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25. April 2006, 19:19 Uhr

Zwischenruf von Franz Walter

Fachsuaheli auf Marmorklippen

In Expertenzirkeln mit gespreizten Geheimcodes fühlen sich deutsche Sozialwissenschaftler am wohlsten. Ihr elitärer Dünkel grenzt an akademischen Autismus - ein Plädoyer des Göttinger Professors Franz Walter für stärkere öffentliche Präsenz von Politologen und Soziologen.

Medien sind nicht sehr beliebt unter universitären Soziologen und Politologen. Über nichts kann ein durchschnittlicher Professor dieser Fachrichtung so formvollendet indigniert die Nase rümpfen wie eben über die Medien. Nichts fürchtet er, mindestens im Stillen, mehr als journalistischen Stil und feuilletonistische Sprache. Denn ihm selbst ist Sprache mehr Qual als Vergnügen.

Göttinger Uni-Bibliothek: Die Hochschule als Rückzugsgebiet
DPA

Göttinger Uni-Bibliothek: Die Hochschule als Rückzugsgebiet

Und so ist ein Großteil der bundesdeutschen Politologen und Soziologen erkennbar zurückhaltend, wenn es darum geht, Forschungsergebnisse zu vermitteln, an den großen, öffentlichen Debatten vernehmbar und gewinnbringend teilzunehmen. Das war lange anders: Theodor Eschenburg, Dolf Sternberger und Kurt Sontheimer, auch und gerade Ralf Dahrendorf haben immer ganz selbstverständlich als analytische Kolumnisten für Zeitungen geschrieben, die von gebildeten und klugen Köpfen gelesen wurden. Dabei haben sie naturgemäß verkürzen, pointieren, zuspitzen müssen, haben sich auch nicht die Lust an polemischen, oft genug rein subjektiven Äußerungen nehmen lassen. Dennoch haben die Leser daraus viel gelernt, was sonst nicht in den Zeitungen stand.

Doch nach den Eschenburgs kam lange nur wenig. Die Sozialwissenschaftler einer ganzen Generation nach 1968 empfanden sich zwar als außerordentlich gesellschaftskritisch, aber der Gesellschaft ihre Überlegungen nachvollziehbar mitzuteilen - in diese Niederungen begaben sie sich nicht. Ihre Sprache, ihre Theorien, ihre Themen, ihre Innenschau verhinderten das.

Gerade die 68er waren in dieser Hinsicht ideale Erben des klassischen deutschen Bildungsbürgertums. Elementar für die "Gebildeten" in Deutschland war stets die Abgrenzung besonders zu den niederen, ungebildeten Schichten der Bevölkerung. Das Bildungsbürgertum hierzulande schätzte den elitären Dünkel, verkehrte allein in Kreisen des eigenen Standes, pflegte eine Sprache, die wie ein Geheimcode nur den Eingeweihten verständlich war, Außenstehende indes auf Abstand hielt und den geringer Gebildeten demonstrativ das Gefühl von Nichtzugehörigkeit vermittelte.

Sozialwissenschaftler in der freiwilligen Isolation

Die akademische Sprache war keineswegs fachlich zwingend. Sie war vielmehr ein kulturelles Instrument, um eine Aura des Besonderen und Erhabenen zu kreieren, um Distanz nach unten durch die Attitüde auserwählter Exklusivität zu schaffen. Deswegen liebten auch die 68er die Schriften von Adorno bis Marcuse. Mit der raunenden, geheimnisvollen Sprache der "Frankfurter Schule" lösten sie im konservativen Bürgertum Verunsicherung und Ängstlichkeit aus. Ihnen selbst bot die Beherrschung des Vokabulars der "Kritischen Theorie" die Rechtfertigung für den Avantgardeanspruch gegenüber dem einfältigen Rest "eindimensionaler" Menschen.

In dieser geistesaristokratisch-geheimbündlerischen Tradition steht die Sozialwissenschaft in Deutschland merkwürdigerweise noch heute. In Frankreich dagegen war jemand wie Pierre Bourdieu immer auch Zeitungskolumnist, ebenso wie in Italien der Turiner Universitätsphilosoph Norberto Bobbio. Der britische Historiker Timothy Garton Ash ist seit Jahren ganz selbstverständlich ein gefragter Kommentator in den Medien dieser Welt. Und der große englische Historiker Eric Hobsbawm hat stets darauf gepocht, dass man als Sozialwissenschaftler und Historiker nicht nur für Fachkollegen schreiben dürfe.

Lediglich in Deutschland hat sich der Inzest und die hermetische Abschottung des sozialwissenschaftlichen Juste-milieus weitgehend gehalten. Kaum jemand macht sich hierzulande Gedanken darüber, wie man die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Projekte in zumindest gebildete Alltagskommunikation übersetzen kann. Didaktik hat an deutschen Universitäten keinen hohen Stellenwert. Nur wenige halten es für nötig und zweckmäßig, sich in die Lage, Mentalitäten, Erwartungen von möglichen Adressaten jenseits des Fachs hineinzufühlen, um so die eigenen Überlegungen zu verbreitern, früher hätte man gesagt: zu demokratisieren. Dergleichen gilt nachgerade als wissenschaftlich unwürdig.

Nichts illustriert diese Gleichgültigkeit in Fragen der Didaktik und Vermittlung deprimierender als die sogenannten Veröffentlichungen in einigen wissenschaftlichen Fachverlagen: Man hält viel billiges, eng beschriebenes Papier zwischen zwei unendlich tristen Buchdeckeln in den Händen. Gestaltung, Ästhetik, Anschaulichkeit - nichts davon interessiert offensichtlich. Und niemand stört sich daran, dass die verkaufte Auflage oft genug irgendwo zwischen 100 und 200 Exemplaren liegt, die dann ganz überwiegend in Universitätsbibliotheken vor sich hin stauben.

Der Jargon bleibt dürr, sklerotisch, erfahrungsarm

Stattdessen versteckt man sich hinter den vermeintlichen Sachzwängen einer vermeintlichen Fachlogik und der analytischen Schärfe einer vermeintlichen Fachsprache. Dabei ist gerade der Jargon des sozialwissenschaftlichen Fachsuahelis unendlich dürr, sklerotisch, erfahrungsarm, geschichtslos. Überhaupt kommt gegenwärtig gerade der ebenso dröhnende wie aufgeplusterte Exzellenzdiskurs an den Universitäten mit sechs oder sieben denkbar anämischen Basisbegriffen aus.

"Innovation" gehört immer noch dazu, "Optimierung", "Ressource", "Komparatistik", "Regelsysteme", "Arrangements", "strukturbedingte Determiniertheit". Wer mit diesen Retortenbegriffen schwungvoll zu jonglieren vermag, kann in kürzester Zeit alle möglichen, als wissenschaftlich drapierten Projekte schmieden und hinreichend inspirationslose Forschungsanträge kompilieren. Kaum jemand an der Universität hat dann den geringsten Zweifel, dass es sich bei diesen verlässlich gleich klingenden Elaboraten ganz fraglos um internationale Spitzenforschung handeln muss.

Und so befindet sich die Sozialwissenschaft in Deutschland tief in der Krise. Seit Jahren nun schon wird in der Öffentlichkeit über genuin sozialwissenschaftliche Themen gestritten, von der Transformation des Sozialstaats über demographische Herausforderungen und sozialintegrative Probleme bis hin zu Fragen einer neuen Klassengesellschaft. Aber ein Großteil der professionell dafür zuständigen deutschen Sozialwissenschaftler hält sich aus dieser Debatte gleichgültig, hochnäsig oder auch nur hilflos heraus. Die gesellschaftlichen Kontroversen der Republik finden ohne die "Exzellenzen" der Sozialwissenschaft statt. Das immergleiche Argument für die passive Beobachterrolle oben auf den Marmorklippen weltabgewandter Esoterik: Man sei weder Journalist noch Politikberater, erst recht kein Volksaufklärer.

Indes: Warum eigentlich nicht? Schließlich leben wir nicht mehr in einer ständischen Gesellschaft, in der jeder ein Leben lang und in sämtlichen sozialen Räumen durch Sitte, Konvention und Kodex seines Berufsstandes verbindlich festgelegt ist. An den deutschen Universitäten ist dieses ständische Denken gleichwohl immer noch seltsam zäh, steif, eben verblüffend ordinarial verbreitet. Viel Zukunft hat das nicht. Die postmodernen Soziologen haben uns schließlich beigebracht, dass sich die sozialen Rollen verflüssigen, dass die Lebenszeitberufe allmählich verschwinden, dass die Menschen ihre sozialen Kontaktkreise und Aktivitätsfelder häufig neu mischen und kombinieren.

Die akademische Welt ist nicht genug

So mag es sein: In Teilen seines Alltags ist der Verfasser dieses Beitrags ein überzeugter methodenstrenger Politikwissenschaftler, in anderen Teilen aber ein begeisterter semijournalistischer Essayist. Und an den Sonn- und Feiertagen versucht er sich immer wieder einmal als Romanschreiber - über die wunderliche Welt des Akademikertums -, was allerdings bislang noch nicht ganz so vorzüglich gelingt, wie es anfangs so schön gedacht war. Doch es geht allmählich voran, da der Verfasser gerade im vergangenen Wintersemester und zunächst durchaus unfreiwillig die wunderbarsten Charakter- und Milieustudien über Universitätspräsidenten, Wissenschaftsstaatssekretäre, Seminardirektoren, Gremiensitzungen, Evaluationskongregationen und Finanzkommissionen hat betreiben dürfen.

Ein Weiteres kommt hinzu: Das Zusammenspiel mit der Öffentlichkeit wirkt auch als Motor auf die Reflexionen in der Sozialwissenschaft zurück. Wer sich als Wissenschaftler auf das Tempo und den Bedarf der nun einmal weithin medial vermittelten Öffentlichkeit einlässt, muss ziemlich rasch neue Fragen und Themen aufnehmen und in den wissenschaftlichen Diskurs rückführen. Er wird dabei oft genug und bedauerlicherweise die Grenzen sozialwissenschaftlicher Interpretationsfähigkeit erleben, muss infolgedessen schneller Positionen und Zugriffe korrigieren oder erweitern.

Die Beziehung zwischen Wissenschaft, Medien und Politik wird in diesem Prozess enger, die Praxissensibilität auch der akademischen Wissenschaft größer, der intellektuelle Hintergrund des Feuilletons anspruchsvoller, die wissenschaftlich fundierte Politikberatung in den Parteien intensiver. Die universitäre Forschung könnte in diesem Zusammenhang lernen, sich verständlich auszudrücken, farbig zu formulieren, auf den Punkt hin zu argumentieren und sich aktuellen politischen Herausforderungen problemlösend zu stellen.

Gewiss, schaut man sich so manche TV-Politologie an, so ist schwer zu leugnen, dass ein unmittelbarer Praxisbezug noch dazu über die rasch verschleißenden elektronischen Medien auch Gefahren birgt. Doch der ganz überwiegend auf sich selbst bezogenen deutschen Sozialwissenschaft wird eine stärkere Weltzugewandtheit in erster Linie gut tun. Es wird Zeit, von den Marmorklippen herabzusteigen.

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