Chatten ohne Netz Forscher entwickeln Katastrophen-App

Hilfe rufen, Lebenszeichen verschicken: Forscher aus Darmstadt haben eine App für Katastrophen vorgestellt, die ohne Mobilfunknetz läuft. Doch "Smarter" hilft nur kurz beim Überleben - jede Minute zählt.

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Laub fällt auf die frisch gemähte Wiese, Sonnenstrahlen durchdringen die Wolkendecke, es ist ein schöner Herbsttag in Darmstadt. Plötzlich schreit ein Mann um Hilfe. Er zerrt eine scheinbar verletzte Frau über den Rasen und fordert die Passanten in der Nähe auf, rasch einen Notruf abzusetzen. Doch das ist nicht möglich: Das Telefonnetz ist zusammengebrochen. Es herrscht Katastrophenalarm.

Das Krisenszenario haben Mitarbeiter der Technischen Universität (TU) Darmstadt am Freitag für die Präsentation der App "Smarter" simuliert. Gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), einer Behörde des Innenministeriums, haben die Wissenschaftler die Smartphone-Anwendung entwickelt. Sie soll auch dann funktionieren, wenn Mobilfunknetz und Stromversorgung zusammenbrechen.

Die Android-Anwendung soll in Zukunft etwa bei Naturkatastrophen und Cyber-Angriffen dafür sorgen, dass Bürger miteinander chatten können. Mit der App sollen Nutzer auch dann Hilfe rufen können, wenn eine Überschwemmung die Stromzufuhr unterbricht, Funkmasten bei einem Erdbeben umknicken oder kriminelle Hacker das Mobilfunknetz lahmlegen. "Bei vielen Katastrophen fällt die Kommunikation komplett aus", sagt Matthias Hollick, Informatik-Professor an der TU Darmstadt. "Dann ist das Smartphone so viel wert wie ein Backstein."

Smartphones in Reichweite werden infiziert

Mit seinem Team hat er rund drei Jahre lang an der Android-Anwendung getüftelt. Die Idee: Smartphones greifen nicht auf Hotspots oder Mobilfunknetze zu, sondern kommunizieren miteinander wie Funkgeräte. Ein Prototyp der App läuft bereits auf Testgeräten. Der WLAN-Chip in den Smartphones sendet dafür Hilferufe an Geräte im Umkreis von rund 200 Metern. Von dort aus werden die Daten dann weiter gestreut und breiten sich aus wie ein Virus.

Bei jedem Funkkontakt zweier Telefone wird die verschlüsselte Nachricht weitergetragen, bis sie den richtigen Nutzer erreicht. Wenn der Empfänger auf die Nachricht antwortet, beginnt das Spiel von vorn: Er sendet seine Botschaft an Smartphones in der Umgebung und hofft, dass so viele Handys wie möglich infiziert werden, damit seine Antwort irgendwann beim richtigen Nutzer ankommt.

Apple-Nutzern hilft die App derzeit noch nicht

Die App ist schlank programmiert und läuft flüssig. Piktogramme erleichtern die Menüführung, und eine Karte zeigt an, wo jemand Hilfe braucht oder wo Lebensmittel angeboten werden. Der Nutzer kann auswählen, ob er selbst Hilfe rufen will, seine Verwandten um ein Lebenszeichen bitten oder mit seinen Nachbarn Brot, Benzin und Baumwolldecken tauschen möchte. Bei einem Stromausfall hilft die App aber nicht lange beim Überleben: Jede Minute kostet etwa ein Prozent der Akkuleistung. Daran arbeite man noch, sagt Hollick.

Von der Marktreife ist die App ohnehin noch weit entfernt. Auch wenn auf den Testgeräten alles recht rund läuft: Bis "Smarter" zum Download bereitsteht, müssen Entwickler und Behörden noch viele Hürden nehmen. Denn bisher funktioniert "Smarter" nur auf Android-Geräten, für Apple-Nutzer sieht es im Katastrophenfall derzeit schlecht aus.

Außerdem haben die Forscher das Betriebssystem der Smartphones aufgebohrt. Denn eigentlich verbieten die Hersteller, dass die WLAN-Chips für ein Ad-hoc-Netzwerk angezapft werden. "Wir haben gezeigt, dass es geht", sagt Hollick. Nun gehe es darum, dass Hersteller wie Apple und Google ihre Software freigeben für die Notfall-Kommunikation mit anderen Smartphones. Ansonsten braucht es wohl gesetzliche Vorgaben.

Test auf einem Truppenübungsplatz - dann doch ohne Presse

Eigentlich sollte die Katastrophen-App bereits Anfang September der Öffentlichkeit präsentiert werden, also kurz vor der Bundestagswahl. Die Forscher haben die App nämlich mit mehr als hundert Freiwilligen auf einem Truppenübungsplatz bei Paderborn getestet und zu diesem Termin auch Journalisten eingeladen. Allerdings erhielten die Medien - darunter der SPIEGEL - dann aber doch eine Absage für die September-Präsentation.

Nach SPIEGEL-Informationen hatte das Bundesinnenministerium dafür gesorgt, dass die Übung auf dem Militärgelände vor der Bundestagswahl ohne die Presse stattfand - und die offizielle Präsentation auf Oktober verschoben wurde. Eine Sprecherin des Ministeriums sagt, der Test sei ohne Medien durchgeführt worden, "weil Pressearbeit dazu gegen das vor Wahlen bestehende Zurückhaltungs- und Neutralitätsgebot verstoßen hätte".

Im Januar läuft die Forschungsphase an der TU Darmstadt offiziell aus. Dann liegt es am BBK, dafür zu sorgen, dass die App in Zukunft auch jemand betreibt und die Anwendung mithilfe der großen Tech-Konzerne auch wirklich in den App Stores landet.



insgesamt 33 Beiträge
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ford_mustang 22.10.2017
1. Guter Ansatz.
Was ist, wenn mehrere tausend Leute diese App nutzen? lmmer noch zuverlässig? WLan-Sperre der Hersteller muss weg. Denn was nutzt so ein Handy, wenn man es nicht nutzen kann im Notfall? Das Geld bestimmt immer alles. Niemand fragt mehr, ist das sinnvoll? Sondern eas kostet es? Ist es zu teuer, wird es nicht gemacht, sei es auch noch so sinnvoll.
permissiveactionlink 22.10.2017
2. Sicher eine vernünftige Idee,
aber man sollte schon vorab durch Maßnahmen der Gesetzgebung sicherstellen, dass auch im WLAN auf ISM-Frequenzen bei 2,4 GHz das unbegründete Absetzen einer getürkten bzw. vorgetäuschten Notmeldung strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, wie das auch schon in anderen Frequenzbereichen klar geregelt ist (VO Funk). Andernfalls werden wir demnächst aus der Nachbarschaft mit Inhaltsleeren Kommunikationsversuchen nicht nur Halbwüchsiger zugemüllt, was dann der Akzeptanz dieses Verfahrens abträglich ist und die Mobilfunkkunden so abstumpft und nervt, dass im realen Notfall keinerlei Reaktion mehr erfolgt.
heindeburk 22.10.2017
3. Ein langer Weg - dennoch Projektende?
Das Projekt endet, obgleich es erst am Anfang steht? 200 Meter mag in urbanen Räumen ausreichen, im ländlichen Raum versagt die Kommunikationskette beim zweiten oder dritten Knoten. Dann hilft nur der klassische Weg: 200 Meter läuft / geht eine normal bewegliche Person in 30-60 Sekunden. Zudem geht es keineswegs nur um die Verbreitung des Hilferufs. Alle, die mit Notrufen zu tun haben, wissen, dass die Bewertung der Relevanz mindestens ebenso wichtig ist. In einem Szenario wie beim Amoklauf in München würden mehrere Hundert Notrufe aus diversen Stadtteilen tausendfach geteilt. Hilft dann die eingebaute KI?
strixaluco 22.10.2017
4. Den letzten Satz beachten
Mit dem letzten Satz im Artikel enden viele gute Ideen in diesem Land. Die Zeiträume für Forschungsprojekte sind ein Ergebnis politischer Willkür und haben rein gar nichts mit der Dimension der Probleme zu tun, die man damit lösen will. So wird ein grosser Teil des investierten Geldes für sinnlose Bürokratie verbraten, Menschen mit unrealistischen Ansprüchen terrorisiert und ihr Leben in Förderperioden zerstückelt, die Forschung auf bequem zu lösende Randprobleme fokussiert, Schnellschüsse befördert und ein Haufen unlesbarer Literatur fabriziert, weil alle immer wieder von vorn anfangen und viel Text produzieren müssen, damit sie irgendwo Geld bekommen. Es gibt Forschungsbereiche, in denen man auch schnellere Ergebnisse bekommt, die etwas taugen, aber sehr viele Probleme in Medizin, Ökologie, Gesellschaft, technischer Entwicklung und so weiter sind etwas, das eher Generationen beschäftigen kann als drei Leute für drei oder fünf Jahre. So wird das einfach nichts, und abgesehen davon ist es menschlich alles andere als in Ordnung, mit Leuten, die sehr viel Zeit und Mühe in ihre Ausbildung investiert haben, so umzuspringen. Für Probleme, die sich innerhalb von zwei Jahren im Handstreich lösen lassen, braucht man solche Leute eigentlich auch nicht.
curiosus_ 22.10.2017
5. Warum WLAN?
Warum nicht die Mobilfunktechnik GSM zur direkten Verbindung einsetzen? Damit lassen sich im Extremfall (Sichtkontakt) Reichweiten bis 35 km erreichen. Und jedes Mobiltelefon hat die Technik (Sender und Empfänger) an Bord.
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