Studenten in Wohnungsnot Hilfe, wir sind zimmerfrei

Tausende Studenten haben noch kein Dach über dem Kopf. Die Wohnungsnot lässt sie zu außergewöhnlichen Mitteln greifen: Sie veröffentlichen Protestlieder auf YouTube, schlafen im Uni-Hauptgebäude und organisieren provisorische Schlafplatzbörsen.

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Sie freuen sich aufs Studium, viele auf die erste eigene Wohnung. Doch vier Wochen nach Semesterstart haben viele Studenten immer noch kein Zimmer gefunden. In den beliebten Uni-Städten gibt es kaum noch bezahlbare Zimmer, die Nachfrage von Studenten steigt von Jahr zu Jahr - und laut einer Studie des Studentenwerks Deutschland hatte ein Viertel der Studenten, die mindestens 100 Kilometer entfernt von ihrer Uni wohnten, auch nach über einem Monat noch keine Unterkunft gefunden.

Nun nimmt der Protest zu. An der LMU München schlugen 20 Aktivisten vom Bündnis "Studis gegen Wohnungsnot" in der Uni ein Lager auf. Mit Matratzen, Isomatten und teils im Schlafanzug lagen sie am Nachmittag im Lichthof, um auf die schlimme Lage hinzuweisen.

In Berlin zogen Studenten mit Schlafsäcken und Decken vor das Rote Rathaus. In der Hauptstadt stehen 1500 Studenten auf den Wartelisten der Wohnheime, in begehrten Lagen kann das zwei Jahre Wartezeit bedeuten. "Berlin soll Wissenschaftsstandort bleiben? Dann muss in studentischen Wohnraum investiert werden", fordert Petra Mai-Hartung, Geschäftsführerin des Studentenwerks.

Ein YouTube-Song zur Wohnungsnot

Student Philip Röder, 25, wohnt in München bei seinen Eltern im Keller. Ihn hat der Frust über die erfolglose Wohnungssuche kreativ gemacht. "Eines Tages bemerkte ich wieder einmal, dass ein WG-Zimmer, für das ich mich vorgestellt hatte, erneut annonciert wurde. Ich hatte keine Absage bekommen. Dabei hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl gehabt."

Aus der Enttäuschung entstand sein Protestsong "Wohnen trotz München". Röder schrieb noch am gleichen Tag den Text und eine Begleitung für sechs Instrumente. Das kann er, weil er sich neben dem Studium der Kommunikationswissenschaft und 400-Euro-Job in einer PR-Agentur mit Musikproduktion etwas hinzuverdient.

"Am nächsten Tag habe ich den Song aufgenommen und mit einem Freund das Video produziert. Um 4 Uhr nachts war der Song fertig." Röder singt darin über den "Tango auf dem Wohnungsmarkt in Deutschlands teuerster Großstadt", über die Münchener Schickeria und ihre Partys, die scheinbar Schuld hat an der Misere. "Ich will doch nur 'ne WG - Spiel, Spaß und Spannung und ein Dach über dem Kopf", trällert er den Refrain.

Eine Woche später hat Röder zwar immer noch keine Wohnung. Doch er erhielt einige Wohnungsangebote, die nicht ausgeschrieben waren, und bekam jede Menge Zuspruch. "Wir Studenten haben keine Lobby. Es ist wichtig, dass unsere Stimme gehört wird, auf welchem Weg auch immer", findet Röder. Ein Freund von ihm habe täglich neue Fotokollagen seines Gesichts verbreitet, nach hundert Tagen fand er ein Zimmer.

Notunterkünfte mit Hostel-Atmosphäre

Eine halbe Million Erstsemester traten zum Winter ihr Studium an, nun drängeln sich 2,5 Millionen Studenten durch deutsche Hochschulen. Doch nur etwa 230.000 Wohnheimplätze stehen ihnen zur Verfügung - aber natürlich wollen auch bei weitem nicht alle ins Wohnheim. Neun von zehn Studenten finden im ersten Semester eine Bleibe, berichtet jetzt das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Allerdings suchen 34 Prozent der befragten Studenten bei Semesterstart länger als vier Wochen, fast drei Viertel bewerten die Wohnungssuche als schwierig bis sehr schwierig.

Auch in kleineren Uni-Städten wie Göttingen ist die Wohnungsnot groß. Jugendherbergen und Hotels der Stadt sind seit Wochen ausgebucht. Aktivisten besetzten aus Protest für eine Nacht ein leer stehendes Gebäude der Universität in der Innenstadt. Das ehemalige Wohnheim mit 65 Plätzen wird seit drei Jahren nicht genutzt. "Jedes Haus, das leer steht, ist ein indirekter Angriff auf alle prekär Wohnenden", zitierte die "tageszeitung" die Besetzer aus einer anschließenden Erklärung.

An der Universität Hannover organisierte der Asta eine Schlafplatzbörse, auf der Helfer einen kostenlosen Platz auf ihrem Sofa anbieten können. Einige Städte richteten provisorische Massenlager für Studenten ein. In Köln wurde ein kirchliches Gemeindezentrum als Notunterkunft umfunktioniert. 74 Not-Schlafplätze hält das Marburger Studentenwerk bereit, auch in Freiburg, Heidelberg, Münster und Tübingen gibt es Matratzenlager. Dort teilen sich vier bis fünf Studenten ein Zimmer, dafür zahlen sie ein paar Euro pro Nacht.

"Klar ist das kein Luxus, wir müssen zum Duschen in eine anderes Gebäude", sagt Niclas Zumholte, Student in Heidelberg und Bewohner einer Notunterkunft. "Doch mehr erwarte ich auch nicht. Ich habe Mitte September mit der Suche nach einem Zimmer begonnen, das war wohl zu spät."

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
Dromedar 13.11.2013
1. Ernsthaft
In München hat man es schwer eine Wohnung zu bekommen? Gerade als Kaum-Verdiener mit unterstellten lauten Parties? Und darauf kommt man erst lange nach der Einschreibung? Man kann sich oft nicht seinen späteren Arbeitgeber aussuchen, den Studienort schon. Wer da München nimmt ohne eine Wohnung schon zu haben oder richtig viel Geld hat, ist selber schuld (selbst Leute mit qualifizierten Arbeitsplätzen sollen da massive Probleme haben). In Ilmenau oder Greifswald (nur als Gegen-Beispiel) muß keiner herumzelten. Und was, in Berlin kann man nicht ohne weiteres im Szene-Bezirk wohnen? Reicht zum studieren Marzahn nicht aus, oder wenn man nicht in der Platte/60er-Zweckbau wohnen will, dann nicht ein Randbezirk? Ich musste zwecks Arbeit jetzt nach Berlin ziehen und habe innerhalb einer Woche eine Wohnung gefunden und zwar ziemlich mittig in Moabit. Also so schwer ist das dann wohl doch nicht. O.K. kostet auch mehr als €250, habe aber auch genug WG-geeignete Buden gesehen. Ernsthaft, das Studium ist gerade im Bachelor >=deutschlandweit ziemlich standardisiert, da würde ich mir heutzutage den Studienplatz nach Wohnungsverfügbarkeit aussuchen.
alexkie 13.11.2013
2. Weniger begehrte Lagen
"In der Hauptstadt stehen 1500 Studenten auf den Wartelisten der Wohnheime, in begehrten Lagen kann das zwei Jahre Wartezeit bedeuten. " Das Stichwort sind die "begehrten Lagen". Ich hatte meinen Wohnplatz in 4 Wochen nach Bewerbung. 175 Euro warm, 15 Minuten bis zum Alex.
altesmädchen 13.11.2013
3. Studium über Computer
Jeder von den jungen Leuten beherrscht heute die Medien. Wenn der Platz an den Studienorten zu eng wird, sollte man deutschlandweit ein Telestudium einführen. Dann kann man sich die Lektionen am Bildschirm ansehen und per Interaktion lernen. Das ist manchmal besser als in einem überfüllten Hörsaal zu sitzen. Die Professoren nehmen ihre Vorlesungen per Video auf und stellen sie ins Netz. Eine Teleuniversität gab es auch bei meiner Firma, da konnte man sich zur Weiterbildung etliche Videos ansehen und das dann, wenn es einem zeitlich am besten paßte ohne genaue Terminvorgaben, zu denen man persönlich erscheinen mußte. Dieses Studiensystem an den Universitäten ist einfach überholt.
melchigabor 13.11.2013
4.
Auch mein Mitleid hält sich eher in Grenzen. Es spricht doch schon für sich, dass alle im Artikel aufgezählten Städte in den alten Bundesländern liegen. Gleichzeitig spüre ich (natürlich subjektiv) immer noch Ressentiments gegen ein Studium im Osten des Landes. Das heißt: Warum nicht den Schritt wagen, und sich in Dresden (Elite-UNI), Leipzig, Erfurt oder Magdeburg einschreiben? Fließendes Wasser ist vorhanden, in Höhlen leben wir nicht mehr und Taschentücher wegen Heimweh gibts auch bei uns.
memorix 13.11.2013
5. Eine schöne Idee...
... sich den studienort nach Verfügbarkeit des Wohnraums auszusuchen. Klar, was tut denn auch die Uni zur Sache. Und was anderes als Bachelorstudiengänge gibts eh schon längst nicht mehr, da ist's ja eh egal wo man studiert. Selber schuld übrigens, wenn du keine Kohle hast und als Student benachteiligt wirst vor Berufstätigen mit sicheren Einkommen. Musst ja nicht studieren.. Mal ehrlich, so ein Kommentar ist doch überflüssig. In fast jeder kleineren oder größeren Stadt hat sich mittlerweile die wohnsituation unter studierenden zugespitzt, auch unter den etwas besser situierten Studierenden. Es ist einfach nur traurig zu lesen, was Sie darüber denken.
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