Kinofilm "App" Das Smartphone als zweite Leinwand

"App" ist ein besonderer Thriller: Der niederländische Kinofilm dreht sich nicht nur um eine mysteriöse Smartphone-Software, der Zuschauer kann ihn auch teilweise per Mobilgerät verfolgen. Eine Innovation, vor der es manchem Kinofan graut.

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Raymond van der Bas/APP

Politiker rätseln auf Tablets herum, Reisende verstecken ihr Gesicht hinter Smartphones: Im Deutschland des Jahres 2013 gibt es nur noch wenige Orte, an denen es verpönt ist, sein Mobilgerät zu benutzen - Klassenraum, Kirche und Kino zum Beispiel. Doch zumindest beim Kino könnte sich das bald ändern. Film- und Werbebranche starten die ersten Versuche, technische Geräte auch dort zu etablieren.

In den USA beispielsweise laufen dieser Tage Spezial-Vorstellungen von "Arielle, die Meerjungfrau". Das Konzept: Zuschauer bringen ihr iPad ins Kino und können darauf Minispiele spielen, parallel zum Leinwandgeschehen. Auch beim Mitsingen der Filmlieder soll das Tablet helfen. "Noch nie war es so spaßig, ins Kino zu gehen", schwärmt der Werbe-Clip.

Die Begeisterung über die Technik-Spielerei teilt nicht jeder - Hunderte Nutzer haben das Video negativ bewertet. Auf der Spiele-Website "Polygon" kommentiert jemand: "Toll, tausend beleuchtete Bildschirme in einem dunklen Kinosaal. […] Klingt wie meine persönliche Hölle."

"APP" - der erste Kinofilm mit Second-Screen

Nimmt man den Kommentar als Maßstab, sind in den Niederlanden schon zahlreiche Kinogänger durch die Hölle gegangen, freiwillig. Im Frühjahr lief dort der "App", laut Eigenwerbung der erste Second-Screen-Kinofilm. Ergänzend zum Leinwandgeschehen lassen sich Teile der Handlung über einen zweiten Bildschirm verfolgen, per Smartphone oder Tablet. In Deutschland wurde der Thriller kürzlich auf einigen Fantasy-Filmfesten gezeigt.

"App" erzählt die Geschichte der Studentin Anna, die nach einer Partynacht eine mysteriöse Software auf ihrem Smartphone findet. Löschen lässt sich die App nicht, dafür passieren in Annas Umfeld fortan seltsame Dinge, teils mit tödlichem Ausgang.

Wer die trashige Geschichte auf zwei Bildschirmen erleben will, muss sich vorab eine iOS- oder Android-App herunterladen, die im Kinosaal aktiv wird. Ausgelöst durch Audiosignale schickt sie an 33 Stellen Texte, Bilder oder Videos aufs Display, Vibrationen kündigen neuen Inhalt an.

Chats, Zusatzinfos und Perspektivwechsel

Eingesetzt wird der zweite Bildschirm für verschiedene Zwecke:

  • Chats wiedergeben: Die Frage, wie man schriftliche Konversationen filmisch wiedergibt, beschäftigt viele Filmemacher. Abgefilmte Displays sehen bescheiden aus, Figuren, die jede SMS laut vorlesen, wirken unglaubwürdig. "App" löst dieses Problem elegant, indem der Zuschauer manchen Chatverlauf auf seinem Mobilgerät mitlesen kann. Mitunter bringt das einen kleinen Wissensvorsprung.

  • Perspektive hinzufügen: In "App" werden Figuren manchmal von Handys gefilmt, meistens unbemerkt. Der Zuschauer erlebt einiger dieser Szenen parallel auf seinem Mobilgerät - aus der Perspektive der Handy-Kamera.

  • Parallelhandlung zeigen: Splitscreens wie in der Serie "24" sind überflüssig, wenn es einen zweiten Bildschirm gibt. Stellenweise läuft bei "App" auf der Leinwand die Haupthandlung, während sich per Smartphone verfolgen lässt, was gleichzeitig woanders passiert.

  • Zusatzinformation liefern: Eine Frau parkt ihr Auto, geht Richtung Gleise. Ein Zug rast durchs Bild. Ob die Figur überlebt hat, lässt sich nicht eindeutig sagen. App-Nutzer wissen mehr: Ihnen wird ein Zeitungsartikel eingeblendet, der die Situation aufklärt.

Der Immersion schadet die Second-Screen-Technik kaum: Obwohl das Vibrieren vom eigentlichen Film ablenkt, helfen etwa die Chat-Nachrichten dabei, Figuren oder Situationen einen Tick interessanter zu machen. Zudem passt der Technikeinsatz zum Filmthema. In manchen Momenten erwischt man sich als Zuschauer aber dabei, eher auf den nächsten Zusatzinhalt gespannt zu sein als auf den Handlungsfortgang.

Für einige Filmfans könnte auch die Technik aber zum Hindernis werden: So müssen Android-Nutzer 135 Megabyte Daten herunterladen, das erschwert einen spontanen Kinobesuch.

Die Werbebranche wartet schon

Obwohl es noch keine konkreten Ankündigungen gab, ist davon auszugehen, dass weitere Filme im Stil von "App" entstehen werden. Besonders die Werbeindustrie hat ein Interesse daran, Mobilgeräte im Kinosaal zu etablieren: Diese würden eine direktere und persönlichere Publikumsansprache ermöglichen. In elf britischen Kinos wird bereits die App "Cineme" getestet, die Nutzern vor und nach dem Film Angebote macht.

Warum Kinogänger freiwillig eine solche Software installieren sollten? Vielleicht aus ganz praktischen Gründen: "Schon fürs Downloaden gibt es kostenloses Popcorn", heißt es in der App-Beschreibung.



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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
doktornick 18.09.2013
1.
Zitat von sysopRaymond van der Bas/APP"App" ist ein besonderer Thriller: Der niederländische Kinofilm dreht sich nicht nur um eine mysteriöse Smartphone-Software, der Zuschauer kann ihn auch teilweise per Mobilgerät verfolgen. Eine Innovation, vor der es manchem Kinofan graut. http://www.spiegel.de/netzwelt/apps/app-der-erste-second-screen-kinofilm-a-922446.html
BITTE NICHT. Die letzten Orte werden auch noch eingenommen. Das Kino ist da, um in der Stille und Dunkelheit das Geschehen vorne zu genießen.
S.Albrecht 18.09.2013
2. Dvd
Klingt nach einer sehr interessanten Technik, die durchaus auch künstlerisch neue Aspekte ins Medium bringen kann, insbesondere dramaturgisch wie in den Beispielen. Aber was wenn man den Film auf DVD sehen möchte? Dann darf der Einsatz nicht übertrieben worden sein, sonst versteht man nichts mehr. Und das schränkt die Einsatzmöglichkeiten leider auch schon wieder ein, da die meisten Filme eine Zweitkarrie auf Silberling oder im TV haben.
Beorn 18.09.2013
3.
Ins Kino gehen wird immer uninteressanter für jemanden, der sich nur einen Film anschauen will. Was nutzt einem Super Tontechnik, wenn ringsherum lautstark Chips und Popcorn gegessen werden. Und jetzt noch Handybildschirme ... .
Maro2 18.09.2013
4. hmmmmm
Zitat von sysopRaymond van der Bas/APP"App" ist ein besonderer Thriller: Der niederländische Kinofilm dreht sich nicht nur um eine mysteriöse Smartphone-Software, der Zuschauer kann ihn auch teilweise per Mobilgerät verfolgen. Eine Innovation, vor der es manchem Kinofan graut. http://www.spiegel.de/netzwelt/apps/app-der-erste-second-screen-kinofilm-a-922446.html
gilt das nur für android oder auch für ios? na das ist doch ein anreiz. ansonsten: abwarten und tee trinken, nicht jede neuerung schlägt gleich ein wie eine bombe. und wenn sie nix taugt, dann verschwindet sie auch wieder still und leise in der versenkung.
zuvo 18.09.2013
5. Freude
Dann muss ich mal schauen das ich diesen Film auch sehe bzw. erlebe klingt ja äußerst Interessant. Ich kann mir aber vorstellen das dies einfach nicht bei jedem Film passt oder das es nicht so klein karierte Leute gibt die sich davon stören lassen.
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