Im Test Das kann Googles schlaue Chat-App Allo

Googles neuer Messenger kann mehr, als nur Nachrichten zu versenden: Denn Allo bündelt mehrere App-Funktionen. Dafür muss der Nutzer viel von sich preisgeben. Hier ist der Test.


Allo ist bunt, verspielt und könnte zu einem ziemlich guten Freund vieler Smartphone-Besitzer werden. Der intelligente Messenger von Google wartet mit umfangreichen Funktionen auf. In den USA ist die Software seit Mittwoch für iOS und Android verfügbar, in Deutschland soll sie in den nächsten Tagen erscheinen. Wir haben die US-Version ausprobiert.

Im Hintergrund der Chat-App arbeitet eine künstliche Intelligenz (KI), die das Chat-Erlebnis mit den Freunden verbessern soll. Zusätzlich bietet Allo mit dem Google Assistant einen persönlichen Helfer. Der Assistent ist die Suchmaschine in Chatform. Der persönliche Chefsekretär, der über alles Bescheid weiß: Am Morgen teilt er das Wetter mit, tagsüber die anstehenden Termine und abends, wo man am besten noch ein Bier trinken geht.

Allo will alles wissen - und weiß alles

Um Allo nutzen zu können, muss man sich weder namentlich registrieren noch ein Google-Konto besitzen. Stattdessen gibt man seine Mobilfunknummer an, die Google mithilfe einer SMS verifiziert. Die App durchsucht daraufhin das Telefonbuch des Handys und kann dann sagen, wer von den Kontakten bereits Allo nutzt. Freunde, die die App noch nicht haben, kann man per SMS einladen.

Der Google-Messenger verlangt nach großzügigen Zugriffsberechtigungen: Kontakte, Nachrichten, GPS-Daten, Kamera, Fotos - alles. Nur so kann der Google Assistant, mit dem man über einen Chat kommuniziert, in vollem Umfang aktiv werden. Egal ob Restaurantempfehlung, die Route für die Dienstreise oder ein kleines Spiel für zwischendurch - das alles kann per Chat erledigt werden.

Noch ist die Standardsprache für den neuen Google-Messenger Englisch. Das soll sich aber künftig ändern. Google hat bereits angekündigt, Allo und den zugehörigen Assistenten in diversen Sprachen - auch Deutsch - anzubieten. Spricht man ihn derzeit auf Deutsch an, bedauert der Google Assistant: "Entschuldigung, ich lerne gerade noch Deutsch, aber in der Zwischenzeit kann ich das auf Google für dich suchen."

Google Assistant reagiert auf Stichworte

Um mit dem Assistenten zu kommunizieren, reicht es, ihm ein paar Stichworte zuzuwerfen. Über die Sprachfunktion funktioniert das nur sehr schlecht, getippt hingegen ziemlich gut. Auf "Weather" reagiert der Assistent mit der passenden Wetterangabe zu meinem aktuellen Standort Hamburg. Zugleich bietet der Assistent die Möglichkeit, eine tägliche Erinnerung fürs Wetter einzurichten.

Beim Stichwort "Spiegel Online" spuckt der Assistent die aktuellen Headlines aus. Auf die Anfrage "Train to Berlin" spuckt er eine Route aus, die in Google Maps geöffnet wird. YouTube-Videos spielt Allo direkt im Messengerfenster ab. Durch seine umfangreichen Zugriffsrechte ist der Assistent in der Lage, eigenständig Termineinträge vorzunehmen und E-Mails zu durchsuchen - zumindest die, die sich im Gmail-Postfach befinden.

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Allo: So sieht der neue Google-Messenger aus

Im Vergleich zum Facebook-Messenger, der ebenfalls mit Chatbots experimentiert, ist Allo ein wahrer Genuss. Die Kommunikation mit den meisten Facebook-Bots, die von Dritten und nicht vom Internetkonzern selbst kommen, ist sehr hölzern. Allo wirkt dagegen regelrecht lebendig. Auch wenn nicht alle Antworten des Assistenten uneingeschränkt zufriedenstellend sind.

Trotzdem bietet Allo die erste KI in einem Messenger, die wirklich Spaß macht. Die Facebook-Bots hingegen sind eine Spielerei für Early Adopter, wirklich nützlich sind sie nicht. Hinzu kommt, dass Google eine andere Strategie verfolgt. Statt auf viele einzelne Chatbots zu setzen, die unterschiedliche Aufgaben erledigen, gibt es nur einen Assistenten.

Damit macht Allo es überflüssig, ständig zwischen verschiedenen Apps hin und her wechseln zu müssen. Einen Großteil seines Online-Lebens könnte man in Allo erledigen - und dabei mit seinen Freunden in Kontakt bleiben.

Auch im Chat läuft die KI nebenher

Denn neben dem praktischen Assistenten, kann Allo auch zum Chatten mit Freunden benutzt werden. Im Chat gibt es vieles, was auch andere moderne Messenger und Social-Media-Dienste anbieten. Neben der Möglichkeit, in Fotos herumzumalen und in sie hineinzuschreiben, können Allo-Nutzer auch zwischen drei Sticker-Sets wählen. Im Vergleich zum Facebook-Messenger oder iMessage ist das sehr dürftig. Doch auch hier soll in Zukunft aufgestockt werden.

Zudem kann man die Schriftgröße verändern. Wenn man beim Versenden der Nachrichten etwas länger auf den Absende-Button drückt, öffnet sich ein Schieberegler mit dem man die Schrift skalieren kann.

Die KI ist auch im Chat aktiv. Hier soll sie dafür sorgen, dass die Kommunikation der Nutzer beschleunigt wird. Statt selber zu tippen, können die Nutzer unter bestimmten Antwort-Optionen auswählen. So erkennt Allo Sprache, aber auch Bilder und schlägt als passende Reaktion auf ein Sonnenuntergangsbild beispielsweise "Beautiful Sunset" (schöner Sonnenuntergang) oder "Gorgeous" (hinreißend) vor.

Das ist zwar beeindruckend, weil die KI sehr gut erkennt, was im Chatfenster passiert. Die Reaktionen hingegen sind alles andere als menschelnd, hier muss man doch noch selber tippen. Aber die KI kann ja noch dazulernen.

Keine standardmäßige Verschlüsselung

Dass im Hintergrund von Allo eine lernfähige Software läuft, ist auch der Grund dafür, warum die Chats nicht standardmäßig verschlüsselt sind. Google braucht die Chat-Daten, um sinnvoll reagieren zu können. Je mehr Daten die App sammelt, desto besser funktioniert der Chat und auch der Google Assistant. Trotzdem können Nutzer in einen Inkognito-Modus wechseln: Konversationen sind dann Ende-zu-Ende verschlüsselt. Komfortfunktionen wie etwa die automatischen Antwortvorschläge funktionieren dann nicht.

Indem Allo den Nutzer entscheiden lässt, ob er verschlüsselt kommunizieren will oder nicht, setzt sich der Messenger von seinen großen Konkurrenten anderen ab. WhatsApp ist standardmäßig verschlüsselt, aber ohne Intelligenz. Im Facebook-Messenger gibt es zwar auch Chatbots, jedoch nicht die Möglichkeit, sicher zu kommunizieren.

Fazit

Google hat mit seinem neuen Messenger vieles richtig gemacht: Allo hat das Potenzial, den Umfang an Apps auf dem Smartphone zu verschlanken. Der Google Assistant ist eine sinnvolle Schnittstelle zu diversen Internetdiensten. Die große Datenbasis, auf die Googles künstliche Intelligenz zurückgreifen kann, beweist sich dabei als enormer Vorteil. Damit das richtig funktioniert, muss man dem Konzern allerdings auch weitreichende Zugriffsrechte auf seine Daten einräumen.



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
SPONU 22.09.2016
1. Sollte jemand noch alte NOKIAs besitzen ohne diesen ganzen Schmonzens...
...so darf er sich glücklich schätzen. Ich steige demnächst aus und bewirtschafte nur noch meinen Garten zur Selbstversorgung (selbstverständlich mit Solar und Zisterne/Brunnen). Wenn jemand was von mir will soll er gefälligst vorbeikommen oder einen Brief schreiben. Wenn dann der Tag des GAUs mal kommen sollte (ein Systemfehler legt alle Verknüpfungen lahm, alle digitalen Existenzen erlöschen und man kann nichtmal mehr Brot ohne email kaufen, achja...die Hotline funktioniert ohnehin nicht mehr da ja VoIP)...bin ich gerüstet und geniesse mein Glas Rotwein analog.
calinda.b 22.09.2016
2. Wirklich?
Da die künstliche Intelligenz nicht im Telefon 'wohnt' sondern auf Google Servern, können die Messages nicht 'end to end'verschlüsselt sein, sonst könnte der Bot ja nicht mitlesen. Das ist einfach eine hinterhältige 'Man in the middle' Attacke um den Usern das Verschlüsseln zu vermiesen.
spon_3139848 22.09.2016
3.
Messenger? Entweder Jabber oder Telegram!
KarlRad 22.09.2016
4. Google? Unverschlüsselt? KI?
Die Gedanken sind nicht mehr frei. Google kann sie erahnen! Ich nutze telegram, sonst gar nichts!
Marco-HH 22.09.2016
5. Allo verschlüsselt immer
Wird gerne immer wieder falsch dargestellt. Als Standard verschlüsselt Allo zwischen Gerät und Server (Transportverschlüsselung) und auf dem Server werden die Daten auch verschlüsselt abgelegt. Allerdings hat ein Google-Algorithmus Zugriff drauf, damit der Assistent seine Arbeit machen kann. Da sitzt also kein Mensch und liest alles mit. :-) Wenn man den Assistenten nicht nutzen will, benutzt man Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in Allo. Aber das ist eigentlich Unsinn, weil gerade der Assistent den großen Mehrwert bei Allo bringt. In jedem Fall sind die Daten vor fremden Zugriff geschützt. Den Assistenten nenne ich nicht fremd. Im Prinzip wird wie bei Telegram verschlüsselt, nur mit dem Unterschied, dass Telegram auf Multi-Device setzt statt auf einen Assistenten. Wer dem ganzen nicht traut, kann eigentlich nur einen Messenger wie Signal benutzen, der immer Ende-zu-Ende verschlüsselt und - ganz wichtig - Open Source ist. Das bietet aber kein geläufiger Messenger und Signal selbst macht nicht viel her, finde ich.
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