Zwei-Klassen-Studium "Die französische Universität ist tot"

Deutsche Hochschulreformer verneigen sich gerne gen Paris. Dort sind die meisten der französischen Elitehochschulen angesiedelt. Doch außerhalb der Grandes Ecoles klagen die Studenten über miserable Bedingungen - erst kürzlich musste eine Universität wegen Geldmangels die Heizung abdrehen.

Von Janek Schmidt und Marc Widmann


Studieren deluxe: Sciences Po in Paris
Sciences Po

Studieren deluxe: Sciences Po in Paris

"Die französische Universität ist tot", unkte Pierre Jourde, Professor der Stendhal-Universität in Grenoble, unlängst in der Wochenzeitung "Le Monde diplomatique". Richard Descoings, Direktor der Beamten- und Politikerschmiede Sciences-Po in Paris, spricht dagegen ganz anders: "Finanziell geht es unserem Haus exzellent", sagt er, "wir legen derzeit sogar Geld für unsere künftigen Vorhaben beiseite."

Die beiden Männer leben in verschiedenen Welten: Die Bildungsnation Frankreich ist zwischen den "Grandes Ecoles" einerseits und den kriselnden übrigen Universitäten andererseits tief gespalten. Und der Wettbewerb zwischen den beiden Welten ist sehr ungleich.

Die Gegensätze beginnen bereits bei der Ausstattung. "Um einen Computerplatz mit Internetzugang zu erhalten, muss ich mich eine Woche vorher anmelden", klagt Sophie, Studentin an der Pariser Universität Sorbonne Nouvelle. "Dann steht mir ein Kontingent von zwei mal zwei Stunden pro Woche zu." In der Filiale von Sciences-Po in Nancy dagegen bekommen Studenten, die sich keinen eigenen Computer leisten können, einen Laptop von der Schule gestellt - Internetzugang in sämtlichen Räumen inklusive.

Studenten zweiter Klasse

Das Problem ist eindeutig: "Die Universität ist krank", weil sie "verarmt ist", sagt der renommierte Wirtschaftprofessor Daniel Cohen. Frankreich gibt pro Student ein Viertel weniger Geld aus als Deutschland und ist eines der wenigen Länder der Welt, dessen Ausgaben für einen Studenten noch geringer sind als die für einen Gymnasiasten.

Die Schüler, die die Aufnahme an eine Grande Ecole nicht schaffen, werden zu Studenten zweiter Klasse, die von der Regierung auch schon mal in der Kälte stehen gelassen werden: Im Winter 2003 etwa musste die Universität Paris-Sud ihren Unterricht um zwei Wochen verkürzen, da sie ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen konnte.

Solche Peinlichkeiten drohen den Eliteschulen nicht. Ihre Verbindungen erstrecken sich bis in die Spitze des französischen Staates. Sechs der letzten neun Premierminister sind Absolventen der edlen Kaderschmiede Ecole Nationale d'Administration, kurz ENA. So verwundert es nicht, wenn die Grandes Ecoles heute pro Student drei mal mehr Staatsmittel erhalten als die übrigen Universitäten.

Grande Ecole: Einen Laptop von der Hochschule
Sciences Po

Grande Ecole: Einen Laptop von der Hochschule

Zusätzlich erheben die meisten Grandes Ecoles Studiengebühren. Während die Universitäten weiterhin ein kostenfreies Studium anbieten, verlangen Wirtschaftsschulen häufig mehr als 6000 Euro pro Jahr. Solche Gebühren schrecken die Studenten allerdings nicht ab, im Gegenteil. Der Ansturm ist ungebremst. So verzeichnete die Sciences-Po in den vergangenen drei Jahren einen Anstieg der Bewerbungen um 50 Prozent.

Korpsgeist oder Vetternwirtschaft?

Das Kalkül der Studenten ist eindeutig. "An meiner Uni ging ich in der Masse unter", sagt Guillaume, der nach einem Studium an der Universität Paris II Assas seine Aufnahmeprüfung an der Sciences-Po geschafft hat. "Endlich habe ich die ersehnten Studienbedingungen: Kleinere Klassen, intensiveren Unterricht und am Ende einen angesehenen Abschluss", sagt er zufrieden, bevor er eilig in sein nächstes Seminar verschwindet.

An seiner neuen Hochschule nennen ihn die Professoren beim Vornamen, bemerken mit einem Blick in den Seminarraum, welcher Student heute fehlt. Ein Mal pro Semester gehen Dozenten und ihre Schützlinge gemeinsam essen.

Anders als ihr Name vermuten lässt, sind die Grandes Ecoles meist auf einen kleinen Campus konzentriert. Hier entstehen Netze, die später die gesamte französische Gesellschaft durchziehen. "Korpsgeist" nennen es die Eingeweihten, "Vetternwirtschaft" die Ausgeschlossenen.

Solch ein besonders berüchtigtes Netz besteht beispielsweise unter den Absolventen der Ingenieursschule Ecole Polytechnique. Ehemalige Studenten dieser Hochschule, die im Volksmund meist nur "X" genannt wird, leiten heute den Ölkonzern Total, die Großbank BNP Paribas oder den Flugzeughersteller Airbus. Ihren Nachwuchs rekrutieren die Führungskräfte mit Vorliebe aus den Absolventen ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte.

Kein Wunder, dass die hellsten Köpfe den ausgezehrten Universitäten fernbleiben. Denen fällt es immer schwerer, Spitzenforschung zu betreiben. Ein von der Universität Shanghai erstelltes weltweites Uni-Ranking, welches weltweit Forschungsqualitäten vergleicht, zeigt die französische Misere recht drastisch: Selbst die beste Universität des Landes, Paris VI Pierre et Marie Curie, hatte international keine Chance. Sie landete abgeschlagen auf dem 65. Platz - und damit hinter der besten der gescholtenen deutschen Unis, der LMU München auf Platz 48.

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