursen an, die inhaltlich denen an der Hauptuni entsprechen. Abschluss und Titel sind dann auch dieselben wie die der Mutteruniversitäten - obwohl die katarischen Studenten die Bildungsstadt nie verlassen. Bildungsfranchising in Globalisierungszeiten.

Verschleierte Forschung: Auch die Vorsitzende der Qatar Foundation ist eine Frau
Geoff Kelly / Qatar Foundation

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Das Angebot scheint erfolgreich: Etwa 60 Prozent der Studenten in der Bildungsstadt sind Staatsbürger Katars, 30 Prozent sind Zuwanderer mit Hauptwohnsitz im Emirat. Nur zehn Prozent sind ausländische Studenten im klassischen Sinne, vornehmlich aus dem Nahen Osten und Nordafrika, vereinzelt aber auch aus westlichen Ländern. Die meisten Studiengänge bieten derzeit nur einen Bachelor-Abschluss an, für weiterführende Master- oder Doktorstudien fehlen noch die Forschungsstrukturen. Auch an ihnen wird aber schon eifrig gefeilt.

Der Forschungsschwerpunkt in Katar soll neben technischen Disziplinen auf der Biomedizin liegen. Eines der Gebäude, das sich derzeit im Bau befindet, wird bis zum Jahr 2010 als Universitätsklinik Gestalt annehmen. Und offenbart auch, dass Education City nicht nur für guten Willen steht, sondern auch für Geld. Viel Geld sogar: Stolze acht Milliarden Dollar speiste die Regierung in eine Stiftung für das Krankenhaus ein, das jährliche Forschungsbudget wird sich auf 140 Millionen Dollar belaufen.

Partner aus Deutschland gesucht

Um die amerikanische Einseitigkeit der Partneruniversitäten auszubalancieren, sollten nun auch europäische Partner in die Bildungsstadt gelockt werden. "Wir sind sehr an Kooperationen mit europäischen Einrichtungen interessiert", erklärt Kelly, "allerdings haben sich amerikanische Hochschulen bisher als unkomplizierter erwiesen. Außerdem ist die Unterrichtssprache in Katar Englisch, weshalb wir viele Europäische Institutionen nicht in Betracht ziehen können. Bei Forschungskooperationen sind wir allerdings weniger eingeschränkt."

Bildungs-Franchising: Auch US-Unis siedeln auf dem Campus
Geoff Kelly / Qatar Foundation

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Und Forschung soll durchaus nicht nur an den Universitäten von Education City betrieben werden, sondern auch in privaten Einrichtungen. "Wir wünschen uns die Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen und führen diesbezüglich auch schon Verhandlungen", so Ben Figgis, der Sprecher des Qatar Science and Technology Parks. "Schon heute sind 60 Prozent unserer Pächter europäische Firmen. Vereinzelt operieren auch schon deutsche Unternehmen in Katar und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ist sehr aktiv."

Neben großen Namen wie Microsoft, ExxonMobil und EADS soll der Unternehmenspark vor allem Nährboden für junge Unternehmen sein. Die Qatar Foundation erwartet in Zukunft viele kommerzialisierbare Ideen aus den Forschungseinrichtungen und stellt hoffnungsvoll Startkapital, Steuerbefreiungen und eine hochmoderne Infrastruktur bereit.

Education City hat viel erreicht, in beachtlich kurzer Zeit. Für die nächsten Jahre sind noch größere Anstrengungen geplant: Einkaufszentren werden erbaut, Studentenwohnheime, ein Veranstaltungs- und ein Kongresszentrum wachsen derzeit aus dem Wüstenboden. Bis 2007 sollen die fünf Universitäten vor Ort ihre eigenen Gebäudekomplexe beziehen können, weitere Bauprojekte werden laufend geplant. Bald soll der Grundstein gelegt werden für ein Islamisches Kulturzentrum und eine Journalismusschule.

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