Ausgezeichnet: Die schönsten Kunst-Apps

Von , Karlsruhe

Kunstgenuss? Dafür gibt es eine App. Mehrere sogar. Schon zum zweiten Mal hat das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe den App Art Award verliehen. Jeweils 10.000 Euro gibt es für summende Buchstaben, elektrische Schafe und gefräßige Kugeln.

App Art Awards: Das sind die Gewinner Fotos
AppArtAward / Jörg Piringer

Karlsruhe - Die Besucher der Vernissage beugen sich über die Ausstellungstische und betatschen jedes einzelne Exponat. Sie tippen und wischen, sie rütteln und drehen für den Kunstgenuss. Wenn ihnen ein Kunstwerk gefällt, können sie es mitnehmen, in den meisten Fällen umsonst. Denn die Kunst, um die es hier geht, sind Apps.

Auf verschiedenen Tablet-Computern zeigt das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe ein Dutzend Werke, die in der engeren Auswahl standen für den App Art Award 2012. Insgesamt sind 84 Apps eingereicht worden, aus 13 verschiedenen Ländern. Schon zum zweiten Mal wurde dieser Preis verliehen und gleichzeitig eine Ausstellung eröffnet, in der die Apps zu benutzen und dadurch erst zu bewundern sind. Denn das ist der Clou dieser jungen Kunstform: Das Werk entfaltet sich erst dadurch, dass es jemand in Gebrauch nimmt.

Bei der Gewinner-App des Künstlerischen Innovationspreises sieht das so aus: Der Nutzer zieht mit dem Finger auf dem Touchscreen eine graue Linie, auf der in bestimmten Abständen rote Punkte erscheinen. Lässt er die Linie los, erscheinen plötzlich Buchstaben, zunächst sind es Ms, die auf der ersten Spur entlangfahren. Treffen sie auf einen roten Punkt, werden sie hörbar, als summendes MMMM. Mit der zweiten Linie kommen Ns hinzu, auch sie werden auf jedem Punkt hörbar, bei der dritten sind es Os. "Konsonant" nennt sich die App, "eine kreative Erkundung von Buchstaben, Sound und Technologie", heißt es in der Beschreibung. Erdacht hat sie der Medienkünstler und Musiker Jörg Piringer aus Wien, der unter anderem dadurch bekannt ist, dass er im ersten Wiener Gemüseorchester spielt.

Jetzt steht er auf der Bühne und macht Geräusche, in dem er Linien und Kringel auf dem Tablet malt. "Wenn die Buchstaben aufeinanderstoßen, werden sie ganz ärgerlich und rot", sagt er. Dann zeigt er ein weiteres Spiel, bei dem man Buchstaben-Maschinen bauen kann: Von oben regnet es Buchstaben, die sich im oberen Teil eines Hs sammeln. Der Nutzer kann nun veranlassen, dass sich das H neigt und dadurch die Buchstaben wieder herauspurzeln, zum Beispiel in ein anderes H. Klingt verrückt, macht aber Laune. Die Jury bewundert an der App "Einfachheit, Charme und Spielspaß" - deshalb gewinnt die Buchstabenspielerei den Hauptpreis.

Pflanzenfressende Kugeln und elektrische Schafe

Der Sonderpreis "Game Art" geht an das Spiel "Globosome FREE", gemacht von einem Team der Filmakademie Baden-Württemberg. Dabei steuert der Nutzer eine Kugel, die eigentlich ein Schwarmwesen ist, aber ihren Schwarm verloren hat. Isst sie Pflanzen, teilt sie sich und kann so nach und nach einen eigenen Schwarm bilden. Allerdings darf sie weder zu viel noch zu wenig essen - eine Frage der Geschicklichkeit des Spielers.

In der dritten Kategorie, dem Sonderpreis "Cloud Art", gewann die App "Electric Sheep" des Software-Künstlers Scott Draves, die einigen bereits bekannt sein dürfte. Immerhin nutzen mittlerweile fast eine halbe Million Menschen den entsprechenden Bildschirmschoner, von dem es seit April auch eine Android-Version gibt. Dabei arbeiten alle teilnehmenden Rechner zusammen, um psychedelische Muster und Formationen auf die jeweiligen Bildschirme zu bringen. Diese Gebilde nennen sich Schafe. Sieht man eine Formation, die einem besonders gefällt, kann man das durch einen Klick kundtun. "Die beliebten Schafe paaren sich dann und produzieren neue Bilder", sagt Draves auf der Bühne, "ja, die Bilder können Sex haben und Kinder bekommen."

Die Bezeichnung "Schafe" ist eine Reminiszenz an den Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" von Philip K. Dick, der Vorlage für den Science-Fiction-Film "Blade Runner". Drave erklärt dazu: "Wenn der Bildschirmschoner kommt, geht der Rechner in den Schlaf-Modus. Was man dann sieht, sind die Träume des Rechners."

Das Publikum, dem er das erzählt, besteht keineswegs ausschließlich aus Computernerds. Es ist voll im Saal. Studenten, Anzugträger und Kunstliebhaber jenseits der 50 sind dabei, die meisten haben sich schick gemacht. Es ist ein Publikum, wie man es auch bei jeder anderen Kunstausstellung im Museum oder einer Galerie erwarten würde. Doch statt um Gemälde oder Skulpturen geht es hier um elektrische Schafe und Buchstabenmaschinen, die nicht existieren, wenn die Rezipienten nicht etwas dafür tun.

Kostenlose Kunst zum Mitmachen und Mitnehmen

Der Podcaster und Blogger Tim Pritlove nimmt das Publikum mit seiner Keynote ein wenig an die Hand: "Software, die niemand benutzt, ist nichts wert", sagt er. Der User sei Teil des Ganzen und müsse miteinbezogen werden, mitmachen, verändern, verbessern: "Das Kunstwerk wird immer reicher, weil alle mitmachen." Dazu sei es auch nötig, dass die Künstler den Kontrollverlust zulassen, dass sie "ihre Kunst verschenken, so wie teilweise auch Software verschenkt wird".

Der geforderte Kontrollverlust ist gleich nach der Verleihung zu beobachten: Die Besucher fummeln an den Tablet-Rechnern herum und spielen mit der Kunst - nicht immer so, wie sie ursprünglich gedacht war. Sie tippen und tätscheln, bis es leuchtet und dudelt, sie steuern Katzen durch den Weltraum und produzieren Buchstabensalat.

Wem ein Werk gefällt, der darf es behalten. Die meisten Apps sind kostenlos erhältlich, und so kann die Kunst auf dem eigenen Smartphone in der Hosentasche herumtragen werden. "Das sind die einzigen bildenden Künstler, bei denen man die Kunst einfach mitnehmen kann", sagt die ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel. Wie viel diese Kunst trotzdem wert sei, solle unter anderem dieser Preis zeigen. In jeder Kategorie war er mit jeweils 10.000 Euro aus Sponsorengeldern dotiert.

Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Januar 2013 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie zu sehen. Demo-Videos der Gewinner-Apps finden sich hier.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
wiesei 15.07.2012
ist das wahr für schlechte apps wie Finger Battle gibtsn preis obwohl es gleichwertiges zu hauf gibt?
2. ja
cor 16.07.2012
Zitat von wieseiist das wahr für schlechte apps wie Finger Battle gibtsn preis obwohl es gleichwertiges zu hauf gibt?
Ist halt Kunst. Ich meine, da werden Bilder mit 2 Strichen für mehrere hunderttausend Euro verkauft. Das erklärt auch, warum so einfallsreiche Apps wie "Finger Battle" gewinnen. Mit Rationalität kommen Sie da nicht weit.
3.
Judith_Horchert 16.07.2012
Zitat von wieseiist das wahr für schlechte apps wie Finger Battle gibtsn preis obwohl es gleichwertiges zu hauf gibt?
Liebe Leser, hier liegt offenbar ein Missverständnis vor. "Finger Battle" wurde nicht mit einem Preis ausgezeichnet, sondern ist in der Ausstellung zu sehen. Herzliche Grüße, Judith Horchert
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