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Neue Geschäftsfelder: Die Lebenserleichterungs-Apps

Eine Kolumne von Thomas Schulz, San Francisco

Auch wenn es oft nur um Luxusprobleme von Großstädtern geht: Das Silicon Valley glaubt, den gesamten menschlichen Alltag mit Technologie revolutionieren zu können. Die nächsten Ziele: Kochen und Gesundheit.

Jogger in Boston: Das Smartphone als Fitnessgerät Zur Großansicht
REUTERS

Jogger in Boston: Das Smartphone als Fitnessgerät

An dieser Stelle berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz in einer wöchentlichen Kolumne aus dem Silicon Valley und blickt hinter die Kulissen der digitalen Revolution, die rund um die Welt Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Erlebte Aufstieg und Fall der New Economy bei einem Frankfurter Internet-Start-up. Seit 2001 beim SPIEGEL. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.

Es ist nicht leicht, jede Woche die Welt neu zu erfinden. "Think Big" ist das Motto, das im Silicon Valley jeder Gründer eingeimpft bekommt: Das Ziel jedes Start-ups müsse sein, die Welt zu verändern. Zumindest ein bisschen. Inzwischen kommen jede Woche ein Dutzend neuer Start-ups hinzu, die irgendwie revolutionär sein wollen, die verzweifelt eine Nische suchen, die sich noch technologisch umkrempeln lässt.

Künstliche Eier aus Pflanzenproteinen sollen die Biomärkte erobern, elektronische Zigaretten, schick wie Apple-Geräte, die Tabakindustrie überrumpeln, Roboter in der Landwirtschaft den Bauern ersetzen. Dass die Ideen immer schräger werden, ist die unvermeidliche Folge der ständig zunehmenden Techno-Gläubigkeit: Im Zweifelsfall wird mit einer App alles einfacher und besser.

Die Digitalisierung pflügt tatsächlich seit Jahren eine Branche nach der anderen um, weil Internet und Automatisierung vieles simpler oder effizienter und im besten Fall überhaupt erst möglich machen. Entsprechend versuchen Strategen und Geldgeber nun systematisch eine Industrie oder Dienstleistung nach der anderen zu identifizieren, die reif ist "disrupted" zu werden. "Disrupt" heißt durcheinanderbringen oder stören und ist das Lieblingswort im Silicon Valley. Gemeint ist, dass alteingesessene Unternehmen, traditionelle Geschäftsmodelle oder Lebensgewohnheiten auf den Kopf gestellt und neu organisiert werden sollen.

Die Hotelbranche wird von AirBnB disrupted. Die Taxibranche von Apps wie Uber und MyTaxi. Wann immer ein neues Feld identifiziert ist, stürzen sich inzwischen umgehend Dutzende Start-ups darauf.

"Wir glauben, dass die nächste Erfolgsgeschichte aus dem Markt für Essen kommt", sagt Shervin Pishevar, Chef des bekannten Wagniskapitalgebers Sherpa Ventures. Im April hat Sherpa Ventures zusammen mit anderen Geldgebern 28 Millionen Dollar in ein Start-up namens Munchery investiert.

Die Idee: Jeden Morgen wird ein wechselndes Angebot aus rund einem Dutzend Gerichten erstellt, die von den Köchen bekannter Restaurants aus der Umgebung zubereitet werden. Statt Pizza oder Nasigoreng gibt es für knapp elf Dollar dann etwa Schweinelende mit Fenchel oder Schwertfisch mit Quinoa-Salat. Das fertige Gericht wird zu einer verabredeten Zeit geliefert und muss nur im Ofen aufgewärmt werden. Munchery ist dabei nur ein Konzept unter vielen.

San Francisco wird zum Versuchslabor

Reihenweise nutzen Start-ups San Francisco als Versuchslabor dafür, wie sie vor allem Berufstätigen das Einkaufen und Kochen abnehmen oder wenigstens erleichtern können. Spoon Rocket etwa verspricht "das bequemste Essen aller Zeiten" und will innerhalb von 15 Minuten eines der ausgewählten Tagesgerichte liefern. Andere, wie Blue Apron, Plated oder Fresh Dish, liefern Rezepte und alle dafür benötigten Zutaten schon zusammengestellt und vorbereitet. Für knapp zehn Dollar pro Person und Gericht kann man sich so für jeden Tag in der Woche alle Bestandteile für das Abendessen anliefern lassen und muss quasi nur noch alles in Topf oder Pfanne schmeißen.

All solche Ideen, die irgendwie so aussehen, als könnten sie bei gestressten Großstädtern ankommen, sind den Geldgebern sehr viel Geld wert. Der Rezeptdienst Blue Apron etwa wird mit 500 Millionen Dollar bewertet.

Weil das Thema Kochen schon so überlaufen ist, weichen inzwischen reihenweise Start-ups auf andere Haushaltstätigkeiten aus. Sehr beliebt: Waschen. Da gibt es zum Beispiel Washio, Pressbox, Brinkmat und Rinse. Sie alle bieten an, die Wäsche abzuholen, reinigen zu lassen und wieder vor der Tür abzuliefern. Die Apps dazu sind elegant, die Hemden kommen in schicken Verpackungen zurück und manchmal heißen die Fahrer nicht Fahrer, sondern haben Namen, die irgendwie cool klingen sollen. "Ninja" zum Beispiel.

Das Magazin "The Economist" hat den Boom digitaler Geschäftsmodelle als "kambrische Explosion" bezeichnet: Wie das Erdzeitalter, in dem die Artenvielfalt explodierte, sei nun ein neues Gründungszeitalter für Unternehmen, eine neue Vielfalt der Wirtschaft angebrochen. Nun lässt sich fragen, ob aus dem Zeitalter vielleicht doch eher nur eine Episode wird, wenn sich so viele kluge Köpfe jetzt schon immer öfter darauf beschränken, die Luxusprobleme von Großstädtern zu lösen. Und "Think Big" vor allem für "Werde schnell reich, egal wie" steht.

Aber wahrscheinlich ist das unfair. Denn es gibt noch immer viele ambitionierte Projekte, die mit Technologie größere Ziele verfolgen, als saubere Unterwäsche. Bildung ist ein Bereich, mit dem sich immer mehr große und kleine Unternehmen befassen. Allen voran Udacity, das Start-up des deutschen Google-Vordenkers Sebastian Thrun. Onlinestudiengänge sollen Hochschulbildung viel günstiger, effizienter und zugänglicher machen.

Gesundheit ist das Megathema

Für kaum ein Gebiet interessieren sich Ingenieure und Wagniskapitalgeber im Valley in diesen Tagen aber mehr als Gesundheit. Vielerorts wird sehr intensiv darüber nachgedacht, wie Smartphones entweder als Fitnessgerät oder gleich als medizinische Allzweckwaffe eingesetzt werden können. Etwa als mobiles Ultraschallgerät, um Blutdruck und Herzfrequenz zu messen, aber auch um Ohrenentzündungen bei Kindern, Blutwerte von Diabetikern zu erkennen oder Testdaten an den Hausarzt zu übermitteln.

Das deutlichste Zeichen aber, dass Gesundheitsdienste das nächste große Feld sind, das unseren Alltag verändern wird: Apple Chart zeigen arbeitet gerüchteweise an einer neuen Produktkategorie, die den Markt für Gesundheitstechnologie aufrollen soll. Der Konzern sammelt jedenfalls schon fleißig Experten aus der Medizintechnik ein.

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1. Sie werden ...
Fackus 31.05.2014
uns eines Tages zwingen, nur noch Genfrass reinzuwürgen, die Autos ferngesteuert fahren lassen, alles und jeden überwachen. Aber meinen Hausputz werde ich noch lange ohne all den Scheiss machen können und die Gesundheitskontroll-Tools kann ich immer noch kaputt-treten, bis man sie mir implementieren wird. Wenigstens das. Was ein Scheiss-Leben, das da auf uns zukommt!
2. Ich hoffe....
spiegelleser987 31.05.2014
Zitat von Fackusuns eines Tages zwingen, nur noch Genfrass reinzuwürgen, die Autos ferngesteuert fahren lassen, alles und jeden überwachen. Aber meinen Hausputz werde ich noch lange ohne all den Scheiss machen können und die Gesundheitskontroll-Tools kann ich immer noch kaputt-treten, bis man sie mir implementieren wird. Wenigstens das. Was ein Scheiss-Leben, das da auf uns zukommt!
Ich hoffe, dass Sie kein genfreies Essen haben wollen. Dann müssten Sie sich z.B. mit Kohle und Wasser zufrieden geben.
3.
ABauersp0n 31.05.2014
Die hier genannten Ideen werden aufgrund ihres Preises scheitern. Wer es sich leisten kann, für eine Mahlzeit 10 € zu zahlen, hat bereits heute viele Möglichkeiten, und die anderen werden auch in der Zukunft ihre Fertig-Pizza für 3 € kaufen oder selbst kochen. Man kann sich heute noch nicht einmal Lebensmittel zu einem vernünftigen Preis nach Hause liefern lassen. Und die Menschen waschen auch ihre Kleidung nicht deshalb in der eigenen Waschmaschine, weil sie keine anderen Möglichkeiten haben, sondern aus einem einfachen Grund: Es kostet nicht viel.
4. Vor 20 Jahren....
shardan 31.05.2014
... sagte man, Computer wären dazu gemacht, Probleme zu lösen, die man ohne sie nicht hätte. Wenn ich diesen Artikel lese, sehe ich nicht den geringsten Grund, diesen alten Satz zu revidieren, im Gegenteil. Eine Komponente fehlt allerdings: Nebend er Totalüberwachung durch NSA, demnächst BND und diese ganze Grütze kommt nun noch die Totalüberwachung durch die Internetkonzerne. IM Gegensatz zur NSA verkauft Google diese Daten. Gesundheit in der Google-Cloud? Ihre Krankenkasse wird sich freuen, Ihren Versicherungstarif neu zu berechnen. Online? "Sie sitzen zu lange vor dem Computer". + 15% mehr Beitrag. das falsche Rezept abgerufen? "Zu fett" - + 10% mehr Beitrag. Genau darauf wird es hinauslaufen.
5. Wenn man die SPON Kommentare liest..
jens-o-mat 31.05.2014
... weiss man, warum Deutschland auf vergleichsweise alte Technologien fixiert ist. Meine Hoffnung ist, dass die Kommentare nicht die gesamte Leserschaft abbilden sondern vor allem die Geisteshaltung mürrischer älterer Männer mit zu viel Zeit.
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