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Smartphone-App Beme Voyeurismus kann so öde sein

YouTube/ CaseyNeistat

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Ein Blick durch die Windschutzscheibe, ein Nudelteller, Hunde im Garten: Die Video-App Beme ist der Hype der Stunde, vor allem dank künstlicher Verknappung. Wir haben das Netzwerk ausprobiert - und uns mächtig gelangweilt.

Auch dieses Mal hat der Trick mit der künstlichen Verknappung funktioniert: Im Netz balgen sich die Nutzer um Freischaltcodes. Ungefähr jeder, der Social Media auf seiner Visitenkarte stehen hat, will die neue Trend-App Beme testen.

Doch die Codes sind knapp. Nur ab und an rücken die Entwickler neue Einladungen heraus, jedes Beme-Mitglied darf lediglich einen Freund pro Tag einladen. Das führt dazu, dass einige Mitglieder ihre Einladungen bereits für fünf Dollar verkaufen. Damit man die Gratis-App nämlich wirklich nutzen kann, muss sie erst per Code freigeschaltet werden.

Casey Neistat weiß eben, wie man die Werbetrommel rührt. Der Chef des Start-ups ist ein echter Netz-Promi. Mit seinen YouTube-Filmen hat er sich eine Fan-Basis von mehr als 800.000 Abonnenten aufgebaut. In seinen Videos springt er von Klippen, klettert auf den Kilimandscharo und rast mit seinem Fahrrad gegen Polizeiautos. Für beeindruckende Bilder riskiert der Extremsportler manchmal seine Gesundheit. Für Abenteurer wie Neistat scheint die App Beme (sprich [bi:m]) wie geschaffen.

Die Idee hinter dem Programm ist simpel: Die Nutzer pressen sich das Telefon an die Brust, um kurze Videos ihrer Alltagserlebnisse aufzunehmen. Auf diese Weise sollen die Nutzer schöne Momente wie einen Sonnenuntergang mit eigenen Augen betrachten können, obwohl sie gleichzeitig filmen.

Die Videos landen ungefiltert im Netz

Damit das funktioniert, wird die Aufnahme nicht per Startknopf aktiviert, sondern beginnt dann, wenn der Näherungssensor auf der Smartphone-Vorderseite verdeckt wird. Die Funktion ist eigentlich dafür gedacht, dass die Display-Beleuchtung ausgeschaltet wird, sobald sich der Nutzer das Smartphone ans Ohr hält. Wer sich selbst filmen will, der muss das Telefon mit der Bildschirmseite gegen eine Wand drücken oder einen Finger über den Sensor schieben.

Jeweils vier Sekunden lang nimmt Beme auf. Sobald die Aufnahme beendet ist, landet das Video im Netz. Schneiden, aufhübschen, vertonen: Das alles geht nicht. Wer aus Versehen eine peinliche Situation mitgeschnitten hat, der muss damit leben. Die Clips lassen sich im Nachhinein auch nicht mehr löschen.

Im Gegensatz zu Nachrichten-Apps wie Snapchat werden die Videos nicht an private Kontakte verschickt, sondern können in der Timeline aller Beme-Nutzer auftauchen. Auf dieser Timeline wählt man einen Clip per Fingertipp aus und drückt so lange aufs Display, bis das Video beendet ist oder man nicht mehr weiterschauen will. Doch so ein Daumendruck will gut überlegt sein: Denn jeder Clip lässt sich nur einmal wiedergeben, danach verschwindet das Video für immer aus der Timeline.

Clips werden per Selfie kommentiert

Per Selfie kann man zeigen, ob einen ein Strand beeindruckt oder nicht
Beme

Per Selfie kann man zeigen, ob einen ein Strand beeindruckt oder nicht

Beme verzichtet auf "Gefällt mir"-Angaben und Kommentare. Wer sich zu einem Clip äußern will, kann das nur in Form eines Fotos tun. Dafür wischt man während der Wiedergabe mit einem zweiten Finger über den Bildschirm, bis das Live-Bild der Smartphone-Frontkamera erscheint. Wenn der Nutzer mit seinem Gesichtsausdruck zufrieden ist, drückt er auf das Videobild und schickt das Selfie direkt an den Filmemacher.

Das größte Problem bei Beme: Nicht alle Mitglieder sind Abenteurer wie Casey Neistat. Daher ist der ungefilterte Blick auf das Leben der anderen in vielen Fällen ziemlich öde. Die Beme-Mitglieder marschieren mit dem iPhone vor der Brust durch ihre Schlafzimmer, halten die Kamera drauf, wenn ihre Hunde im Garten spielen, und filmen durch das milchige Bürofenster das Nachbargebäude. Spannend ist nur, dass man nie weiß, was im nächsten Clip passieren wird.

Wer gezielt Videoclips von Freunden oder Stars anschauen möchte wie bei YouTube, Instagram und bei Live-Apps wie Periscope und Meerkat, der ist falsch bei Beme. Das Schnipsel-Netzwerk lebt von der Überraschung und dem Spaß am Alltagsvoyeurismus.

Beme könnte interessanter werden, wenn Hollywood-Promis künftig damit ihre Fuhrparks filmen, Journalisten aus Krisengebieten berichten oder Fallschirmspringer ihren Sturz in die Tiefe aufzeichnen. Bis dahin bleibt Beme eine nette Spielerei mit dem Überraschungscharme von Chatroulette. Denn die App offenbart leider auch, dass selbst bei YouTube-Helden wie Casey Neistat der Alltag vor allem daraus besteht, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren und Kollegen bei der Arbeit zu beobachten.



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5 Leserkommentare
ubatuba 24.07.2015
StreetSam 24.07.2015
weltgedanke 24.07.2015
philippalexander.vollmer 24.07.2015
Plasmabruzzler 24.07.2015

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