Digitalkiosk Blendle Drei Stück "Neon" und ein bisschen von der "Zeit", bitte

Warum die ganze Zeitschrift kaufen, wenn nur ein Artikel interessiert? Blendle will den Journalismus-Vertrieb umkrempeln, mit einem Digitalkiosk nach dem iTunes-Prinzip. Ein erster Eindruck aus der Betaversion.

Startseite der Blendle-Betaversion: Im Digitalkiosk ist der Umgangston auffallend freundlich

Startseite der Blendle-Betaversion: Im Digitalkiosk ist der Umgangston auffallend freundlich

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Die Geschichte des Journalismus-Vertriebs ist geprägt von Interessenkonflikten: Da gibt es etwa Promoter, die Passanten Jahresabos unterjubeln, obwohl diese eigentlich nur das angebotene Magazingeschenk interessiert. Oder den Kioskbesitzer, der einem ein "Jetzt kaufen Sie das aber bitte auch" zuraunt, sobald man nur kurz eine Frauenzeitschrift aufschlägt, um einen Eindruck davon zu bekommen, "was Männer wirklich wollen".

Mit Blendle sollen solche für beide Seiten unangenehmen Situationen der Vergangenheit angehören. Hier klickt man als potenzieller Kunde auf Buttons, auf denen "Supernett" steht, und erhält E-Mails mit Sprüchen wie "Schön, dass du hier bist. Oder supersympathiek, wie wir in Holland sagen".

Das aus den Niederlanden kommende Portal ist ein Onlinekiosk, der bald auch in Deutschland startet. Unkompliziert und schnell soll man hier Zeitschriften wie die "Brigitte", die "Computer Bild", den "Stern" und auch den SPIEGEL kaufen können, ebenso die wichtigsten überregionalen Zeitungen, darunter die "Süddeutsche", die "FAZ", die "Zeit" und "Bild". Eine kleine Auswahl, dafür mit großen Namen.

Artikel-Auswahl: Bei Blendle sind viele der wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften vertreten - dafür wenige Nischenmedien

Artikel-Auswahl: Bei Blendle sind viele der wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften vertreten - dafür wenige Nischenmedien

Es gibt bereits ein ähnliches Angebot

Vom Gros der Verlagsangebote unterscheidet sich Blendle: erstens dadurch, dass man keine PDFs zum mühsamen Durchscrollen bekommt, sondern Texte, die sich auch mobil angenehm lesen lassen. Zweitens - und das die eigentliche Revolution - dadurch, dass sich aus den Heften und Zeitungen einzelne Artikel kaufen lassen. Dieses Prinzip hat kürzlich auch schon Pocketstory nach Deutschland gebracht, jedoch in geringerem Umfang.

Blendle ist gerade in der Betaphase, doch eine Ahnung von den Preisen bekommt man bereits: Aktuell gibt es etwa die aktuelle "Stern"-Titelgeschichte und ein "Brigitte"-Ernährungsdossier für jeweils 65 Cent. Die "Seite Drei"-Reportage der "Süddeutschen Zeitung" kostet 79 Cent, eine "Welt"-Kurzmeldung 15 Cent. Kauft man einen Einzelartikel, sinkt auch der Gesamtpreis des Hefts, für den Fall, dass man anschließend gern doch den Rest hätte.

Dieses Konzept ist gut und logisch: Zumindest bei mir kommt es oft vor, dass mich in Zeitungen oder Zeitschriften nur ein einzelner Artikel interessiert, etwa, weil er auf Twitter empfohlen wurde oder von einem bestimmten Autoren stammt. Für diesen einen, womöglich kurzen Text will ich nicht mehrere Euro ausgeben müssen.

Durchklicken der "Sport Bild": Ein Minitext aus dem Heft kostet einzeln nur 1 Cent, das Editorial des Hefts aber 49 Cent

Durchklicken der "Sport Bild": Ein Minitext aus dem Heft kostet einzeln nur 1 Cent, das Editorial des Hefts aber 49 Cent

49 Cent für ein paar Zeilen?

Während Blendles Preisniveau gerade bei längeren Artikeln angemessen wirkt, hat das Portal bislang auch Angebote, die zögern lassen: Warum etwa soll ich für das superkurze "Sport Bild"-Editorial 49 Cent zahlen? Da kann ich das Heft auch kurz am Kiosk aufblättern. Und habe ich den ein oder anderen Zeitungstext nicht schon kostenlos online gesehen?

In jedem Fall regt Blendle auch Menschen abseits der Medienbranche an, über den Wert von Texten nachzudenken: Beim virtuellen Durchblättern der Hefte - es gibt dafür eine gut bedienbare Web-App - stellte ich mir mehrfach die Frage, welche Inhalte ich wirklich interessant finde und welche ich nur lese, weil sie in Heften einfach vorhanden sind und ich in dem Moment nichts Besseres zu tun haben.

Braucht es zum Beispiel all die kleinen Zeitungsmeldungen, all diese Infokästen in Magazinen? Für sich stehend und mit Preisschild dran reizen sie mich nicht, beim Durchblättern eines ganzen Heftes oder einer ganzen Zeitung dagegen sind sie sinnvoll, da sie dem Produkt einen Rhythmus und Abwechslung geben.

Virtuelles Durchblättern der Zeitschrift "Neon": Einige spezielle Inhalte wie etwa eine Grafik mit Entscheidungspfeilen kann man nicht einzeln kaufen

Virtuelles Durchblättern der Zeitschrift "Neon": Einige spezielle Inhalte wie etwa eine Grafik mit Entscheidungspfeilen kann man nicht einzeln kaufen

Anders als Netflix, Spotify und Co.

Blendle erinnert mich an meine ersten Kontakte mit Angeboten wie iTunes. An die Zeit, in der ich begann, keine ganzen Alben, keine Gesamtwerke mehr zu kaufen, sondern nur noch einzelne Songs. Weil das plötzlich möglich war und weil ich wirklich selten jedes einzelne Lied gut fand. iTunes gab mir als Kunde neue Freiheit.

Ich teile nicht so sehr die Sorge mancher Medienschaffender, dass Blendle Redaktionen dazu bringt, nur noch Inhalte zu produzieren, die sich massenhaft verkaufen lassen, also etwa launige Sex-Tipps statt Reportagen über die Krankenversorgung in Griechenland. Dafür sehe ich zumindest konkret bei Blendle zu wenig Massenmarktpotenzial, der Dienst ist eher etwas für Menschen, die wirklich gern und vor allem gezielt journalistische Texte lesen.

Problematischer ist, dass auch iTunes schon einige Jahre auf dem Buckel hat: Die Auseinandersetzung mit Einzelinhalten wirkt in Zeiten von Netflix, Spotify und Co. ein wenig gestrig. Bei Musik und Videos gewöhne ich mich gerade daran, viele Inhalte jederzeit verfügbar zu haben, zu einem monatlichen Festpreis. Und ich finde es wahnsinnig bequem, nicht ständig über den Preis nachdenken zu müssen. Blendle ist da anstrengender.

Ein gut nutzbarer Dienst

Grundsätzlich kann ich der Betaversion des Dienstes trotzdem viel Positives abgewinnen. Dank einer Geld-zurück-Funktion wirkt das Angebot zum Beispiel äußerst nutzerfreundlich. Außerdem ist Blendle so einfach zu bedienen und mit so vielen interessanten Medien bestückt wie kein anderer deutschsprachiger Digitalkiosk. Da fällt auch Readly ab, das bislang größte Flatrate-Angebot für Zeitschriften.

Und selbst wenn "Blendle" nur das iTunes-Pendant des Journalismus ist und nicht das zu Netflix: So etwas als Nutzer überhaupt einmal zu haben, wenn auch erst 2015, ist ein begrüßenswerter Fortschritt. Beim virtuellen Blättern durch Zeitungen und Zeitschriften besteht zumindest nicht mehr die Gefahr, dass einen der Kioskbesitzer blöd von der Seite anmacht.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
nurEinGast 20.08.2015
1.
wird sich nicht durchsetzen, unnötig, darüber auch nur nachzudenken.
paulhund123 20.08.2015
2. Na endlich!!!
Wurde ja auch mal Zeit, dass man selektiv Artikel lesen und einkaufen kann. Habe ich lange drauf gewartet. Auch SPON sollte einzelne Artikel aus dem Spiegel für ein paar Cent anbieten.
roughneckgermany 20.08.2015
3.
@2: Oben im Text ist zu lesen, dass der Spiegel online vertreten ist. Grundsätzlich ist so ein Angebot längst überfällig!
Rainer Helmbrecht 20.08.2015
4.
Zitat von paulhund123Wurde ja auch mal Zeit, dass man selektiv Artikel lesen und einkaufen kann. Habe ich lange drauf gewartet. Auch SPON sollte einzelne Artikel aus dem Spiegel für ein paar Cent anbieten.
Ich weiss weder wieviel Lebenserfahrung Sie haben. Aber bei dem System gibt es nur einen Gewinner, das ist der Verlag. Der kurzen Zeit in der der Leser etwas spart, folgt eine lange Zeit, in der der Verlag einen Vorteil hat. Außerdem verführt das Verkaufen von Themen dazu, dass man sich nicht mehr Allumfassend informiert, so dass nur noch Schlagzeilen den Wert einer Zeitung bestimmen. Überschriften à la Bild " tödlicher Unfall, alle Leben" bestimmen die Bildung in Deutschland. Gezielte Selbstkastration der Leser. MfG. Rainer
boer640 20.08.2015
5.
Die Idee an sich ist nicht schlecht. Die Frage ist, wohin sich das entwickelt. Werden die Überschriften immer reisserischer? Werden die Artikel günstiger, je älter sie werden? Vielleicht gibt's ja hier auch irgendwann ne Flatrate. Hauptsache nicht so teuer wie bei den Wissenschaftsverlagen! Und gruselig: direkt unter dem Artikel steht bei mir grad: "Daniela Katzenberger ist Mutter geworden" Ob es Leute gibt, die dafür Geld bezahlen würden?
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