Bundes-Alarm-App NINA Sirene für die Hosentasche

Ein Sturm kommt, ein Atomkraftwerk geht hoch, ein Damm bricht - und niemand kriegt es mit? Künftig soll die Bevölkerung per App vor Katastrophen gewarnt werden. Der Krisenmanagement-Experte Florian Roth erklärt, was die App kann und was ihr fehlt.

Vorbereitung auf Sturm "Sandy" in den USA: Mobile Technologie spielt seitdem eine zentrale Rolle in der Krisenbewältigung
REUTERS

Vorbereitung auf Sturm "Sandy" in den USA: Mobile Technologie spielt seitdem eine zentrale Rolle in der Krisenbewältigung


In der Krise zählt jede Minute. In dem Moment, in dem irgendwo in Deutschland ein Hochwasserdamm bricht oder eine radioaktive Wolke über einem Atomkraftwerk aufsteigt, ist wenig Zeit, die Bevölkerung zu warnen. Jede Verzögerung kann dann Menschenleben kosten.

Die einst flächendeckend vorhandenen Sirenen wurden nach dem Ende des Kalten Krieges größtenteils abmontiert. Die Bedrohung aus dem Osten war verschwunden und die Instandhaltung des Sirenensystems teuer. Ohne regelmäßige Alarmübungen wäre die Bevölkerung zudem kaum in der Lage, richtig auf die unterschiedlichen Sirenensignale zu reagieren. Deshalb müssen sich die Sicherheitsbehörden für den Katastrophenfall bislang vor allem auf Radio und Fernsehen verlassen. Diese allerdings erreichen im digitalen Zeitalter immer weniger Menschen.

Um die drohende Lücke in der Informationsverbreitung zu schließen, hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe jüngst feierlich NINA präsentiert. NINA ist die Abkürzung für 'Notfall-Informations- und Nachrichten-App', das erste offizielle Alarmierungsinstrument des Bundes für die Generation Smartphone. Für die deutsche Krisenkommunikation ein wichtiger Schritt nach vorn.

Eine App soll Leben retten

Gegenwärtig hat bereits mehr als die Hälfte der Deutschen ein Smartphone - Tendenz steigend. Mit der neuen Alarm-App können diese im Notfall zu Lebensrettern werden. Hierzu sammelt NINA amtliche Warnmeldungen von Bund und Ländern sowie weitere wichtige Daten wie Pegelstände und Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes und stellt sie auf einer Online-Karte dar. Befindet sich der Nutzer im betroffenen Gebiet, schickt die App zudem selbstständig eine Warnung.

Hierzu nutzt das System den Vorteil, dass Smartphones mithilfe von Funkmasten, WLAN-Knotenpunkten und eingebauten GPS-Sensoren meistens präzise lokalisierbar sind. Der Nutzer wird somit nur dann gewarnt, wenn in seiner Nähe Gefahr droht. Außerdem erlaubt die App, Warnungen an weitere Kontakte per E-Mail oder SMS weiterzuleiten, was nützlich ist, um beispielsweise Familienmitglieder ohne Smartphone zu erreichen. Schließlich bietet NINA noch eine ganze Reihe nützlicher Tipps, wie man sich vor Unwettern und anderen Katastrophen schützen kann und sich in einem Ernstfall verhalten soll.

Ungenutztes Potenzial

Ernüchternd ist jedoch, dass die deutschen Bevölkerungsschützer die Möglichkeiten der Technik weiterhin nicht annähernd ausschöpfen. Welches enorme Potenzial hier ungenutzt bleibt, zeigt ein Blick in die USA, wo spätestens seit Hurrikan "Sandy" mobile Technologien eine zentrale Rolle in der Krisenbewältigung spielen.

So zeigt die Alarm-App der US-Katastrophenschutz-Behörde FEMA nicht nur den Ort der Gefährdungen an, sondern navigiert den Nutzer direkt zum nächstgelegenen Schutzraum. Zudem werden die Millionen Smartphones auch noch gleich für die Sammlung von wichtigen Informationen genutzt: Sieht ein Nutzer eine Gefahr, beispielsweise einen Brand oder einen aufgeschwemmten Damm, kann er über die FEMA-App direkt ein Foto oder Video hochladen. Mithilfe der modernen Technik wird der Bürger somit zum aktiven Mithelfer. Im deutschen System hingegen bleibt die Bevölkerung primär Informationsempfänger.

Dabei besteht in der Forschung weitestgehend Konsens, dass der Erfolg der Krisenkommunikation davon abhängt, ob es gelingt, der Bevölkerung das Gefühl zu vermitteln, dass es im Krisenfall auf ihre Mitarbeit ankommt. Technische Lösungen wie NINA reichen hierfür nicht aus.

Notwendig ist vielmehr vor allem ein offener Dialog über die Grenzen des staatlichen Katastrophenschutzes und über die Verantwortung jedes Einzelnen im Umgang mit den Risiken unserer Zeit.

Zur Person
  • Annabelle Höpfer
    Dr. Florian Roth untersucht am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich wie sich komplexe gesellschaftliche Systeme gegenüber Katastrophenrisiken schützen lassen. Einen Forschungschwerpunkt bildet hierbei der Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien zur Förderung risikobewussten Verhaltens der Öffentlichkeit.

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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
aleksander.pavkovic.7 15.07.2015
1. Noch ein Fehler von NINA: Thema Barrierefreiheit
Nicht nur das interaktive Potenzial einer solchen Warn-App wird bisher unzureichend genutzt. Bei der Entwicklung der App wurde bisher auch zu wenig darauf geachtet, dass z. B. die Nutzung bei Sehbehinderung oder Blindheit möglichst vollständig gewährleistet ist. Die in iOS eingebaute Sprachausgabe "VoiceOver" spielt (noch?) nicht optimal mit NINA zusammen. Die Entwickler sind informiert und werden hoffentlich bald reagieren.
Erich91 15.07.2015
2. Genial
das hätten wir in den letzten 20 Jahren bereits 1000de Male gebraucht.
j.vantast 15.07.2015
3. Aha
Und wozu gibt es trotz der ganzen modernen Technik auch in ländlichen Gebieten (mit guter Netzabdeckung) immer noch die Feuerwehrsirenen?
watch15 15.07.2015
4. Ist wohl ein Witz diese App!
Warum soll ich dieser App Zugriff auf Identität, Adressbuch, Medien und sonstwas einräumen ... da kann ich gleich den Bundestrojaner installieren. Wer sammelt die Daten und wozu? ... dafür dass ich vielleicht eine Meldung über eine Reaktorkatastrophe als Erste bekomme?
hbr1081970 15.07.2015
5. Warum ne app?
in china werde ich bei Gefahr in Verzug per SMS von meinem Provider gewarnt. am Wochenende z.b. war Taifun-alarm. kis -keep it simple gilt auch hier
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