ZVS wird 30 Totgesagte leben länger

Ihre Kritiker verspotten sie als "das letzte Kuba" oder "Bastion der Planwirtschaft", aber die ZVS ist zäh. Seit 30 Jahren verteilt die Dortmunder Behörde Studieninteressenten auf die Hochschulen, entscheidet über Karrieren, schlägt Kerben in Lebensläufe. Am Donnerstag feiert sie Geburstag. Und niemand mag gratulieren.


Nach der Zulassung bei der ZVS: Erleichterung unter den Studienanfängern
DDP

Nach der Zulassung bei der ZVS: Erleichterung unter den Studienanfängern

Die ZVS-Mitarbeiter sitzen in einem unscheinbaren, tristen Gebäude an der Dortmunder Sonnenstraße - mit eigener Postleitzahl. Und das ist auch nötig. Schließlich wurden seit der Gründung am 1. Mai 1973 rund sechs Millionen Anträge bearbeitet. Jedes Mal, wenn die Behörde die Zulassungsbescheide verschickt, schwanken Tausende von Abiturienten in Deutschland zwischen Hoffen und Bangen.

Ob Medizin, Psychologie oder Betriebswirtschaft – wer in Deutschland bestimmte Numerus-clausus-Fächer studieren möchte, muss sich zunächst bei der Dortmunder Behörde melden. "Vor Semesterbeginn sind das jedes Mal rund 120.000 Bewerbungen“, sagt ZVS-Pressesprecher Bernhard Scheer. Die meisten Anträge kommen "auf den letzten Drücker“.

Platzanweiser der Republik

Scheer weiß, wovon er spricht. Schließlich hat er sich einst selbst als Studienanfänger bei der ZVS beworben. "Natürlich wusste ich da nicht, dass ich 1982 wieder hier lande. Aber ich wollte Volkswirtschaft in Münster studieren, und das hat auch geklappt.“

Säckeweise Bewerbungen: Viele Interessenten gehen leer aus
DPA

Säckeweise Bewerbungen: Viele Interessenten gehen leer aus

In den letzten Wochen vor dem Abgabetermin absolvieren die 140 Mitarbeiter der ZVS stets ein wahres Stressprogramm. Nachtschichten sind die Regel, in den heißen Phasen vor Bewerbungsschluss im Sommer (Stichtag 15. Juli) und Winter (15. Januar) stellt die Behörde daher zusätzlich Hilfskräfte ein. Bis sich dann ein Abiturient über den gewünschten Studienplatz freuen kann, bekommt auch die Post noch einiges zu tun: Vor Semesterbeginn verschickt die ZVS mitunter 60.000 bis 70.000 Bescheide am Tag. Eine logistische Sonderleistung.

Trotzdem diskutieren Politiker immer wieder über die Notwendigkeit der ZVS. Viele halten sie für veraltet. Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg, würden die Behörde daher am liebsten abschaffen. Das Hauptargument: mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen.

Angefeindet als Symbol für die Bildungsverwaltung

Im März hat die Kultusministerkonferenz eine Änderung im Vergabeverfahren beschlossen: Künftig sollen sich die Hochschulen bis zu 50 Prozent der Bewerber für die Numerus-clausus-Fächer selbst aussuchen können. Bislang gilt das nur für rund ein Fünftel der Plätze. Die neue Regelung soll zum Wintersemester 2004/2005 greifen - sofern sich die 16 Länder wirklich auf einen neuen Staatsvertrag einigen können.

Umfrage: Mehrheit der Bevölkerung für Abschaffung der ZVS
DER SPIEGEL

Umfrage: Mehrheit der Bevölkerung für Abschaffung der ZVS

Drei Jahrzehnte währt der Streit über die ungeliebte Behörde nun bereits. Abgeschafft werden soll sie schon seit ihr Gründung, und Kritiker unter den Bildungspolitikern und Rektoren schmähen sie gern als "bürokratisches Monstrum", als planwirtschaftliche Missgeburt oder als das "letzte Kuba". In den Top Ten der staatlichen Einrichtungen, die niemand mag, dürfte die ZVS ganz in der Nähe des Finanzamtes und des Kreiswehrersatzamtes liegen.

Dennoch räumen auch die ZVS-Gegner ein, dass die Behörde stets unbestechlich war und solide Arbeit leistet. Höchst selten ist es einem Studienbewerber gelungen, einen Studienplatz wegen Verfahrensfehlern einzuklagen. Und ob die Hochschulen tatsächlich fähig wären, eine faire und zuverlässige Auswahl nach sinnvollen Kriterien zu garantieren, die über Abiturnoten hinausreichen - das ist völlig unklar.

Was können, was wollen die Hochschulen?

Ein energischer Wille dazu ist bisher nur an Privathochschulen und an vereinzelten staatlichen Universitäten erkennbar. Die klare Mehrheit der Hochschulen verzichtet bisher auf ihr Auswahlrecht und überträgt es der ZVS. Kein Wunder: Gespräche mit hunderten oder gar tausenden von Bewerbern kosten viel Zeit, und die Professoren scheuen offenbar die zusätzliche Arbeit.

Obwohl der Aktionsradius der ZVS allmählich kleiner wird, erwartet sie in Zukunft kaum weniger Arbeit. Leiter Ulf Bade rechnet damit, dass die ZVS auch die direkte Auswahl durch die Hochschulen begleiten muss. "Wenn sich jeder potenzielle Bewerber an jeder Hochschule bewerben könnte, wäre das ein Mengenproblem, das die Hochschulen auch beim besten Willen nicht bewältigen könnten", sagte er im Interview mit UniSPIEGEL ONLINE. Bade hält daher eine zentrale Service-Einrichtung wie die ZVS weiterhin für dringend erforderlich.

Dankbarkeit von Bildungspolitikern kann die ZVS allerdings kaum erwarten - und von Bewerbern ebensowenig. Sie vergessen die ZVS im Lauf ihres Studiums schnell. Für die Mitarbeiter sind dagegen viele Anekdoten rund um die Vergabe der Studienplätze unvergesslich. So berechnete ein Studienanfänger seine gewünschten Studienorte nach einem astrologischen System. Abiturienten unterbrachen ihren Südseeurlaub und buchten kurzfristig den Rückflug, um rechtzeitig ihre Unterlagen in Dortmund abzugeben. Und manche zaudern noch eine Minute vor Ablauf der Frist, ob sie den Antrag einreichen oder nicht.

Ulf Bade, Chef der ZVS: Unsere Arbeit wird nicht weniger

Ulf Bade, Chef der ZVS: Unsere Arbeit wird nicht weniger

Pressesprecher Bernhard Scheer sammelt in seinem "Kuriositätenordner" auch bizarre Begründungen von Bewerbern, warum gerade sie unbedingt einen Platz am Wunschort bekommen müssen: Einer behauptete, er könne "aus psychosomatischen Gründen nicht in fremden Betten schlafen". Und ein Düsseldorfer Juristen-Ehepaar argumentierte, der Filius müsse sich um teure Zierfische kümmern und zudem die umfangreiche Bibliothek in Vaters Kanzlei pflegen.

Mit derart verwegenen Anträgen hat man kaum Chancen. Wer bei der großen Lotterie eine Niete zieht und fernab des Wunschortes landet, kann der ZVS allerdings nachträglich ein Schnippchen schlagen und den Studienplatz tauschen.

Obwohl eine Zulassung der ZVS für viele den Beginn der Karriere bedeutet, sind Glückwünsche in diesen Tagen selten - bislang hat noch kein Student den Mitarbeitern der Dortmunder Behörde gratuliert.




© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.