Chat-App für Bahnreisende Selbstgespräch im Zug

Anschreiben statt ansprechen: Mit der kostenlosen App Lokin können sich Bahnreisende in Fernzügen per Chat unterhalten. Macht das wirklich jemand? Ein ernüchternder Selbstversuch.

Identitätswandel im ICE: Plötzlich sehe ich ein fremdes Bild und einen fremden Namen bei meinem Beitrag

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"Jetzt kostenlos einsteigen", lautet das Motto der neuen Messenger-App Lokin für Bahnreisende. Fahrgäste können damit per Chat miteinander in Kontakt kommen. Der Einstieg in den Chatroom ist dabei tatsächlich kostenlos, anders als die Reise mit der Deutschen Bahn.

Eine ähnliche Anwendung gab es bis zum vergangenen Jahr in der Schweiz. Sie wurde allerdings wieder aus den App-Stores genommen, weil sie den Schweizerischen Bundesbahnen zufolge "einfach nicht funktioniert" hat.

"Du willst wissen, was in Deinem ICE und IC los ist?", lese ich auf der Website von Lokin, bevor ich mir das Programm herunterlade. Dabei fällt mir auf, dass ich mich beim Zugfahren noch nie gefragt habe, "was in meinem ICE los ist".

Im Werbespot für Lokin nutzt Annie Friesinger-Postma den Chat, um neue Kontakte zu knüpfen. "Wer kann mir einen Platz freihalten?", tippt die Eisschnellläuferin in ihr Smartphone. Und: "Hat jemand Lust, mit mir einen Kaffee zu trinken?" Im Werbespot haben viele Leute Interesse.

Ich will auch mit einer Olympiasiegerin Kaffee trinken und betrete einen Chatroom. Dass ich eigentlich auf meiner Couch sitze und nicht im ICE, ist dabei kein Problem: Jeder Nutzer kann sich Startbahnhof und Uhrzeit aussuchen und einen beliebigen Fernzug aus einer Liste wählen.

Der aktivste Nutzer ist der Moderator

Weil ich keine Nutzer im Chatroom sehe, schreibe ich: "Guten Morgen, nutzt noch jemand gerade die App?" Nach zwei Minuten antwortet mir ein Moderator von Lokin: "Das Team ist auf jeden Fall da." Auf Anfrage verrät der Moderator, dass es gerade in allen Lokin-Chatrooms nur drei kommentierende Nutzer gibt. Drei Nutzer in allen fahrenden ICEs, ICs und ECs in Deutschland. Die App ist zu diesem Zeitpunkt aber auch nur ein paar Tage alt.

Ich warte stundenlang, aber keiner will mit mir chatten. Trotzdem schickt mir Lokin jede Stunde eine Push-Nachricht. Die App fordert mich auf, die aktuellen News von "Die Welt" zu lesen, denn hinter Lokin steht das Verlagshaus Axel Springer. Ich überlege, ob ich mich noch etwas mit dem Lokin-Moderator unterhalten soll.

Der Lokin-Moderator steht derzeit im Ranking der aktivsten Kommentierer auf Platz eins. 443 Kommentare hat der Moderator seit Mitte Februar geschrieben. Auf Platz zwei steht am Dienstagabend ein Nutzer, der sich "Verschenke Bahncards!" nennt: 90 Kommentare. Ich konnte mir allein durch meine Small Talks mit dem Lokin-Moderator Platz 41 sichern. Mit schlappen sieben Kommentaren.

Obwohl die Anzahl der Kommentare öffentlich dokumentiert ist, will sich eine Sprecherin von Axel Springer nicht zu den Nutzerzahlen äußern. Dafür sei es noch zu früh. Im März soll eine Werbekampagne mit Flyern in 147 Zügen starten, auch Hinweise in Print und Fernsehen sind geplant. Außerdem wollen die Entwickler auf Anregung der Nutzer die App bald auch für Regionalzüge anbieten.

Keine Antwort von Angelina Jolie

Im ICE von Hamburg nach Frankfurt gebe ich Lokin eine zweite Chance. Ich entdecke eine Nutzerin im Chatroom, deren Profilbild stark an Angelina Jolie erinnert. Die will ich treffen. Ich frage unschuldig, ob noch jemand online ist.

Entsetzt stelle ich fest, dass die Nachricht nicht unter meinem Namen erschienen ist. Ich habe unter dem Namen eines fremden Mannes namens Timon gepostet, inklusive fremdem Foto.

In Timons Namen bitte ich den Lokin-Moderatoren um Hilfe, ich vermute einen Fehler in der neuen App. Der Moderator schreibt, er könne keinen Fehler erkennen. Aber er will wissen, wie ich auf Lokin aufmerksam geworden bin. Mit den freundlichen Fragen untermauert er seine Spitzenposition im Nutzer-Ranking.

Erst nach einem Neustart der App heiße ich wieder Sebastian. Ich schreibe Frau Jolie privat an und hoffe vergeblich auf eine Antwort, zwei Stunden und zwei "Welt"-Push-Nachrichten lang. Dabei höre ich um mich herum das Gemurmel der Mitfahrer, die sich ohne Lokin unterhalten.



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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
mangeder 04.03.2015
1. Springer
Gut zu wissen, dass der Kinderkram zum Springer-Konzern gehört, dann sollte man es grundsätzlich nicht nutzen, auch nicht zum Spaß. Wenn man mit der Nutzung indirekt die BILD-Zeitung unterstützt, hört der Spaß nämlich auf!
Hamberliner 04.03.2015
2. schlecht gezielt
Nachdem überflüssiger Müll wie WhatsApp, Twitter und Facebook so gut funktioniert hat war es einen Versuch wert. Vielleicht hat ein Video-Livestream gefehlt, der zeigt, wie ein bezahlter Lockvogel mit Rasta-Zöpfchen, einem Wollsack auf dem Kopf, die Lippen voller Piercings, Baggypants und offenen Schuhen mit einem Skateboard im Zug hin- und herrollt, eine Banane frisst und dabei "uhh-uhh" macht oder mit Rap kommuniziert, wie spannend es doch sei, dass der ICE gerade zwischen Montabaur und Kassel-Wilhelmshöhe unterwegs ist.
alangasi 04.03.2015
3. Von Springer?
Zeigt eigentlich nur eines: Die glauben immer noch an trail and error. 2015 sollte man eigentlich wissen was funktioniert und was nicht.
napu 04.03.2015
4. Alles nur digitaler Mist
Facebook ist genauso. Twitter usw. auch. Nur Belanglosigkeiten und Trolle, die sogenannte "Shitstorms" verursachen und dem Irrglauben aufsitzen, dass das irgendeinen Belang hätte. Früher war das im Zug noch schöner. Da ist man in den Abteilen wirklich mit den Leuten ins Gespräch gekommen. Heute kommt man in ein Abteil und da hocken die Leute wie Autisten mit Kopfhörern von der Umwelt abgeschottet und starren mit leerem Blick auf ein Display, das zwar eine App anzeigt, die App aber genauso leer ist wie die Köpfe der Leute.
tetaro 04.03.2015
5. Was dem Handy-Nutzer noch fehlt
ist eine App, die ihm die momentane Außenwelt auf dem Display anzeigt. Denn wie sollte er die ansonsten wahrnehmen?
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