Wlada in Russland "Junge Frau, darf ich an Ihnen saugen?"

Sie hat alles versucht, sich deutsch zu fühlen und alles Russische hinter sich zu lassen. Doch jetzt erkundet die 24-jährige Wlada Kolosowa das Land, in dem sie aufwuchs - den Warnungen ihres Vater zum Trotz. Erste Lektionen in St. Petersburg: Drängele dich vor und brülle, so laut du kannst!

Wlada Kolosowa

Die Augen des Bärtigen scannen mich von Kopf bis Fuß. Ich glaube, er überlegt, in welcher Sprache er mich ansprechen soll. Ich habe einen riesigen Rucksack auf den Schultern: Das würde keine Russin tun. Dazu trage ich bei neun Grad ein kurzes Kleid: Das würde keine Ausländerin machen. Ballerinas an den Füßen: Ausländerin. Blaue Kulleraugen: Russin. Keine Wimperntusche: Ausländerin. Dunkelblonder Pferdeschwanz: Russin. Vermutlich entscheidet die vierstöckige Buttercrémetorte in meiner Hand - hier ein übliches Gastgeschenk, aber nichts für ausländische Mägen. Der Autofahrer sagt auf Russisch: "Junge Frau, darf ich an Ihnen saugen?"

Ich bin so baff, dass ich vergesse, Angst zu bekommen. Und wenn ich darüber nachdenke, ist seine Frage durchaus berechtigt: Ich rieche wie eine Bar und aus meinem Rucksack tropft Hochprozentiges. Die Whiskeyflasche und das deutsche Bier - ebenfalls Gastgeschenke - überlebten den Transport von "Rossiya Airlines" nicht.

Bekleidet mit meiner einzigen trockenen Klamotte, friere ich am leeren Taxistand am Murmansker Flughafen. Es ist 3 Uhr morgens, aber taghell: Die Sonne geht hier von Mitte Mai bis Mitte Juli nicht unter. Murmansk ist die größte arktische Stadt und einer der nördlichsten Siedlungen Russlands. Es ist die zweite Station meiner Reise.

"War nur ein Spaß. Bin ja am Steuer." Der Bärtige hat viele Lachfältchen um die Augen und ein Buch des Philosophen Slavoj Žižek auf dem Beifahrersitz. Ich nenne die Adresse, schmeiße den Whiskey-marinierten Rucksack auf die Rückbank, wickele mich in die Decke aus seinem Kofferraum und fange an, meine Geschichte zu erzählen.

Misstraue Fremden! Lächle nicht! Erzähle nicht die Wahrheit über die Reise!

Damit breche ich alle Regeln gleichzeitig, die mein russischer Vater noch vor wenigen Stunden diktierte: Fremden misstrauen. Nicht Lächeln. Auf keinen Fall die Wahrheit über meine Reise erzählen. Die Menschen hier würden das nicht verstehen.

Vermutlich hat mein Vater Recht: Ich habe das Gefühl, dass ich die einzige Russin bin, die Russland bereisen möchte. Muttersprachige Reiseliteratur ist dürftig, selbst die heimischen Foren empfehlen den Lonely Planet.

Wenn ich meinen deutschen Freunden erzähle, dass ich durch mein Heimatland backpacken will, klopfen sie mir anerkennend auf die Schultern. Die meisten Russen klopfen sich an den Schädel, als Zeichen dafür, wie hohl meine Birne ist. Mein Vater klopfte sich zuerst an seinen Kopf und dann an meinen. Dann fragte er, ob er mich davon abbringen kann, wenn er mir eine Reise durch Laos und Kambodscha bezahlt.

Russland ist nur fernes Ausland, dessen Sprache ich zufällig spreche

Konnte er nicht. Nach dem Studium wollte ich endlich das Land kennenlernen, in dem ich geboren worden war und die Hälfte meines Lebens verbracht hatte. Russland stellt zwar meinen Pass aus, ist für mich aber fernes Ausland, dessen Sprache ich zufällig spreche.

Meine Mutter und ich wohnen seit zwölf Jahren in Deutschland. In Russland kenne ich nur vier Städte: Nikel und Schtschokino, in denen ich als Kind wohnte, Sotschi, wo wir immer Ferien machten, und St. Petersburg - wo ich geboren wurde und wo mein Vater und meine Oma leben. Dort besuche ich sie einmal im Jahr für ein, zwei Wochen.

Diesmal ist St. Petersburg aber nur meine Startstation. Mein Vater hat mich vom Flughafen geholt und mich drei Tage später wieder dort abgeladen, vollgepackt mit Überlebensratschlägen und Omas Sirniki - eine Art Quarkkeulchen.

"Mit dem Rucksack durch Russland!", stöhnte mein Vater zum Abschied. "Pah! Du schaffst es nicht einmal zu deiner zweiten Station! Du kannst dich nicht vordrängeln! Du kannst nicht brüllen! Du kannst nicht schmieren!", schrie er.

Mit Lautstärke kommt man nicht weiter - hieß es im Konfliktmanagmentkurs

Seine Sorgen sind ein bisschen berechtigt: Ich habe den Flieger nach Murmansk verpasst. Weil ich mich nicht anstellen könne, sagt mein Vater. Die Frau am Schalter fand mich nicht und schickte uns zur Kasse, die uns zur Information schickte, die uns zurück zum Check-in-Schalter schickte, der uns wieder zur Kasse schickte.

Jedes Mal stellte ich mich hinten an. Mein Vater packte mich und schob mich direkt zum Anfang der Schlange. Er installierte seine 100 kg Körpermasse zwischen mir und dem passwedelnden Mob und hielt mit ausgestreckten Armen die Position. Ich zeichnete währenddessen meine Bestätigungsnummer mit dem Zeigefinger in der Luft - denn vor Aufregung und Scham brachte ich russische, deutsche und englische Buchstabennamen durcheinander.

Die Dame an der Kasse blieb unbeeindruckt: "Der Flug ist in drei Minuten weg. Schaffen sie eh nicht mehr", sagte sie teilnahmslos. "Beschwerden an die Zentrale." Erst als mein Vater sie anschrie, reservierte sie mir den morgigen Flug. Mein Vater brüllte noch ein bisschen mehr, damit sie mich auf den letzten heutigen Flug buchte, dessen Check-in seit zehn Minuten vorbei war. Es klappte. Zu meiner größten Verwunderung.

Danach bot mein Vater mir noch einmal die Asienreise an. Ich lehnte erneut ab. Diesmal aber nicht ganz so überzeugt. Dass man mit Lautstärke nicht weiterkommt, habe ich seit dem Konfliktmanagementkurs in der siebten Klasse verinnerlicht.

Mit zwölf Jahren macht es keinen Spaß, anders zu sein

Ich glaube an Schlangestehen und elektronische Tickets. Ich trinke Wasser aus der Leitung, was kein Russe tun würde. Ich lerne gern Menschen auf der Straße kennen. Bisher hat die Welt ganz gut nach diesen Spielregeln funktioniert. Kriege ich es hin, neue zu lernen?

Ich fühle mich so deutsch, dass ich manchmal meinen russischen Pass vergesse. Nur wenn ich mich vorstelle, werde ich an meine Herkunft erinnert - weil ich jedes Mal erklären muss, woher mein Name stammt und wie man ihn schreibt.

Als ich nach Deutschland kam, tat ich alles, um zu vergessen, wo ich herkomme. Mit zwölf macht es keinen Spaß, anders zu sein. Ich hätte die rechte Hand für einen Nachnamen gegeben, den ich nicht bei jeder Gelegenheit fünfmal buchstabieren muss, und die linke für irgendeine deutsche Stadt als Geburtsort, egal welche, von mir aus auch Bottrop.

Auch später versuchte ich zu vertuschen, dass ich meine ersten Jahre in einem anderen Land verbracht habe. Ich las dreimal "Generation Golf", weil ich glaubte, dass ich so etwas über die deutsche Kindheit lernen könnte. Ich schrieb Karteikarten, damit ich mitreden kann. "Capri-Sonne", stand drauf, "Mini-Playback-Show", "Wicki und die starken Männer". Ich habe sogar einmal in meinem Leben "Wetten, dass…?" angeschaut und mir Stichpunkte gemacht.

Mein Wortschatz wurde nicht erwachsen

Erst heute ist das Anderssein zu einem Wert geworden. Was früher Stigma war, ist heute Alleinstellungsmerkmal.

Die Jahre der Verleugnung gingen trotzdem nicht spurlos vorbei. Meine russische Entwicklung ist mit zwölf stehengeblieben. Ich kann nicht knurren, wie mein russischer Vater. Ich wurde erwachsen, mein Wortschatz nicht. Wenn ich mit meiner Mama auf Russisch rede, bleibt Lohnsteuererklärung Lohnsteuererklärung, Versicherung Versicherung, Pille Pille. Ich liebe russische klassische Literatur, kann aber noch nicht einmal eine E-Mail mit russischen Buchstaben schreiben - auf der kyrillischen Tastatur verirren sich meine Finger.

Zumindest meine Menschenkenntnis funktioniert noch. Der bärtige Sascha raubt mich nicht aus, sondern schleppt sogar meinen Rucksack zur Wohnungstür von meiner Murmansker Gastgeberin Nastja. Wir kennen einander nicht, meine einzige russische Freundin Anja hat mich an sie vermittelt. Nastja hat schon den Tee aufgesetzt und die Blini - russische Pfannkuchen - warm gemacht. Obwohl es mitten in der Nacht ist, blieb sie auf, um mich zu empfangen.

Sie umarmt mich, ich bringe den üblichen Vorstellungsspruch: "Hi. Ich bin Wlada. Wie das russische Auto Lada, bloß mit W vorne dran." Dann fällt mir ein: Hier muss ich das niemandem erklären.

insgesamt 135 Beiträge
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lupo2357 25.07.2011
1. Drängele dich vor...
---Zitat--- Drängele dich vor und brülle, so laut du kannst ---Zitatende--- In anderen Gegenden läuft das Leben eben anders. Auch wenn das manchmal für heim gebliebene nicht nach zu vollziehen ist. Deutschland ist nun mal nicht die Welt. In jedem Fall bestimmt eine lohnende Erfahrung.
wolltsnursagen 25.07.2011
2. lustig
als ich die überschrift und das foto gelesen habe dachte ich dass vermutlich versucht wird den artikel mit berichten über plumple anmachen etc aufzupeppen. als ich dann den konsens des "an ihr saugen" gelesen habe musste ich herzlich lachen. sehr sehr lustig.
watermark71 25.07.2011
3. Besuch beim ehemaligen Feind....
Sehr schön geschrieben! Freue mich auf mehr! Und passt in die Zeit. Denn es wird Zeit anzuerkennen, dass Deutsche und Russen mehr gemeinsam haben als sie glauben. Leider, leider trennt die kyrillische Sprachbarriere Russland noch sehr vom restlichen Europa. Aber auch das wird sich eines Tages einmal ändern...
divStar 25.07.2011
4. Sehr interessant geschrieben
Hallo :), ich hatte am Anfang gedacht, dass ich jetzt mal wieder lesen darf wie toll doch Russland ist blablablaaa. Am Ende jedoch stellte ich fest, dass alles recht sachlich und dennoch interessant und persönlich blieb. Ich selbst komme aus der Ukraine und habe dies nie vor irgendwem verstecken müssen. Ich glaube, dass andere (vor allem als Kind oder Jugendlicher) oftmals auch deswegen Interesse am Kontakt mit jemand anderem haben, weil dieser anders ist als man selbst und man dadurch eventuell eine spannende Geschichte reicher ist. Allerdings ist es bei mir ein wenig anders: ich wäre am liebsten Deutscher und hätte niemals etwas mit dem ehemaligen Ostblock zu tun gehabt... aber scheinbar kann man es sich ja nicht aussuchen. Vielleicht ist dies auch der Grund warum ich Leute nicht verstehe, die positiv über Russland oder auch die Ukraine sprechen - bis auf die netten Menschen und die Gastfreundlichkeit habe ich dort niemals etwas gesehen, was mir positiv in Erinnerung geblieben wäre. Übrigens: mein Vater hat mir mal ähnliche Ratschläge gegeben. Allerdings hatte er noch hinzugefügt, dass die Uhr in der Ukraine bzw. damals noch der UdSSR anders tickt und man deswegen anders vorgehen muss, wenn man "Erfolg" in eigener Sache haben will.
eigen 25.07.2011
5. ...
Erfrischend mal etwas Heiteres hier zu lesen. Musste herzlich lachen.
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