Zwerghochschule im Wald Willkommen auf Deutschlands kleinstem Campus

Nur 33 Kommilitonen, fünf Dozenten - kleiner geht es kaum. Daniel Lenski buchte einmal Idylle und zurück: An der lutherischen Hochschule Oberursel lernte er Hebräisch und Latein, eigenen Bibliotheksplatz inklusive. Doch nach einigen Monaten im Wald begann er die Massen-Uni zu vermissen.

Daniel Lenski

Überfüllte Hörsäle, Kampf ums Mensaessen, langes Warten vor dem Prüfungsamt - all das kannte ich aus meinem Studium in Leipzig. All das sollte es nicht geben an der kleinsten Hochschule Deutschlands, an der Lutherischen Hochschule in Oberursel. In dem Frankfurter Vorort leben und lernen vor allem Studenten, die sich auf den Pfarrberuf vorbereiten. Theologie ist das einzige Studienfach.

Die Vorteile einer Mini-Hochschule liegen auf der Hand: Die Dozenten kennen jeden Studenten beim Namen, die Gruppen sind überschaubar, Kampf um Sitzplätze in Veranstaltungen gibt es nicht. Als ich mich in Oberursel einschrieb, begrüßte mich der Rektor mit Handschlag und fragte: "Sie kommen neu zu uns?"

Bei der Semestereröffnung im, nun ja, "großen Vorlesungssaal" saßen fünf Dozenten 34 Studenten gegenüber. Wenn sich mindestens zwei für eine Veranstaltung meldeten, kam der Kurs zustande. Bei Überschneidungen im Stundenplan eines Studenten wurde so lange gebastelt, bis alle glücklich waren. Für mich als ehemaligen Magisterstudenten an einer Massen-Uni mit über 26.000 Studenten ein Traum.

Hebräischkurs zu siebt

Meine Gründe, nach Oberursel zu gehen, waren ziemlich pragmatisch. In einem verlängerten Semester wollte ich hier Hebräisch und Altgriechisch lernen, die Grundlagen fürs Theologiestudium. So schnell und intensiv geht das in Deutschland an keiner anderen Hochschule. Unterricht hatten wir täglich, in Hebräisch waren wir gerade mal zu siebt. Und wenn jemand etwas nicht verstanden hatte, nahm sich der Sprachlehrer eben nach dem Unterricht noch eine halbe Stunde extra Zeit.

Vor Semesterbeginn sah der Dozent für Praktische Theologie unsere Kochgruppe im Freien sitzen. Kurz darauf hatte auch er ein Glas Rotwein in der Hand und machte Werbung für seine Lehrveranstaltungen. In Leipzig musste ich manchmal über einen Monat warten, bis ich einen Termin bei einem Professor bekam. In Oberursel wurde ich mit Kommilitonen insgesamt viermal zum Abendessen bei Hochschullehrern eingeladen.

An den Stil der Vorlesungen musste ich mich erst gewöhnen: Bei "Kirchenmusik im Gottesdienst" begannen wir jede Woche mit einem gemeinsam gesungenen geistlichen Lied. Manchmal wurde die Vorlesung auch zu einem Unterrichtsgespräch - bei sechs Teilnehmern kein Problem.

Ein Buch fehlt? "Haben wir gleich angeschafft"

Die Bibliothek war ein Traum: Andere Universitätsbüchereien haben größere Bestände, aber hier wird bei Bedarf schnell geholfen. Nachdem ich an einem Donnerstag unseren Bibliothekar nach einem Buch gefragt hatte, legte der es mir am folgenden Montag lächelnd auf meinen Schreibtisch: "War im Sonderangebot, haben wir gleich angeschafft." Fast jeder Student, der nicht in seinem Zimmer arbeiten möchte, hat in der Bibliothek seinen eigenen Arbeitsplatz.

Manchmal stören sich die Dozenten an den persönlichen Bildern und den Kaffeetassen an den Bib-Arbeitsplätzen, doch die Studenten fühlen sich eben wie zu Hause. Zugang zur Bibliothek haben alle mit einem eigenen Schlüssel, und zwar jederzeit: sieben Tage die Woche, 24 Stunden.

Es gab Kommilitonen, die davon ausgiebig Gebrauch machten: Matthias, einer von mehreren Südafrikanern, begann meist um 6 Uhr morgens. Johanna, eine der wenigen Frauen auf dem Mini-Campus, habe ich auch schon am Sonntagabend dort gefunden. Nur einem Studenten, der sein Stövchen mit einem brennenden Teelicht direkt neben dem Bücherregal postierte, wurde die sofortige Exmatrikulation angedroht - spaßeshalber.

Jedes Gerücht dringt in die letzte Campusecke

Sieben Monate an Deutschlands kleinster Hochschule können aber auch anstrengend sein. Egal ob im Hörsaal, in der Bibliothek oder im gemeinsamen Aufenthaltsraum: Sich aus dem Weg zu gehen ist fast unmöglich. Da werden kleine Probleme schnell groß, und jedes Gerücht ist in einer halben Stunde über den gesamten Campus verbreitet. Das liegt auch daran, dass die meisten Studenten ein Zimmer im hochschuleigenen Wohnheim haben. Eine Krankheit vortäuschen? Geht nicht. Jeder Schritt auf dem Campus wird von einem Kommilitonen wahrgenommen - und oft auch von den Dozenten, die gleich nebenan wohnen.

34 Personen, abgelegen auf einem Berg im Taunus mit wenig Einflüssen von außen, da entsteht schnell ein Mikrokosmos. In meinen sieben Monaten dort haben sich drei Pärchen gefunden, es gab eine Verlobung, und ein Kind kam zur Welt. Dabei ist die Zahl der weiblichen Studenten an einer Hand abzuzählen, denn die "Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche", Trägerin der Hochschule, ist eine der wenigen evangelischen Kirchen, in der bis heute keine Frauen als Pfarrer ordiniert werden.

Am Ende habe ich meinen Abschluss in beiden Sprachen in Rekordzeit geschafft, wie fast alle meine Kommilitonen. Auch der Spaziergang im Wald zwischen den Vorlesungen fehlt mir nun, da ich wieder weg bin.

Jetzt studiere ich in München. Nach einem halben Jahr Abgeschiedenheit habe ich mich dann sogar wieder auf eine Massen-Uni gefreut, auf volle Hörsäle - und sogar auf das Gedränge in der Mensa.

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