Wut über Guttenberg-Ausreden Professoren gegen Plagiatsverharmlosung

Sind Plagiate so harmlos wie Falschparken? Nein, sagen über 70 Wissenschaftler der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. In einem offenen Brief an den bayerischen Wissenschaftsminister verlangten sie ein klares Bekenntnis zu strengen Standards - und der Minister antwortete.

LMU München: Professoren klagten an - und der Minister nahm umgehend Stellung
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LMU München: Professoren klagten an - und der Minister nahm umgehend Stellung


In die politische Debatte um Guttenbergs Zukunft, sagt Robert Stockhammer, habe er sich gar nicht einmischen wollen. Aber irgendwann war dem Literaturwissenschaftler und Professor der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität dann doch der Kragen geplatzt: "Die Bagatellisierung des Abschreibens, die in den letzten Tagen betrieben wurde, hat mich unheimlich geärgert." Stockhammer setzte deshalb einen offenen Brief an den bayerischen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch auf - und sammelte innerhalb kürzester Zeit mehr als 70 Unterschriften anderer Wissenschaftler.

"Wir achten bei unseren Studierenden sorgfältig darauf, dass sie vom ersten Semester ihres Studiums an die allgemein akzeptierten, (...) klar definierten Standards wissenschaftlichen Arbeitens einhalten, darunter vor allem die Pflicht zum Nachweis von Zitaten", heißt es in dem Schreiben, "selbst vermeintlich geringfügige Verstöße gegen diese Regeln führen mindestens dazu, dass kein Schein für die Veranstaltung ausgestellt wird". (Lesen Sie den ganzen Brief hier auf SPIEGEL ONLINE)

Eigentlich sei das in seinem Fach, der Literaturwissenschaft, auch selbstverständlich, erklärte Stockhammer gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er habe allerdings den Eindruck gehabt, dass insbesondere in der politischen Debatte die akademischen Standards als vermeintliche Kampagne politischer Gegner diffamiert worden seien.

Heubisch: "Plagiate sind keine Bagatellen"

Im offenen Brief heißt es dazu: "Leider vertreten manche Politiker dabei die Position, es habe sich bei dem Verhalten des Promovenden um ein Kavaliersdelikt wie Falschparken gehandelt, das im Wissenschaftsbetrieb allerorten üblich sei, so dass dieser spezielle Fall überhaupt nur aufgedeckt worden sei, um eine 'Schmutzkampagne' oder gar einen 'politisch motivierten Angriff von ganz Linksaußen' gegen einen Regierungspolitiker zu führen."

Ein fataler Eindruck, finden die Unterzeichner des Briefs. Sie möchten, schreiben sie, "weiterhin in der Lage sein, mit großer Strenge die Standards wissenschaftlichen Arbeitens" den Studenten zu vermitteln. Das gehe aber nicht, "wenn der Eindruck verbreitet wird, Plagiate im Wissenschaftsbetrieb seien ganz üblich und würden nur ausnahmsweise von Linksradikalen aufgedeckt".

Wolfgang Heubisch, bayerischer FDP-Wissenschaftsminister, hat mittlerweile auf die öffentliche Aufforderung der Münchner Professoren reagiert. "Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten sind keine Bagatelle", erklärte Heubisch. Zur unverzichtbaren Basis allen wissenschaftlichen Handelns zählten strikte Ehrlichkeit im Hinblick auf die Beiträge von Partnern, Konkurrenten und Vorgängern, also auch die Pflicht zum Nachweis von Zitaten.

"Wir dürfen bei den Standards wissenschaftlichen Arbeitens unter keinen Umständen Abstriche machen", sagte Heubisch - und trifft damit beim Brief-Initiator Robert Stockhammer auf Zustimmung. "Unser Schreiben hat seinen Zweck erst einmal erfüllt", sagt der Literaturwissenschaftler, "wir sind mit der Klarstellung des Ministers sehr zufrieden."

him/ dapd



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