Zukunftsforscher Sie wissen jetzt schon, wie wir leben werden

Wie wird sich Politik verändern? Oder Musik? Welche Produkte werden Kunden in Zukunft wollen? Damit befassen sich Studenten der Zukunftsforschung. Ihr Wissen ist bei den großen Playern in der Wirtschaft begehrt.

Muriel Reichl

Von Janosch Siepen


Wie werden wir in zehn Jahren leben, oder in hundert? Die Zukunft hat die Menschen schon immer fasziniert. Mindestens so sehr, wie das Einordnen der Vergangenheit. Doch während das Zurückschauen an Hochschulen seit Jahrhunderten etabliert ist, war den Gelehrten das Vorausschauen in weiten Teilen suspekt. Aber das ändert sich - langsam.

In Deutschland etwa wird seit 2010 der Studiengang Zukunftsforschung an der FU Berlin angeboten. Allerdings ist er im deutschsprachigen Raum bislang einzigartig, selbst weltweit dürfte es laut Institutsleiter Gerhard de Haan nicht einmal zehn eigenständige Studiengänge dieser Art geben.

In Berlin sind pro Jahrgang gerade einmal knapp zwei Dutzend Studenten eingeschrieben. Einer davon ist Sascha Raddatz. Der 26-Jährige hat zuvor Geschichte und Philosophie studiert. Statt sich in einem der Fachgebiete zu vertiefen, wollte er lieber neue Methoden lernen. Es habe ihn fasziniert, "etwas zu erforschen, was es nicht gibt." Neben dem Studium arbeitet er seit 2013 in einem Abgeordnetenbüro im Bundestag. Nicht verwunderlich also, dass ihn vor allem politische Fragen interessieren. Etwa wie die Parteienlandschaft 2030 wohl aussehen wird.

Auch Mode ist ein Thema. Und Musik. Einige Studenten analysierten etwa, welche Folgen ein sich immer weiter beschleunigender Alltag für den Pop haben wird. Ein Szenario lautet: Wir werden nur noch ungeduldige, ideenlose, langweilige Musik hören, weil wir nicht die Muße finden, uns auf Neues einzulassen. Ein anderes Szenario entwarf eine Popmusik, die nur noch aus elektronischen Rhythmen besteht, damit der Hörer in seiner stark digitalisierten Arbeit und Freizeit Schritt hält. Die Musik wird von Algorithmen produziert und läuft permanent an öffentlichen Orten.

Viele mögliche 'Zukünfte' statt festgelegter Prognosen

Zukunftsforschung ist Gruppenarbeit. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaften versteht sie sich als klar interdisziplinär. So kommen die Studenten aus ganz verschiedenen Fachrichtungen und unterscheiden sich entsprechend in ihren Denkansätzen: "Die Kultur- und Geisteswissenschaftler unter uns denken viel utopischer und träumerischer über die Zukunft nach", sagt Raddatz, "die Naturwissenschaftler gehen das Ganze etwas nüchterner und handfester an."

Die Zukunftsforschung will dabei systematischer als andere Wissenschaften über Zukunft nachdenken und dann mögliche 'Zukünfte' entwerfen, anstatt sich auf Prognosen festzulegen. "Ökonomen und Demografen benutzen oft Prognosen innerhalb ihrer Disziplin. Die Zukunftsforschung dagegen will die Perspektive der Gesellschaft einbringen, breite gesellschaftliche Fragestellungen berücksichtigen", sagt der Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller.

Vorausberechnungen, Zukunftsformeln, ein "wenn-dann" - auch Reinhold Popp, österreichischer Zukunftsforscher und Dozent an der FU, kann mit alldem nicht viel anfangen: "Es ist naiv zu sagen: 'Es werden 50

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Blick nach vorn: Was kommt da auf uns zu?

Prozent der Jobs durch Automatisierung wegfallen'." Stattdessen arbeiten er und seine Kollegen mit Schlüsselfaktoren, die zu verschiedenen Szenarien führen, Expertengesprächen oder Computermodellierungen. Am Ende hat man verschiedene Modelle von dem was auf uns zu kommt.

Nachdenken über Unvorstellbares

Bei einem von Steinmüllers Projekten ging es um die Gefahren von neuen Technologien. Mögliche Szenarien lauteten unter anderem: Cyber-Insekten, die Menschen angreifen oder Terroristen, die einen Virus benutzen, um das Verhalten der Bevölkerung vor Wahlen zu beeinflussen. Steinmüller lässt sich in Kunstausstellungen oder durch Science-Fiction-Romane auf solche Ideen für seine Forschung bringen.

"Science Fiction weist auf gesellschaftliche Tendenzen hin und ist deshalb so relevant", sagt er. "Einen Armbandkommunikator hat es schon in den Comics der Dreißigerjahre gegeben." Jetzt gibt es die Apple Watch.

Er selbst ist ebenfalls Sci-Fi-Autor. Das helfe ihm, auch über sehr ungewöhnliche Dinge nachzudenken: Plattformen in der Stratosphäre, Mikroorganismen, die unseren Müll entsorgen, Kleidung, die mitwächst, Gütertransport unter der Erde, insektenartige Drohnen, Menschen, die sich bestimmte Sinne und Triebe wegoperieren lassen, Nanoroboter, die Arterienverstopfung in unseren Blutbahnen vermeiden.

Doch welche Zukunft hat der Zukunftsforscher selbst? Wie sieht es mit Jobs aus? Popp und Steinmüller sind zuversichtlich. Es gebe gute Stellen in Thinktanks oder Zukunftsabteilungen von Unternehmen, der Großteil der Absolventen fände gute Jobs. Daimler, VW, BMW, Deutsche Bank, Telekom - immer mehr DAX-Unternehmen haben Abteilungen, die sich dezidiert mit Zukunftsfragen beschäftigen. Immer wieder arbeitet die Uni mit diesen zusammen, lädt Dozenten aus der Wirtschaft ein. Steinmüller sagt: "Zukunftsforscher sind gefragt."

Zukunftsforscher seien für Arbeitgeber attraktiv, weil sie über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinausblicken. Weil sie auch über Unvorstellbares nachdenken. Doch manchmal stoßen auch Zukunftsforscher an ihre Grenzen. Eine Entwicklung hat Steinmüller vor Jahrzehnten nicht vorhergesehen: "Die friedliche Revolution in der DDR", sagt er.

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Mario V. 28.02.2017
1. Prognosen sind schwierig...
Besonders, wenn sie die Zukunft betreffen. Dieses Zitat passt hier perfekt. Lustig auch, dass der Titel "Sie wissen jetzt schon, wie wir leben werden" vom Artikel selbst komplett widerlegt wird. Da werden mögliche Szenarien entworfen, aber welche davon der tatsächlichen Zukunft am nächsten kommen, weiß nicht wirklich jemand.
mensch0817 28.02.2017
2. Ansatz unvollständig
Ich glaube zwar auch, dass entsprechende Forschung dringend notwendig ist, halte aber den gegenwärtigen Ansatz für unvollständig. Die Frage "wie wird..." oder "wie werden wir..." setzt doch immer voraus, dass ich bestimmte Mechanismen annehme, die auf diese Entwicklung wirken, beispielsweise die Wirtschaftsordnung, demokratische Prinzipien, Demografie etc. Sehr viele dieser Faktoren müssen doch aber gar nicht wirken, sie sind kein Naturgesetz, sondern sie wirken, weil wir (die Menschen) es so wollen bzw. es so belassen (obwohl wir bei einigen die negativen Auswirkungen durchaus sehen). Die alles entscheidende Frage ist doch aber, wie wir leben w o l l e n . Wenn wir das geklärt haben, können wir entscheiden, was wir tun oder unterlassen sollten, um dahin zu kommen. Und dann geht es plötzlich nicht mehr um eine sich immer schneller drehende Welt (ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand das wirklich will), dann geht es auch nicht mehr um umfassende Technisierung (Maschinen als Helfer ja, als Ersatz für z.B. menschliche Nähe nein). In diese Richtung wird m.E. noch viel zu wenig gedacht, jedenfalls ist für mich eine solche Diskussion öffentlich praktisch nicht existent - da kämen dann auch Philosophen, Pädagogen etc. ins Spiel. Ich glaube, wir sollten damit schleunigst beginnen.
hubert heiser 28.02.2017
3. Prognosen sind schwierig...
... das ist richtig. Um so wichtiger ist es, mit verschiedenen Szenarien zu arbeiten, wie es im Artikel dargestellt wird. Entwicklungen, die in mehreren Szenarien vorkommen, sind wahrscheinlicher als solche, die in nur einem Szenarien auftauchen. Entscheidungen, die in vielen Szenarien "gut" sind, sind robuster, als solche, die in nur wenigen Szenarien Sinn ergeben. Mit einer guten Methodik lässt sich also sehr wohl etwas für die Zukunft ableiten.
StefanZ.. 28.02.2017
4. Spannende Studien
Der Ansatz mit mehreren durchgespielten denkbaren Zukünften ist gut. Genauso betrieben und betreiben es auch die Spitzenkönner der Materie, genannt Propheten, zumindest die, die keine Spinner und Betrüger waren. Bei denen gibt es allerdings die Handlungsmaxime, immer die negativste von mindestens 7 durchgerechneten Varianten der Öffentlichkeit kund zu tun. Schließlich geht es ihnen darum, die Mitmenschen aufzurütteln und von Fehlentwicklungen wegzubringen. Was nur selten klappt. Darum auch die hohe Trefferquote bei diesen Qualitätsprophezeiungen. Ich frage mich deshalb, ob sich die FU Studenten auch Anregungen bei leicht einsehbaren Prophezeiungen zur Erdzukunft holen. Hier dazu ein sehr interessanter Artikel: ow.ly/tUhq309r71P
muellerthomas 28.02.2017
5.
Zitat von StefanZ..Der Ansatz mit mehreren durchgespielten denkbaren Zukünften ist gut. Genauso betrieben und betreiben es auch die Spitzenkönner der Materie, genannt Propheten, zumindest die, die keine Spinner und Betrüger waren. Bei denen gibt es allerdings die Handlungsmaxime, immer die negativste von mindestens 7 durchgerechneten Varianten der Öffentlichkeit kund zu tun. Schließlich geht es ihnen darum, die Mitmenschen aufzurütteln und von Fehlentwicklungen wegzubringen. Was nur selten klappt. Darum auch die hohe Trefferquote bei diesen Qualitätsprophezeiungen. Ich frage mich deshalb, ob sich die FU Studenten auch Anregungen bei leicht einsehbaren Prophezeiungen zur Erdzukunft holen. Hier dazu ein sehr interessanter Artikel: ow.ly/tUhq309r71P
An welche "Qualitätsprohpezeiungen" denken Sie da beispielsweise?
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