Emoji-Forschung Liebe Leserin, lieber Leser,

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immer häufiger bekomme ich in Messenger-Nachrichten ein Emoji gesendet, das gefaltete Hände zeigt. Es soll wohl für das Wort "Danke" stehen. Ich verbinde es eher mit zum Gebet aneinandergepressten Handflächen, vielleicht noch mit einer Dankesgeste in manch asiatischem Land. In letzter Zeit ertappe ich mich selbst dabei, das für unseren Kulturkreis eher ungewöhnliche Zeichen als Dank zu verschicken. Es wird mir schlicht vorgeschlagen, sobald ich das Wort "Danke" eintippe.

Geburtstagsgruß mit Emojis
DPA

Geburtstagsgruß mit Emojis

Das Thema ist wieder aktuell, weil manches Betriebssystem-Update auch neue Emojis enthält. Wenn unter Windows 10 auf einen Schlag 157 neue Bildchen dazukommen, wird das im Netz genauso diskutiert, wie das nach Meinung mancher Nutzer zu vertrocknet dargestellte Bagel-Bildschriftzeichen in Apples jüngstem Software-Update iOS 12.1. Apple sah sich genötigt, in der nächsten Betaversion von iOS nachzubessern.

Vorsicht vor Gemüse

Bei der Lektüre einer "Focus"-Ausgabe vor ein paar Wochen lernte ich, dass das Auberginen-Emoji im Sexting, also beim Verschicken anzüglicher Kurznachrichten, als Phallus verstanden werde. Ein nach rechts zeigender Finger, der auf einen anderen Emoji deutet, bei dem wiederum zwei Finger eine Art Kreis bilden, müsse man als "sehr explizite Aufforderung" verstehen, schrieben und illustrierten die Kollegen.

Die Bildchen sind so erfolgreich, dass sie mittlerweile sogar in der analogen Welt zu Hause sind: Auf T-Shirts, Wohnzimmerkissen oder als Süßigkeiten. Manche Profis bestreiten ganze Chatverläufe ausschließlich per Bildersprache. Eine Bekannte hat die Eigenschaft entwickelt, permanent Emojis nachzuahmen. Dabei haut sie sich etwa mit der Hand gegen das Gesicht, um Entsetzen zu symbolisieren - sie muss dann schnell hinterherfügen, dass das jetzt so wie auf dem Smartphone zu verstehen sei.

Emojis als Glücksmaßstab

Das Thema ist ernst genug, um Wissenschaftler zu beschäftigen: Laut einer Studie der Fachhochschule Fresenius Köln verwenden Frauen Emojis häufiger als Männer; neben freudigen Symbolen wie tränenlachenden Gesichtern werden hochgereckte Daumen oder Küsse viel verschickt. Weniger beliebt seien Piktogramme, die Naturereignisse wie Feuer oder Sonne symbolisieren.

Länder, deren Einwohner auf Facebook viele Emojis nutzen, haben höhere "Nationalglück"-Werte als andere Staaten. Das Glück ist umso größer, je mehr unterschiedliche Emojis die Bürger verwenden, fand eine Harvard-Studie heraus.

Man kann mit Emojis auch ziemlich unsensibel umgehen. Der Spitzenverband der Krankenkassen verbreitete etwa eine Liste von Emojis, die Krankheiten symbolisieren sollen. Leberzirrhose wurde da durch ein Cocktailglas dargestellt. Adipositas durch ein Schwein. Und ein verstorbener Mensch wurde durch einen Geist symbolisiert.

Noch ein Tipp aus der Forschung, wenn Sie auch manchmal das Gefühl haben, zu viele Emojis zugeschickt zu bekommen: Ob Emojis verwendet werden oder nicht, hängt laut den Kölner Wissenschaftlern auch und vor allem davon ab, ob die zuvor empfangene Nachricht Emojis beinhaltete. Hat der Schreiber darauf verzichtet, ist es wahrscheinlich, dass auch die Antwort darauf ohne Emoji auskommt.

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Seltsame Digitalwelt: Im Taxi allein die Stadt

Die Taxiindustrie kämpft um ihre Zukunft, nun auch dank des sogenannten Ride-Poolings, also der gemeinsamen Beförderung mehrerer Fahrgäste. Mytaxi startete vor rund elf Monaten die Funktion "Match" zunächst in Hamburg, heute gibt es das System auch in Teilen von Berlin und München. Dabei werden zwei Fahrten zusammengefasst, die etwa auf der gleichen Route liegen. Die Fahrtkosten werden aufgeteilt.

Noch radikaler funktioniert der vor wenigen Wochen gestartete Fahrdienst Berlkönig in Berlin. Er wird vom Verkehrsverbund BVG betrieben. Minivans fahren durch die Stadt, man ordert per App, gibt den Zielort ein und teilt sich wiederum ein Auto.

Ich bin großer Fan und Nutzer von solchen Konzepten, nicht nur weil sie billiger sind, sondern auch den Verkehr entlasten. Doch aktuell passiert folgendes: Man ordert das Taxi über die Matchfunktion und fährt alleine. Kaum ein Fahrer hat je eine Matchtour erlebt.

Während der Taxler natürlich den nach Taxiordnung geltenden Tarif bekommt, wird dem Fahrgast ein Gutschein geschickt, der die Fahrt deutlich billiger macht. Man merkt nichts, es ist so, als hätte man ein Taxi für sich allein gerufen, nur dass es billiger ist. Noch funktioniert das hervorragend. Bis mehr Fahrgäste das Angebot nutzen. Oder Mytaxi-Eigentümer Daimler die Subventionierung meiner Taxifahrten beendet.


App der Woche: "Reigns: Game of Thrones"
getestet von Tobias Kirchner

Devolver Digital

"Reigns: Game of Thrones" ist das bisher beste Spiel zur erfolgreichen TV-Serie. Spieler müssen sich als Herrscher beweisen und die richtigen Entscheidungen treffen, um auf dem Thron und am Leben zu bleiben. Die Kirche, das Volk und das Militär müssen gleichermaßen zufriedengestellt und auf den Goldspeicher muss ebenfalls geachtet werden. Ihre Wahl treffen Spieler mit einfachen Wischbewegungen nach links oder rechts.

Dabei schafft es "Reigns: Game of Thrones" perfekt, die gnadenlose Welt von "Game of Thrones" in ein Smartphone-Spiel zu übertragen. Jede Entscheidung kann dramatische Konsequenzen haben. Neun Charaktere, die unterschiedliche Aufgaben und Geschichten mit sich bringen, sorgen für Abwechslung und Tiefgang.

Für 4,19 Euro (Android) und 4,49 Euro (iOS) von Devolver Digital, ohne In-App-Käufe: iOS, Android


Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "Real-Time Patient-Provider Video Telemedicine Integrated with Clinical Care" (Englisch, zwei Leseminuten): Länger wird wohl auch in Zeiten der Telemedizin die Arztbesuchsdauer nicht werden. Gerade mal 8,2 Minuten dauerte eine Telekonsultation über Smartphone, Computer oder Tablet laut einer Auswertung von mehr als 81.000 Telesprechstunden-Terminen. Das ist ziemlich nahe dran an jenen Zeiten eines normalen Praxisbesuchs.
  • "Netflix ist das Ende des Fernsehens, wie wir es kennen" (Podcast, 32 Minuten Spieldauer): Netflix wächst, 150 Milliarden Dollar ist das US-Unternehmen an der Börse wert, 130 Millionen Menschen zahlen für das Angebot. Wie lange werden wir noch klassisch dem Fernsehprogramm folgen, fragt die FAZ?
  • "Der AMS-Algorithmus ist ein 'Paradebeispiel für Diskriminierung'"(drei Leseminuten): Eine Software soll ab 2019 die Arbeitsmarktchancen von Arbeitslosen in Österreich berechnen. Punktabzug gibt es für alle Frauen und noch einmal mehr, wenn sie Kinder betreuen. Die Journalistin Barbara Wimmer hat für "futurzone.at" eine ganze Serie zu dem Thema gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein angenehme Woche.

Herzlichst,

Ihr Martin U. Müller

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insgesamt 8 Beiträge
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freigeistiger 22.10.2018
1. Nebenerkenntnis der Emoji-Forschung
Es wurde wissenschaftlich die Verwendung von Emojis untersucht. Nebenerkenntnis war, dass Frauen sich der Allgemeinheit anschlossen in der Auswahl der Emojis, Männer verwendeten sie selbstständig. Eigentlich ist dass unerheblich, aber um dem üblichen Gender-Aufschrei zu begegnen, die Untersuchung wurden von weiblichen Wissenschaftlerinnen gemacht. In der üblichen feministischen Gender-Nomenklatur heißt dass, Frauen sind sozialer und emphatischer, Männer haben schlechtere Aufmerksamkeit und sind nicht so sozial. SPON: Ich weiß, dass das politisch nicht korrekt ist. Politische Korrektheit darf Erkenntnis nicht dominieren.
triptychon5zehn 22.10.2018
2.
ich muss ein sehr trauriger Mensch sein. Wer mir Nachrichten mit mehr als 1 Icon sendet wird ignoriert, Sprachnachrichten sofort gelöscht, das Kotsmiley finde ich ganz süß. Nur meine Mutter bekommt hin und wieder einen Zwinkeremoji zur Nachricht, da sie Ironie nicht versteht. Und ja, ich habe dennoch Freunde, die halten es ganz ähnlich, egal ob weiblich oder männlich sozialisiert, danke und ";)"
Hyacinth 22.10.2018
3.
Einem Menschen, der versuchen würde, mit mir im Emojisprech zu kommunizieren, würde ich ignorieren! So ein degeneriertes Verhalten braucht mir gegenüber niemand zu äußern. Im Büro würde ich solchen Menschen die Tür weisen!
NewYork76 22.10.2018
4. Nicht verstanden
Ich denke die Mehrheit der Emoji-User hat deren urspruenglichen Sinn einfach nicht verstanden: Das Geschriebene mit Informationen zum emotionalen Zustand zu erweiterm. Nur da liegt m.M.n. eine sinnvolle Anwendung der Emojis. Eine Aussage bekommt eine andere Bedeutung wenn darauf ein :-) oder ein :-( oder ein ;-) folgt. 98% der derzeit existierenden Emojis sind schlicht Wortersatz fuer Schreibfaule...
pklauss 23.10.2018
5. Zeichen - Sprache
Ich verstehe den Eifer einiger Foristen nicht, mit Stolz und Furor über ihre vermeintliche Selbstbeherrschung zu berichten. Für mich sind Emojis einfach eine Erweiterung des vorhandenen Zeichensatzes. Buchstaben halt, nur dass sie keinen Klang, sondern Emotionen transportieren. Sehr nützlich in einem Medium, in dem man keinen Tonfall hört. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, auch wenn es sehr klein ist.
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