Witzforscher Die Anatomie des Humors

Cui Peiling, 27, ist Doktorandin aus der Abteilung lustige Linguistik. Die Chinesin und ihre Witzforscher-Kollegen untersuchen, wann Gags zum "Gelächter der Geschlechter" zünden, wieso Franzosen zum genitalen und Deutsche zum analen Humor neigen.

Von


Cui Peiling ist wohl Deutschlands Doktorandin mit dem lustigsten Thema. Sie liest jeden Tag Witzbücher und sucht in Internetforen nach neuen Gags. Wenn sie sich mit Freunden trifft, wollen diese immerzu Witze von ihr hören. Doch Cui Peiling findet die Jokes nicht mehr komisch. Sie nimmt den Spaß ganz schön Ernst.

Witzforscherin Cui Peiling: So lustig kann Linguistik sein

Witzforscherin Cui Peiling: So lustig kann Linguistik sein

Was für andere nur Klaumauk bedeutet, ist für die 27-Jährige ein Dissertationsthema. Denn es gibt eine Wissenschaft, die Scherzen analytisch zu Leibe rückt: die Witzforschung. Chinesin Cui ist mit ihrer vergleichenden Studie auf dem besten Weg, in die Gemeinde deutscher Witzforscher aufgenommen zu werden - wenn sie es schafft zu erklären, warum verschiedene Kulturen über unterschiedliche Witze lachen.

"Treffen sich zwei Jäger im Wald. Beide tot." - Ist das ein typisch deutscher Witz? Cui Peiling schüttelt den Kopf. Über Jäger zu lachen, sei kein charakteristischer Zug der Deutschen, erklärt sie. Der Witz wirke lustig, weil der erste Satz verschiedene Bedeutungen haben könne - im Fachjargon der Humorforscher eine "Skriptopposition". Darauf basiert fast jede Pointe, egal in welcher Sprache.

Deutsche stehen auf Analwitze

Der Scherz lebt vom Widerspruch - das weiß auch Helga Kotthoff von der PH Freiburg, eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet. "Witze sind Täuschungsmanöver im Gehirn", erklärt Kotthoff. "Wir lachen, wenn eine Geschichte überraschend endet." Der Zuhörer merkt dann, dass die Pointe auf einer anderen Ebene Sinn macht, als er im Voraus angenommen hatte. Das geht im Gehirn so schnell, dass wir uns unseres Humors kaum bewusst sind.

Humor-Festival Arosa: Mit dem Skilift in den Himmel der Witzbolde
DPA

Humor-Festival Arosa: Mit dem Skilift in den Himmel der Witzbolde

Angewandt hört sich interkulturelle Witzforschung dann so an: Während der Franzose zu Zweideutigkeiten über Genitalien neigt, steht der Deutsche besonders auf analen Humor. Das zumindest sagt der amerikanische Soziologe Alan Dundee. Sein Ergebnis hat er mit den Briefen Mozarts bewiesen: Der geniale Komponist nämlich machte endlos viele Witze über Verdauungsstörungen und seine Sitzungen auf dem WC. Außerdem seien viele deutsche Flüche analen Charakters - und Flüche sind Tabubrüche, die der Mensch eben witzig findet. Schon Kinder lachen am liebsten über Wörter wie "Pipi" und "Kacka", sagen die Linguisten, und erinnern an Sigmund Freuds Studie "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten".

Nicht nur Menschen verschiedenen Alters, auch Männer und Frauen lachen herzlich unterschiedlich, hat Helga Kotthoff festgestellt. Sie ließ in geselliger Runde ihr Tonbandgerät laufen und hat die Dialoge beim Witzeerzählen protokolliert. Ihr Ergebnis: Frauen reißen Jokes über eigene Schwächen, während Männer lieber alte Stammtischkracher zum Besten geben. Wenn Männer allerdings mit Frauen scherzen, entwickeln sie Selbstironie - wohl weil sie unbewusst registrieren, dass sie bei Frauen damit besser landen, schreibt Kotthoff in ihrem Buch "Gelächter der Geschlechter".

Chinesen kichern über Ausländer

Nicht unkomisch ist auch, wie Cui Peiling auf das Thema ihrer Dissertation kam. Ursprünglich wollte sie Anglistik studieren, doch weil die englische Abteilung Tongji-Universität in Shanghai einen so schlechten Ruf hatte, wählte sie kurzerhand Germanistik. Als Cui für ein Austauschjahr an die Uni Bremen kam, wohnte sie bei einer Gastfamilie in Bremerhaven. Der Vater riss schon beim Frühstück die ewig gleichen Kalauer. Was die Familie nervte, war für Cui Anstoß für ihre wissenschaftliche Karriere. Heute vergleicht sie deutsche und chinesische Witze. Zum Beispiel diesen:

Drei Schwiegersöhne werden vom Schwiegervater aufgefordert, Sätze zu bilden, in denen die Worte "groß" und "klein" vorkommen. Die älteren zwei meistern die Aufgabe mit Leichtigkeit, nur der jüngste Schwiegersohn grübelt lange. Als die Schwiegermutter den Raum betritt, fällt dem Jüngsten etwas ein: "Meine Schwiegermutter hat einen großen Kopf und sehr kleine Füße."

Linguistin Kotthoff: "Kriminologen werden bei Kongressen auch nicht kriminell"

Linguistin Kotthoff: "Kriminologen werden bei Kongressen auch nicht kriminell"

Wer das nicht zum Brüllen spaßig findet, ist wohl kein Chinese und ahnt deswegen nicht, wie abgrundtief dumm sich der Schwiegersohn angestellt hat. Gleich drei traditionelle chinesische Tabus hat er verletzt: Er hat über seine Schwiegermutter gesprochen, noch dazu über ihre Füße, und dass sie klein sind. Der tollpatschige Schwiegersohn - zum Ausschütten komisch.

Natürlich sind Kalauer nicht weit, wenn Witze Gegenstand der Forschung sind. Doch zu lachen haben "Gagologen" wenig. Denn die Welt der Witze ist in Deutschland eine vernachlässigte Disziplin. Computerlinguistik liegt unter Sprachwissenschaftlern mehr im Trend als vergleichende Studien über die Struktur von Scherzen. Ganz anders in den USA. Die amerikanische Humorszene interessiert sich vor allem dafür, wie Ulknudeln mit ihrer Performance punkten. In Deutschland musste im vergangenen Jahr ein Humorkongress in Essen zunächst abgesagt werden, weil kein Sponsor die Veranstaltung finanzieren wollte. Dann fand die Tagung doch statt, aber viel kleiner als geplant.

Auf Humorkongressen gibt es wenig zu lachen

Finden Humorkongresse schließlich statt, geht es ernsthaft zur Sache. Witze erzählen sich die Linguisten, Literaturwissenschaftler und Psychologen höchstens als Anschauungsmaterial. "Kriminologen werden auf ihren Versammlungen auch nicht kriminell", so der einleuchtende Vergleich von Helga Kotthoff zum Unterschied von Theorie und Praxis.

Komiker Harald Schmidt: Witze leben von der Performance
DDP/ WDR

Komiker Harald Schmidt: Witze leben von der Performance

Und was ist ein todsicherer Gag? Vorurteile ziehen immer, sagt Scherz-Expertin Cui. Deutsche witzeln über Türken und Polen, Rheinländer spotten über Bayern, Porschebesitzer veralbern Mantafahrer. Der Hang zum Vorurteil sei in allen Kulturen gleich, so Cui. Im Reich der Mitte müssen Schwiegersöhne als Witzfiguren herhalten, wie bei uns Ostfriesen, Blondinen und Schwiegermütter. Auch Ausländer werden von Chinesen besonders gern belacht: Wenn sie nämlich versuchen, Chinesisch zu sprechen.

Es gibt aber auch Witze, über die alle Nationalitäten lachen können. In Zeiten der Globalisierung verbreiten sie sich schnell, meist übers Netz. Wie dieser hier:

Die Uno macht eine Umfrage unter Kindern aus aller Welt. Das Thema: Sagt bitte eure eigene Meinung zum Mangel an Lebensmitteln in anderen Ländern. Als erste Gruppe melden sich die afrikanischen Kinder, sie wollen sich aktiv beteiligen, haben aber ein Verständnisproblem: "Wir würden gerne unsere Meinung sagen - aber was sind 'Lebensmittel'?" Als zweite Gruppe sind die Amerikaner an der Reihe. Sie finden es nicht gut, dass sich die afrikanischen Kinder zuerst gemeldet haben. Sie wollen unbedingt auch ihre Meinung äußern, haben aber noch eine Frage: "Was genau sind andere Länder?" Als die europäischen Kinder an der Reihe sind, verstehen sie den Begriff "Mangel" nicht, die südamerikanischen Kinder scheitern am Wort "Bitte". Als letzte Gruppe melden sich die Chinesen. Sie sind zurückhaltend, aber durchaus bereit, mitzuwirken. Bleibt nur noch eine Frage zu klären: "Was sind eigene Meinungen?"




© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.