Wiwi-Studenten in China Frust in der Volksrepublik

Chaos, Ratlosigkeit und Vorlesungen auf Vordiploms-Niveau: Deutsche Wirtschaftsstudenten müssen in China auf einiges gefasst sein. Dafür ist das Studium praxisnah - und im Alltag lernen die Manager von morgen, sich durchzubeißen.

Von Martin Greive


Peter Ehry ist spontan. Als die TU Darmstadt dieses Jahr zum ersten Mal ein Auslandssemester an der Pekinger Elite-Uni Tsinghua anbot, bewarb sich der angehende Wirtschaftsingenieur sofort. "Um China kommt man ja heute nicht mehr herum", sagt der 26-Jährige. Sein Plan: studieren und das Land kennen lernen.

Doch bei einem neuen Austauschprogramm kann viel schiefgehen, merkte Ehry. Trotz intensiver Vorbereitung erlebte er einen Schock, als er im September in Peking ankam: Alle Fristen für seine MBA-Kurse waren längst abgelaufen, eine Anmeldung nicht mehr möglich. Informiert hatte ihn darüber niemand – die Tsinghua-Uni hatte den 26-Jährigen schlicht vergessen.

Ähnliche Erfahrungen machen viele deutsche Wirtschaftsstudenten, die es ins Reich der Mitte zieht. In China wollen sie schon heute lernen, wie ihre Geschäftspartner von morgen ticken. "Wir bemerken ein verstärktes Interesse von Wirtschaftswissenschaftlern an einem Studienaufenthalt in China", sagt Klaus Birk vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD).

Der Wirtschaftsaufstieg macht das Land als Studienort interessant, nicht nur für Wirtschaftswissenschaftler, auch für andere Studenten: Unterstützte der DAAD 2002 noch rund 500 Studenten, die für ein Semester oder länger nach China gingen, sind es dieses Jahr bereits 1000. Laut chinesischem Bildungsministerium studieren rund 1300 Deutsche an Unis in Peking, Shanghai oder Xian.

Ohne Chinesisch wird alles zur Herausforderung

Doch viele der neuen Austauschprogramme zwischen deutschen und chinesischen Unis sind noch recht unausgegoren. Ehry bekam das zu spüren. In der ersten Woche lief er völlig orientierungslos über den riesigen Campus der Tsinghua. "Nur wenn ich durch Zufall gerade andere Wirtschaftsstudenten traf, erfuhr ich von Auftakt- oder Informationsveranstaltungen." So ging das ein paar Tage. "Das war frustrierend, ich habe schon überlegt die Zelte hier wieder abzubrechen", sagt der 26-Jährige.

Doch nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, zog er in den Kampf gegen die chinesische Uni-Bürokratie. "Jetzt hatte ich den Organisations-Marathon, den ich lieber vorher in Deutschland hinter mich gebracht hätte", sagt Ehry. Herauszufinden, wo welche Vorlesungen stattfinden, wie man an die Mensakarte kommt und wer überhaupt der richtige Ansprechpartner für das MBA-Programm ist - das alles wird in einem Land, in dem man die Sprache weder lesen noch sprechen kann, zu einer echten Herausforderung.

Auch die Mitarbeiter im Auslandsamt der Tsinghua stellten zunächst auf stur: "Keine Anmeldung mehr möglich, Herr Ehry", hieß es. "Chinesen sagen beim ersten Mal immer nein, davon darf man sich nicht abschrecken lassen", sagt Ehry. Er blieb hartnäckig und durfte schließlich zumindest in die MBA-Kurse reinschnuppern, die nicht ausgebucht waren.

Weniger büffeln als in Deutschland

Ähnliches erlebte Christoph Moog an der Pekinger "International University of Business and Economics (UIBE)". Mit seinen strohblonden Haaren und hellblauen Augen ist der 22-jährige BWL-Student ein beliebtes Fotomotiv vieler Chinesen. Moogs Heimat-Hochschule, die Uni Gießen, hat eigentlich einen klaren Vertrag mit der UIBE: Die deutschen Studenten dürfen an allen Kursen teilnehmen, heißt es darin. Doch dem Gießener Studenten wurden nur fünf Kurse im Undergraduate-Programm angeboten. "Die waren so schlecht, da geh' ich kaum noch hin", sagt Moog.

Deshalb versuchte er mit seinen deutschen Mitstreitern Plätze in den MBA-Kursen zu ergattern. Nach vier Wochen und endlosen Gesprächen mit der Uni-Verwaltung klappte es tatsächlich. Doch auch von den MBA-Kursen war Moog wenig begeistert: "In Marketing etwa erklärte uns der Dozent was ein Markt ist", sagt Moog kopfschüttelnd. "Das hatten wir in Gießen alles schon in den ersten zwei Semestern."

Das im Vergleich zu Deutschland niedrige Lehrniveau in den internationalen MBA-Programmen beklagen viele Wirtschaftsstudenten. Wer erwartet, nach China zu kommen und nur büffeln zu müssen, der irrt sich. Der Stoff gleicht eher dem des deutschen Vordiploms, der Stundenplan hat viele weiße Flecken. "Effektiv bin ich nur einen Tag an der Uni", sagt Benjamin Jöckel, der an der Fudan-University in Shanghai im MBA-Programm studiert. Deshalb hat der BWL-Student der Uni Köln noch Zeit, zwei Tage die Woche für eine chinesische Fondsgesellschaft zu arbeiten.

Kleine Klassen, viel Praxis

Dafür habe seine Uni andere Vorteile, sagt der 27-Jährige. Statt wie in Köln 500 sitzen an der Fudan nur 50 Studenten in den Vorlesungen. Der Stoff ist praxisnah: Zusammen mit seinen Kommilitonen muss der 27-Jährige Fallbeispiele vorbereiten und beim Professor abgeben. Für deutsche Wirtschaftsstudenten, die meist nur theorielastiges Pauken gewohnt sind, eine völlig neue Art des Lernens. Jöckel findet das gut. "Die Fallbeispiele wären der Uni Köln zu trivial", meint er. "Doch sie komplettieren mein theoretisches Wissen." Zudem lerne er so in kleinen Teams zu arbeiten.

Aber nicht jeder kommt mit diesem verschultem System klar. "Ich will selber entscheiden, wann und wie ich lerne", sagt Ehry, "das liegt mir persönlich besser." Deshalb tauschte er MBA-Programm gegen Sprachschule ein und lernt nun chinesisch. Doch auch wenn er sein Studium nun nicht wie geplant voranbringen kann, bereut er nicht, nach China gekommen zu sein. "Das Chaos an der Uni hat mich selbstständiger gemacht", sagt Ehry. Schon jetzt glaubt er, viel an Geduld, Verhandlungsgeschick, Ausdauer und Durchsetzungsfähigkeit gelernt zu haben. Sein Fazit: "Ein Auslandssemester hier ist chaotisch, aber sehr empfehlenswert."

Denn auch das Alltagsleben fordert die Studenten: "Wo ist eine Reinigung, wo find' ich ein Restaurant mit einer englischen Speisekarte, wie mache ich dem Taxifahrer klar, wo ich hin will – selbst Kleinigkeiten zu organisieren hält einen ordentlich auf Trab", sagt Jöckel. Wer in China studieren möchte, sollte seiner Meinung nach einen einfachen Rat befolgen: "Vorher keine großen Gedanken machen, denn es kommt sowieso alles anders."

Neben all diesen Erfahrungen hat ein Auslandssemester in China noch einen weiteren großen Vorteil: bessere Jobchancen. Tobias Wagner war vor zwei Jahren an der UIBE, sein Aufenthalt hat sich schon jetzt für ihn ausgezahlt. "In meinen Bewerbungsgesprächen für Praktika war China stets ein Pluspunkt", sagt der BWL-Student. Denn auch wenn die Zahl der ausländischen Studenten zunimmt – in China zu studieren gilt noch immer als ausgefallen.

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