Was wurde aus... Chatroulette? Penis, Penis, Brusthaar, Penis

Videochats mit Fremden, rund um die Uhr und die Welt: 2010 war der Netzdienst Chatroulette schwer angesagt. Und heute? Wir waren online - und haben einige Nutzer beim Onanieren erschreckt.

Gremlin Gizmo
SPIEGEL ONLINE

Gremlin Gizmo

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Gizmo polarisiert. Mit wackelnden Ärmchen und Beinchen bittet er vor der Kamera um einen Snack nach Mitternacht. "Das macht mir Angst", ruft ein erwachsener Mann. Ein anderer sagt: "Das ist gruselig, was du machst." Andere reagieren mit "Stilvoll!" oder "Witzig, Bro", ein älterer Mann reckt den Daumen nach oben. Und wieder ein anderer schnauzt: "Du verdammter Idiot!" Vielleicht ist er sauer, weil ich ihn mit Gizmo beim Masturbieren aus dem Takt gebracht habe.

Ich bin als und mit Gizmo auf Chatroulette, einer Webplattform, die wie er aus der Zeit gefallen wirkt. "Gremlins - Kleine Monster" lockte in den Achtzigerjahren Millionen ins Kino, wohl auch, weil die sogenannten Mogwais im Film so süß aussahen - jedenfalls solange, wie sie nicht mit Wasser oder Sonnenlicht in Kontakt kamen oder nach Mitternacht gefüttert wurden.

Chatroulette wiederum ist ein Videochat-Dienst, der nach dem Zufallsprinzip zwei Nutzer miteinander verbindet. Sie können miteinander Zeit verbringen, bis der erste genug hat und auf den Button "Next" drückt.

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Chatroulette: Kultprogramm aus dem Kinderzimmer

Im Frühjahr 2010 gab es einen weltweiten Hype um das Portal. Allerorts berichteten Redaktionen fasziniert und warnend über den "Menschenzoo" im Internet, den der 17-jährige Russe Andrej Ternowskij Ende 2009 erfunden hatte. Die erste Chatroulette-Version hatte der damalige Elftklässler angeblich in "zwei Tagen und zwei Nächten durchprogrammiert".

Heute treffe ich hauptsächlich drei Gruppen auf Chatroulette

Acht Jahre später wirkt Chatroulette wieder wie ein erster Prototyp. Der Dienst war zeitweise mit Werbeanzeigen und einer Premium-Funktion bepackt, seit einiger Zeit jedoch besteht er nur noch aus zwei Videofenstern. Sogar der Textchat, den es lange ergänzend zum Videochat gab, wurde abgeschaltet. "Du benutzt eine neue Version von Chatroulette, die sich derzeit in der Entwicklung befindet", erklärt ein Hinweis.

In meinem Test muss ich nie lange auf einen Gesprächspartner warten. Offenbar sind längst nicht alle Internetnutzer, die Zufallsbegegnungen mögen, zur Konkurrenz von Omengle oder Monkey abgewandert.

Dafür wirkt Chatroulette, als würde es vorwiegend noch von drei Gruppen benutzt. Erstens: Angetrunkene Männerrunden, die sich mit Alkohol in der Hand vor die Webcam quetschen, meistens aus Südamerika. Zweitens: Männer, die offenkundig gelangweilt von Chatpartner zu Chatpartner klicken, allein auf der Couch, auffallend oft mit Zigarette im Mund.

Und dann sind da noch die Männer, die sich im Schritt rumspielen, die vielleicht typischsten Chatroulette-Nutzer. Schon immer war die Plattform berühmt-berüchtigt dafür, dass einem dort häufig erigierte Geschlechtsteile begegnen - mal mit, meist ohne zugehöriges Gesicht.

Auch mir begegnen diese Typen: Mehr als 20 von 50 Zufalls-Chatpartnern befummeln sich zwischen den Beinen. Manch anderer zeigt nur Brusthaar, scheint aber jederzeit zum Kameraschwenk nach unten bereit. Zum Glück drücken diese Typen Gizmo und mich meist noch schneller weg, als ich sie.

Nicht ohne Kostüm - oder Maskottchen

Gizmo habe ich mir als Hilfe fürs Kontaktaufnehmen mit den Fremden genommen, er sitzt sonst auf dem Wohnzimmerregal. Wie mein 2010er-Ich findet es auch mein Ich von heute noch immer unangenehm, sich unverkleidet und mit unverstellter Stimme im Netz zu präsentieren, schon aus Sorge, alles könnte mitgeschnitten werden.

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Fotostrecke: WWW-Geschichte - Historische Websites

2010, erinnere ich mich, habe ich mit Kumpels mal einen kompletten Samstagabend auf Chatroulette verbracht: In Kostümen aus der Karnevalkiste meiner Eltern sahen wir alle ziemlich blöd, für Dritte aber wohl auch interessant aus. Damals war Chatroulette und Livestreaming noch so neu und aufregend, dass wir uns entschieden, dafür mal einen Abend zu opfern, den wir sonst vielleicht in einer Ruhrpott-Großraumdisko verbracht hätten, also quasi im Offline-Menschenzoo.

Hinter jedem Wegdrücken konnte etwas irre Lustiges oder Schockierendes warten, von Musikern, die ihr Gegenüber besangen bis aufwändig inszeniertem Selbstmord. Und damals hatten auch die Penisse noch einen Schockeffekt. Heute drücke ich sie mit einer Routine weg, als würde ich Küchenfliegen verscheuchen. Muss ich nicht haben, aber auf Chatroulette hatte ich nichts anderes erwartet.

"JEDER hier ist nackt!"

Überraschen kann der Zustand von Chatroulette wohl nur Nutzer, die zur besten Zeit des Dienstes noch jünger waren als ich. Der YouTuber ConCrafter etwa, 22, veröffentlichte im Januar ein Video namens "Mein 1. Mal Chatroulette". "JEDER hier ist nackt!", fasste er darin seinen ersten Eindruck in Worte: "Was ist los mit dieser Plattform?" Drei seiner vier ersten Videokontakte verpixelte er für seinen YouTube-Clip lieber.

Lese ich heute alte Medienberichte über Chatroulette, muss ich schmunzeln, wie viele Autoren es 2010 absurd fanden, dass sich Menschen überhaupt live im Netz exponieren, ob nun nackt, normal bekleidet oder wie wir im Karnevalskostüm. Auch auf SPIEGEL ONLINE war von einer "Aufmerksamkeitshölle" die Rede, "in der der Mensch zum Zapp-Objekt verkommt".

Instagram wurde übrigens im Oktober 2010 gegründet. Bei Tinder kann man seit 2012 Tausende zeigefreudige Flirtwillige nach links oder rechts wischen und seit 2015 bieten fast alle großen Social-Media-Plattformen Livestreams, von Twitter bis Facebook. Und heute kann man sogar per Virtual Reality Leute kennenlernen.

Fast keine Frauen

Meine netteste Begegnung hatte ich auf Chatroulette jetzt übrigens mit einem jüngeren Mann, der kurz aus dem Bild verschwand, um dann eine Figur des Droiden BB-8 aus "Star Wars" vor seine Kamera zu stellen. Irgendwo auf der Welt saßen so im Jahr 2018 ein Gremlin und ein Droide vor Webcams und ihre Besitzer versuchten, sich zu unterhalten. Ein lustiger Moment, in dem es mich freute, dass Chatroulette überhaupt noch im Netz steht - wenn auch nur in einer abgespeckten Form.

Frauen scheinen auf der Plattform übrigens kaum noch unterwegs zu sein. Bei meinen 50 Videochats begegneten mir gerade mal zwei. Die eine drückte sofort "Next", die andere sagte: "Dein Gesicht ist hässlich".

Im Video: Leben ohne Masturbation und Pornos

dbate.de


insgesamt 2 Beiträge
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dasfred 09.10.2018
1. Also das mit den Karnevalskostümen
Tja, das ist Mal eine Überlegung wert. Plus sehr viel Alkohol. Ich kannte Chatroulette nur aus einer alten Southpark Folge, in der Eric Cartman vorm PC sitzt und beim weiterklicken so ziemlich die Überschrift des Artikels vor sich hin brabbelt.
mariomeyer 09.10.2018
2. Yo!
Ein ebenso informativer wie amüsierlicher Artikel! Bitte mehr davon! Nur eine Frage stellt sich mir: Wenn so viele männliche Nackedeis bei Chatroulette unterwegs sind, obwohl man dort offenbar eher zufällig auf Frauen trifft - was sagt das über die Benutzer dieser App aus?
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