Online-Assistent Doliio Zu klug, um wahr zu sein

Automatische Antworten für Facebook, Snapchat und WhatsApp: Die App Doliio verspricht, einen digitalen Klon ihres Besitzers zu erschaffen. Doch was gruselig klingt, ist vor allem Hochstapelei.

Verlockender Fake: Doliio trifft den Zeitgeist, ist aber nicht echt
YouTube/ doliio

Verlockender Fake: Doliio trifft den Zeitgeist, ist aber nicht echt

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Es klingt verführerisch. Die neue App Doliio soll das Leben auf Facebook, WhatsApp, Snapchat und sogar Tinder erleichtern. Mithilfe von künstlicher Intelligenz soll Doliio im Namen des Nutzers Kontakte pflegen, Geburtstagswünsche ausrichten und sogar Dates klarmachen.

Doch zu früh freuen sollte man sich nicht. Denn die App, die zum Beispiel vom Magazin "Vice" ausführlich vorgestellt wurde, gibt es wohl gar nicht - zu diesem Schluss muss man nach einiger Recherche kommen. Doliio dürfte ein Fake sein, ein gut gemachter.

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Fake-App: Das verspricht Doliio

Dass mit Doliio etwas faul ist, lässt sich nicht auf den ersten Blick erkennen. Augenzwinkernde Hinweise haben die Macher aber vielerorts versteckt. Sie finden sich zum Beispiel auf dem Blog des fiktiven Start-ups und auf YouTube.

"Sie mag Doliio mehr"

Ein verräterisches Video von Doliio trägt den Titel "Ein Typ sagt, seine Freundin mag den Bot lieber als ihn". Zu sehen ist der Ausschnitt eines Interviews mit einem jungen Mann. Selbstgefällig redet er über sein Leben als Gitarrist, als plötzlich sein Smartphone vibriert. "Musst du da ran?", fragt der Interviewer. "Nein, nein, es ist meine Freundin", antwortet der Mann. Er müsse ihr nicht antworten, weil Doliio das für ihn erledige. "Sie mag Doliio mehr, als sie mich mag, kein Zweifel."

Das Video lässt ahnen, um welche Fragen es bei Doliio offenbar geht: Was sind Freunde wert, wenn man ihnen nicht einmal selbst schreiben will? Was ist Austausch in sozialen Netzwerken wert, wenn das eine Maschine genauso gut übernehmen kann? Und was ist eigentlich mit Datensicherheit?

Wer sich durch die Blogposts und Videos von Doliio klickt, spürt diese Zweifel in sich wachsen - und gerade das macht das Projekt so spannend.

"Übermenschliche Kräfte"

Hinter Doliio stehen vier Studenten des dänischen Institute of Interaction Design in Kopenhagen. In ihren Onlinebiografien stellen sie sich als Experten für Design vor, nicht aber als Experten für künstliche Intelligenz. "Es ist Teil unserer Rolle, die Grenzen des Möglichen zu erforschen", heißt es andeutungsvoll in der Projektbeschreibung des Instituts.

Einen Glückwunsch zum gelungenen Fake per E-Mail, verbunden mit weiteren Fragen, beantwortet das Doliio-Team knapp: Man wolle sich dazu nicht äußern. Auch nicht zur Frage, ob Doliio echt ist oder nicht.

Das Institute of Interaction Design verrät ebenso keine Details. Grundsätzlich arbeite man nicht mit Fakes, teilt eine Sprecherin schriftlich mit. Jedes Projekt des Instituts habe eine "substanzielle Basis". Die Zweifel an Doliio könne die Sprecherin aber nicht kommentieren. Mit dem Projekt sei sie nicht vertraut.

Tester gesucht

Indessen wirbt das Doliio-Team im Netz um freiwillige Tester für eine Beta-Version der App. "Doliio gibt dir die übermenschlichen Kräfte, von denen du immer geträumt hast", heißt es mit ironischer Übertreibung in einem Blogpost. Dank des digitalen Klons könne man "sich teleportieren, die Zeit beeinflussen und sich verdoppeln."

Einem Promo-Video zufolge soll der Dienst sogar auf zehn sozialen Netzwerken funktionieren - darunter Snapchat, Slack, Tumblr, LinkedIn und Google Plus. Wie die künstliche Intelligenz derart verschiedene Netzwerke meistern soll, wird nicht verraten.

Einige Journalisten konnten die Macher offenbar von der Echtheit ihres Produkts überzeugen. Im "Vice"-Ableger "Motherboard" ist sogar ein Test der App erschienen. Der Autor beschreibt sich als "guten Freund" eines Doliio-Entwicklers und berichtet über seinen Selbstversuch. Er habe der App Zugriff auf seinen Facebook-Account gegeben, und die App habe tatsächlich in seinem Namen Nachrichten verschickt.

Nachfragen zu seinem Selbstversuch will der "Motherboard"-Autor nicht beantworten, wie er in einer E-Mail mitteilt - jedenfalls nicht ohne Rücksprache mit dem Doliio-Team. Doch auch das Team will sich dazu nicht äußern.

Geschicktes Timing

Infolge des "Motherboard"-Artikels berichteten Sueddeutsche.de, das "t3n" und der "Social Media Watchblog" über die App. Das Interesse in den sozialen Medien blieb aber eher gering: Am Mittwochnachmittag verzeichnete Doliio nur 20 Follower auf Twitter und 160 Fans auf Facebook.

Ein Grund für Doliios Überzeugungskraft könnte das geschickte Timing sein: Gerade hat Google seine Chat-App Allo vorgestellt, die Nutzern das Schreiben von Chatnachrichten abnehmen will. Auf Grundlage ihrer Schreibgewohnheiten soll Allo den Nutzern Vorschläge für eine passende Antwort unterbreiten.

Auch Facebook will die Texte seiner Nutzer mit künstlicher Intelligenz auswerten. Das Projekt DeepText soll auf diese Weise Slang und Umgangssprache verstehen. Seit Kurzem gibt es für die Messagingdienste von Facebook und Telegram intelligente Chatbots. Nutzer können einige davon wie normale Menschen ansprechen.

Der Fake trifft also den Zeitgeist. Und auch wenn es die versprochene Dienstleistung aktuell nicht gibt - die kritische Botschaft dahinter ist ernst gemeint. Apps der Zukunft könnten Doliio tatsächlich ähneln. Ob das dann die Kräfte sind, von denen man Doliio zufolge "immer geträumt" hat, ist eine andere Frage.



insgesamt 7 Beiträge
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yc4 09.06.2016
1. Wie auch anderen Schwachsinn
wird es wohl diesen auch eines Tages geben. Leider! Nun werden Menschen nicht mehr nur nicht miteinander reden, nein, sie akzeptieren sogar Rechner, Programme als Gegenüber! Ich lebe nicht mehr lang, mein Beileid den Jüngeren, welche sich so verhalten, meine Abscheu denen, welche sich an solchen Ausgeburten kranker Hirne zu bereichern zu versuchen!
Msc 09.06.2016
2.
"Einige Journalisten konnten die Macher offenbar von der Echtheit ihres Produkts überzeugen" So charismatisch waren die Journalisten, sie konnten sogar die Macher von der Echtheit ihres eigenen Produktes überzeugen. Soll ich das so verstehen? Oder hat hier jemand der Grammatik ein Schnippchen geschlagen?
locuspocus 10.06.2016
3.
"(...)Wie die künstliche Intelligenz derart verschiedene Netzwerke meistern soll, wird nicht verraten." Stichwort API. Für mich hört sich das ganze ziemlich schnöde an. Was beschäftigt Ihr hier überhaupt für "Technik-Journalisten"?
bronck 10.06.2016
4. Super Idee
Dann schreibt irgendwann ein Bot dem anderen blanglose Nachrichten in diesen sinnlosen "Social Media Dingens" und zwei Menschen könne in der Zeit etwas sinnvolles tun. Oder man stelle sich einen Gruppenchat mit einem Dutzend solcher Bots vor - wow. Solch ein Programm wäre ein wahrer Segen!
olaf_waltersdorf 10.06.2016
5. Schwellenwerte für Freunde
Das so eine App eines Tages kommt, kann sehr gut sein. Spannend dürfte es sein, wie man diese App dann einstellt: Wem soll der Bot gratulieren? Mit wem Dates vereinbaren? Welche "Freunde" sollen immer vertröstet werden? Wer hat Vorrang? Diese Feinjustierung dürfte für manchen sehr erkenntnisreich sein....
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