Studenten gegen die Fanzone in Moskau "Unsere Bedürfnisse zählen nichts"

Jekaterina schaut gern Fußball. Aber sie ist dagegen, dass Tausende Fußballfans ausgerechnet vor ihrer Universität in Moskau feiern. Die Studentin und ihre Mitstreiter fühlen sich betrogen.

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Von , Moskau


Was musste sie sich alles anhören: Denk an das Prestige der Universität. Denk an die Bilder, die weltweit von unserem Gebäude ausgestrahlt werden. Denk daran, was du dem Land geben kannst.

Professoren in Sprechstunden redeten auf sie ein, Mitarbeiter und Mitstudenten. Jekaterina, 19 Jahre, engagiert sich dennoch weiter gegen die Fanmeile direkt vor dem Hauptgebäude der Moskauer Lomonossow-Universität, kurz MGU.

Bis zu 25.000 Fußballfans feiern dort während der Fußball-Weltmeisterschaft, die ersten kommen an den Spieltagen ab elf Uhr morgens. Wenn Russland aufläuft, ist es besonders laut: Dann ist die Fanzone meistens so voll, dass sie geschlossen werden muss.

Jekaterina, Studentin für russische Sprache und Literatur an der bekannten MGU-Universität, wirkt auf den ersten Blick nicht wie eine der jungen Frauen, die sonst in der russischen Hauptstadt protestieren. Sie trägt schwarzen Rock, eine Bluse mit weißem Rüschenkragen. Sie sieht eher aus wie eine Einserstudentin, die macht, was man ihr sagt, als eine, die sich auflehnt. "Es ist das erste Mal, dass ich protestiere. Bisher war ich unpolitisch", sagt Jekaterina.

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Studenten und die Fanzone in Moskau: "Wir wurden belogen"

Sie hat nichts gegen die WM, den Fußball und feiernde Fans, auch sie gucke sich Spiele an. Sie hat etwas dagegen, wie die Fanzone den Studenten vor die Nase gesetzt wurde, die nun irgendwie mit der Dauerparty vor ihrer Tür zurechtkommen müssen.

Vor allem für die 6000 Studenten und Mitarbeiter, die im Hauptgebäude der Universität wohnen, bedeutet der WM-Monat eine Dauerbeschallung.

WM-Jubel dringt bis in die Prüfungsräume

Wie die Behörden die Fanzone eingerichtet haben, erzählt einiges über die Art, mit der in Russland durchregiert wird. Was umso mehr für Renommee-Projekte wie die WM gilt, deren Verlauf Präsident Wladimir Putin persönlich überwacht.

"Es gab keinen Dialog, wir wurden vor vollendete Tatsachen gesetzt", sagt Jekaterina. Offiziell wurden die Studenten nie informiert, sie erfuhren von der Fanzone durch Medienberichte. Lange versuchte die sogenannte Initiativgruppe, einige Dutzend Studenten, die gegen die Fanmeile protestieren, genauere Informationen zu bekommen. Sie versuchten mit Aktionen und Briefen an den Präsidenten, die Fifa und die Stadt auf ihre Bedenken aufmerksam zu machen. Sie forderten die Fanmeile in einen der großen Parks zu verlegen, wo niemand beim Lernen gestört und so nah dran wohnt.

Ohne Erfolg. Keiner antwortete all die Monate. Der Rektor der MGU nahm nicht einmal persönlich die Tausenden Protestunterschriften der Studenten entgegen. Irgendwann gab es dann ein Treffen mit einem der Vertreter des Organisationskomitees. Genützt hat das alles kaum etwas.

Die Fanzone wurde einige Hundert Meter weg verlegt und verkleinert: Ursprünglich war sie für 40.000 Besucher geplant gewesen. Der Geräuschpegel ist dennoch da.

Fanzone vor der Uni
ABEDIN TAHERKENAREH/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Fanzone vor der Uni

"Der Lärm stört sehr", sagt Jekaterina. Im Juni ist Prüfungszeit. Man höre die Musik und das Jubeln noch bis weit auf den Campus. Vor wenigen Tagen legte sie eine Prüfung einige Gebäude weiter weg ab, der Lärm sei auch da noch zu hören gewesen.

Die MGU gilt als eine der schönsten Universitäten Russlands. Sie liegt auf den Sperlingsbergen im Südwesten von Moskau, umgeben von Parks. Von dort oben hat man einen grandiosen Blick auf die Stadt und auf das Luschniki-Stadion. Diese Bilder zeigen die russischen und internationalen TV-Kanäle nun zusammen mit denen der feiernden Fans.

"Vor allem während der Spiele ist es so laut, dass die Fenster der Vorderfront vibrieren", sagt Jekaterina, deren Bekannte in dem Gebäudeteil wohnen. Sie klemmen nun Kissen zur Dämmung in die Fenster.

Eigentlich hatte die Stadt Moskau versprochen, eine Schallwand zu bauen. Noch zwei Tage vor der WM hatte die Verwaltung der Hauptstadt dies der Initiativgruppe per Brief zugesichert. Gebaut wurde nichts. "Wir wurden belogen. Ich bin sehr enttäuscht, unsere Bedürfnisse zählen nichts."

"Ich habe keine andere Wahl, ich muss bleiben"

Maria Schekotschichina, 26 Jahre, hat nie daran geglaubt, dass ein Schallschutz kommt, das war doch "Schwachsinn". Sie wohnt im Haupthaus und versucht ihre Doktorarbeit der Philologie weiterzuschreiben. "Es ist sehr laut, auch bei uns im hinteren Teil." Woanders hin könne sie nicht, da sie nicht aus Moskau komme: "Ich habe keine andere Wahl, ich muss bleiben."

Wohl fühle sie sich nicht angesichts der Fans, die auf Laternenmasten und Zäune klettern. Jekaterina erzählt, dass die Fußballbegeisterten über die hohen Zäune der Universität steigen, wenn die Fanzone überfüllt ist, um dann von dort einen Blick auf den großen Bildschirm zu erhaschen.

Bisher greifen die Sicherheitskräfte nicht ein, wie Videos zeigen. Dabei gleicht der Campus sonst einer Festung. Überall sind Absperrungen, stehen Polizisten und Mitglieder der Nationalgarde, jeder muss sich ausweisen. Für die Studenten, die sonst auf einem offenen Campus leben, bedeutet das viel Wartezeit. Auch fährt die Metro an der Station Universität öfters mal durch, wenn an der Fanzone zu viele Menschen sind, das bedeutet für die Bewohner des Campus einen kilometerweiten Umweg.

Im Video: Sicherheitsbehörden setzen protestierende Studenten unter Druck

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Protestversammlungen wird es dennoch in der WM-Zeit nicht geben. Viele haben Angst, sagt Jekaterina. Es herrscht Versammlungsverbot in der Zeit des Fußballturniers. Zudem setzen die Sicherheitsbehörden Studenten, die laut protestieren, unter Druck. Über die Professoren, die Probleme im Studium androhten, aber auch direkt: in Gesprächen, mit Anrufen, einige Studenten wurden beim Verteilen von Flugblättern festgehalten.

Zuletzt wurde ein Student aus Jekaterinas Fakultät aus einer Prüfung geholt und mitgenommen. Später wurde er freigelassen. Nachdem der Rektor sich dann doch zu Wort meldete, wurde das Verfahren gegen den jungen Mann nach Zahlung einer Geldstrafe eingestellt.

Jekaterinas Eltern finden nicht gut, was ihre Tochter macht. "Sie haben mit mir geschimpft, gesagt, dass man nicht gegen Gesetze verstoßen muss in Russland, um im Gefängnis zu sitzen." Ihren Nachnamen will sie deshalb lieber nicht nennen.

Zuletzt wurde sie zu ihrer Dekanin zitiert. Die war dann aber nicht da. "Sie wird mich wieder zu sich bestellen, da bin ich mir sicher", sagt Jekaterina. Sie habe Angst, dass nach der WM der Druck steigen werde. Dann, wenn die schönen Bilder der feiernden Fans auf der Fanzone nicht mehr um die Welt gehen.

Mitarbeit: Katharina Lindt



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uffta 27.06.2018
1. Was die noch alles von uns lernen müssen
"Wie die Behörden die Fanzone eingerichtet haben, erzählt einiges über die Art, mit der in Russland durchregiert wird." Richtig, wäre bei uns unvorstellbar, dass ohne Mitspracherecht der Bürger gehandelt wird.
steingärtner 27.06.2018
2. Lächerlich
Es gibt Lärm bei einer Fußball-WM. In Russland ! Wer hätte das gedacht.
Europa! 27.06.2018
3. Sehr verständlich
Man kann wirklich froh sein, dass in Berlin schon zu Kaiserzeiten der Tiergarten geschaffen wurde, wo sich die Feierwütigen austoben können. Vor der Humboldt-Uni möchte man auch keine Fußballfans haben.
karlnobi 27.06.2018
4. Wenn das alles ist, was Sie gefunden haben....
... ist ja wohl in Russland in Ordnung. Auf Zäunen sitzende Fans, "Lärm", der noch zu hören ist und eine öffentliche Verwaltung ohne Dialog mit den Anwohnern. Das könnte so auch irgendwo in Deutschland sein.
vish 27.06.2018
5. Unseren täglichen Russland-Bash...
... gib uns heute. Gibt es auch Zahlen, wie viele der Studenten es total klasse finden, vor der Tür eine Fanmeile zu haben oder war das angesichts der Intention des Artikels nicht relevant?
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