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Cinemagramm-Apps im Test: Zeit, dass sich was dreht

Von Tom Sundermann

Bewegte Bilder, aber kein Video: Mit Cinemagrammen lassen sich mehrere Sekunden auf ein einziges Foto bannen - rotierende Ventilatoren, winkende Katzen. Mit Apps fürs Smartphone geht das ganz einfach. Was ist das Geheimnis einer perfekten Momentaufnahme?

Fotostrecke: Die besten Cinemagramme von Nutzern der Community Reddit Fotos
Albrecht Sensch

Es ist nur ein kleines Detail, doch es wirkt hypnotisch: Der Mann mit kurzen grauen Haaren sitzt am Tisch eines kleinen Bistros. Blättert durch ein Magazin. Und blättert immer weiter, unaufhörlich. Die immergleiche Handbewegung lenkt davon ab, dass auf dem Bild sonst nichts passiert - nicht einmal auf dem Fernseher an der Decke. Die Szene erscheint wie eingefroren, wäre da nicht das hypnotische Blättern.

Cinemagramme heißen solche Mini-Szenen, festgehalten im GIF-Format, das mehrere Einzelbilder in einer Datei speichert und in Endlosschleife abspielt. Die digitalen Daumenkinos verbreiten sich rasant im Netz, weil Smartphone-Apps den Nutzern bei der Aufnahme helfen. Mindestens vier davon stehen bereits im iPhone-Appstore bereit. Mit ihrer Hilfe sind Cinemagramme nicht nur fix hergestellt, sondern lassen sich über soziale Netzwerke auch mit Freunden teilen. Damit eignen sich die Apps auch für Urlaubsfotografen, die ihre Diashow aufpeppen wollen: Auf einem Cinemagramm fließen die Niagarafälle über die Klippen, auf der Golden Gate Bridge fahren die Autos - solange sich etwas bewegt, lässt sich auch ein GIF daraus machen.

Die Poesie des Augenblicks festhalten

Das Foto mit dem Bistro-Gast stammt aus Maastricht, dort hat es der deutsche Student Albrecht Sensch aufgenommen. "Das ist so, als würde man die Zeit anhalten, aber manche Objekte gehorchen nicht", sagt er. Mal sind die bewegten Bilder witzig, mal rührend - fast immer aber strahlen sie eine Art Poesie aus. "Die Bewegung stößt dich auf ein Detail, das du sonst vielleicht nicht bemerkt hättest", sagt Sam Garfield. Wie Sensch veröffentlicht er seine Bilder in der Community Reddit - dort finden sich täglich mehr Fans zusammen.

Die meisten generieren ihre Cinemagramme nicht am Computer, sondern nutzen eine der Apps fürs eigene Handy. Das Prinzip ist bei allen gleich: Zuerst nimmt der Nutzer ein Video auf oder importiert es aus dem Fotoalbum, dann wählt er den Abschnitt aus, in dem die Bewegung stattfindet. Den Animationsbereich malt er mit dem Finger auf ein Standbild des Videos. So entsteht eine durchscheinende Maske im Bild, unter der das Video abgespielt wird - die Bewegung wird sichtbar. Außerdem bieten alle Apps Bildfilter, mit denen das Motiv einen antiquierten Touch bekommt, etwa den einer Polaroid- oder Lomo-Kamera, wie man das von Retrofoto-Apps wie Instagram oder Hipstamatic kennt.

Ein Internet-Relikt feiert Auferstehung

Flixel heißt eins der iPhone-Programme. Es stammt von einem gleichnamigen Start-up-Unternehmen im kanadischen Toronto und gewinnt nach eigenen Angaben derzeit täglich mehrere tausend Nutzer dazu. Der 29-jährige Mitgründer Mark Homza sagt: "Wo ein Fotograf nur an die Komposition denkt, geht ein Flixel-Nutzer weiter. Er muss ja auch an eine Bewegung denken, die sich immer wieder wiederholen lässt."

Den Charme der Bewegtbilder sieht er allerdings nicht nur in der neuen Art der Fotografie, sondern auch in der eigentlich überholten Technik: GIF-Bilder sind ein Relikt des Internets. Früher nervten sie als drehende @-Zeichen oder hüpfende Cartoonfiguren auf privaten Homepages. Als diese Zeit vorbei war, starb das Format online fast aus.

Den neuen Lebenshauch lieferten die New Yorker Fotografen Jamie Beck und Kevin Burg. Im vergangenen Jahr fingen sie Augenblicke der New York Fashion Week als GIF ein und stellten sie online. Das Konzept begeisterte zunächst eine Brauerei, die ihre Homepage mit Cinemagrammen von Beck und Burg aufhübschen ließ - dann machte sich der Trend im Netz breit.

Digitale Hypnose

Dort eifern die Nutzer nun um die schönsten, die magischsten Schnappschüsse. "Absolute Stille, kombiniert mit einer subtilen Bewegung", so beschreibt Homza das perfekte Cinemagramm. Besonders spannend sind Bilder, in denen eine Bewegung eingefroren ist, während die andere wiedergegeben wird - etwa ein einzelner Mann, der sich in einer Menschenmenge umdreht. So lässt sich ein Akzent setzen, mit dem anfangs niemand gerechnet hat. Ist die Bewegung besonders klein und unauffällig, wird das Bild möglicherweise sogar zum Suchrätsel - und macht den Traum eines "Cinematografen" wahr: Es hypnotisiert den Betrachter.

Können Sie GIF?
  • Tom Sundermann
    Machen Sie auch animierte GIFs? Nutzen Sie eine App oder arbeiten Sie klassisch mit Rechner und Bildbearbeitungsprogramm? Schicken Sie uns Ihre Meisterwerke an netzwelt@spiegel.de, Stichwort "Cinemagramme", mit der Einwilligung, die Bilder bei SPIEGEL ONLINE honorarfrei zu zeigen und einem Satz zu Ihrer Methode - die schönsten präsentieren wir in den nächsten Tagen.

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insgesamt 31 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wallpaper/Hintergrund
herrdörr 10.05.2012
Weiß jemand, ob und wie es möglich ist, ein Cinemagram als Wallpaper zu verwenden?
2. Wahnsinn!
herkurius 10.05.2012
"Der Spiegel" hat das Animated Gif entdeckt!! Und das bereits nach 25 Jahren!!!
3. Noch mehr Müll auf dem Schirm
WernerS 10.05.2012
Ich hoffe die Adblocker machen diesem wackelndem Unsinn schnellstens den Garaus. Beim offline zeitunglesen wedelt einem ja auch niemand mit dem Paddel vorm Gesicht herum.
4. Von wegen letztes Jahr wiederentdeckt...
joerghennicke 10.05.2012
Animierte gifs sind schon seit einigen Jahren wieder beliebt, z. B. hier auf diesem Tumblr mit Filmzitaten: http://iwdrm.tumblr.com/
5. Huebsch!
disi123 10.05.2012
Zitat von herkurius"Der Spiegel" hat das Animated Gif entdeckt!! Und das bereits nach 25 Jahren!!!
es geht doch um die 'app' und nicht das gif Format an sich? Als ich noch so verspielt war hatte ich damals Gimp genommen, um z.B. einen animierte Foren Avatar zu erstellen.
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