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Freemium-Games: Für eine Handvoll Donuts

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Gratisspiele: Von wegen kostenlos Fotos

Spieler geben mittlerweile mehr Geld für Smartphone-Spiele aus als für Handheld-Spiele. Vor allem in Gratis-Apps stecken sie ihr Geld. Denn was als kostenlos angepriesen wird, kann richtig teuer werden.

Homer Simpson ist an sich ja ein geduldiger Typ. Aber beim Smartphone-Spiel "Die Simpsons: Springfield" wird seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Viele Aufgaben, die Homer in Springfield erledigen muss, dauern Stunden. Will Homer den zerstörten Kwik-E-Markt wieder aufbauen, muss er mindestens vier Stunden warten, bis das Gebäude steht. Aber die Wartezeit lässt sich verkürzen, indem man dafür mit virtuellen Donuts zahlt. Die wiederum kann man direkt im Spiel gegen echtes Geld kaufen. Donut-Pakete im Wert von 2 bis 90 Euro werden angeboten. Je mehr Geld man investiert, desto schneller kommt man im Spiel voran - und hat bald den Kaufpreis eines Konsolenspiels in die vermeintlich kostenlose App investiert.

Viele Gratis-Apps finanzieren sich mit solchen In-App-Angeboten - und eben nicht über den Kaufpreis. Der Trick: Die Spiele laufen mit angezogener Handbremse. Wer den Spielfluss beschleunigen will, muss zahlen. Die virtuellen Inhalte lassen sich sehr bequem kaufen. Ein Klick genügt, da die Zahlungsdaten der Kunden meist in den Shops hinterlegt sind. Das ist so bequem, dass die Nutzer es manchmal gar nicht merken - und beispielsweise das Unternehmen Apple wegen einer fehlenden Kindersicherung verklagen.

Der Medienwissenschaftler Jeffrey Wimmer beobachtet den Trend zu Free-to-play-Spielen mit Sorge. "Die Spieler werden mit dem Gratisangebot geködert", sagt der Professor von der Technischen Universität Ilmenau gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Subsumiert man die Kosten, dann geben die Spieler verhältnismäßig mehr Geld aus als für ein traditionelles Computerspiel."

Unterm Strich generieren Spiele-Apps so viel Umsatz, dass sie mittlerweile sogar die Handheld-Spiele überholt haben. iOS- und Android-Nutzer haben im vierten Quartal des vergangenen Jahres erstmals mehr Geld für Smartphone-Spiele ausgegeben als für Spiele auf der Playstation Vita, der PSP und dem Nintendo 3DS. Das geht aus einem Bericht der Analysten von App Annie und des Marktforschungsinstituts International Data Corporation hervor.

260.000 Euro - pro Tag

Die umsatzstärksten Spiele im App-Store sind ausschließlich sogenannte Free-to-play-games. Das Aufbaustrategiespiel "Clash of Clans", das Adventure "Die Simpsons: Springfield" und die "Farmville"-Adaption "Hay Day" sind allesamt kostenlos. Dennoch verdienen Software-Schmieden wie das finnische Unternehmen Supercell viel Geld mit den Minispielen. Laut "New York Times" kassierte Supercell mit "Clash of Clans" und "Hay Day" im Oktober vergangenen Jahres mehr als 260.000 Euro - pro Tag.

Das Aufbaustrategiespiel "Clash of Clans" basiert auf dem sogenannten Freemium-Geschäftsmodell, das bereits bei Browser-Spielen für satte Einnahmen gesorgt hat. "Clash of Clans" wird kostenlos angeboten, damit sich das Spiel möglichst rasch verbreitet und eine große Zahl von Nutzern erreicht. Die Idee dahinter: je günstiger das Produkt, desto größer die Reichweite. Zu Beginn des Spiels läuft auch alles flott. Doch irgendwann stockt der Spielfluss. Die Bauzeit verlängert sich stetig, das Hauptgebäude auszubauen dauert dann länger als 48 Stunden. Wer keine Geduld hat, muss zahlen.

Jeffrey Wimmer hält die Freemium-Apps für einen Rückschritt. Die Produktionskosten seien niedrig, die Grafik sei schlechter als bei vielen Spielen in den neunziger Jahren. Dennoch wird viel daran verdient. "Meiner Meinung nach steht bei diesen Spielen weniger die Unterhaltung im Vordergrund, sondern vielmehr der Profit", sagt der Professor. Es gehe darum, "den Spielern das Geld aus der Tasche zu ziehen".

Langfristiges Spielerlebnis

Beim Spielehersteller Electronic Arts sieht man das anders. Dort will man mit den Freemium-Spielen eine neue Zielgruppe ansprechen. Das sind nach Angaben des Unternehmens weniger die Hardcore-Gamer, die gerne einen Festpreis zahlen um ein Spiel ohne Unterbrechung durchspielen zu können. Vielmehr seien es Leute, "die sich selbst noch gar nicht als Spieler sehen", sagt Nick Earl, der den Bereich Mobile Games bei Electronic Arts leitet. "Freemium lässt Spieler selbst entscheiden, wie sie ein Spiel erleben möchten", sagt Earl SPIEGEL ONLINE.

"Wir erwarten, dass auch dieses Jahr Mobile-Gaming die am schnellsten wachsende Plattform für interaktive Spiele sein wird", sagt Earl. Der Vorteil an Freemium-Spielen sei, dass man den Spielern ein langfristiges Spielerlebnis bieten könne. Earl vergleicht das mit einer TV-Serie: Regelmäßig bereitgestellte neue Inhalte sorgen für ein andauerndes Spielerlebnis, das "immer etwas Neues bietet". Die konstant hohen Chart-Positionen des Spiels "Die Simpsons: Springfield" zeigen, dass dieses Konzept "positiv von den Spielern aufgenommen" werde. Man wolle auch weiterhin Premiumtitel anbieten, sagt Earl. Doch ein Großteil des mobilen Portfolios beim Software-Konzern besteht mittlerweile aus Freemium-Spielen.

Wimmer hingegen geht davon aus, dass Software-Firmen sich mit Freemium-Games ihre Spieler auf Dauer vergraulen. "Rational betrachtet ist das auch viel zu teuer. Es steckt ja kein realer Wert dahinter, wenn mein Gebäude schneller aufgebaut wird." Zudem werde der Wettbewerb verzerrt. "Spieler, die nicht zahlen, haben auch weniger Erfolg."

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insgesamt 84 Beiträge
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1. optional
joblack 20.05.2013
Ist kein Wunder - Electronic Arts wurde in der USA zum zweiten Mal als schlechtestes Unternehmen in der USA gewählt. Freemium wurde als ein Grund für die Wahl genannt. Schöne Neue Welt.
2. Ja und?
ich_möchtegern 20.05.2013
Ich finde das Konzept gut. Ich spiele selber manche Spiele bei denen man eigentlich was dazu kaufen könnte, bisher habe ich das allerdings noch nicht. Ich finde es so besser, als wenn man das Spiel überhaupt kaufen müsste. So kann man ja das Spiel erstmal testen ...
3. Selber Schuld!?
kaynchill 20.05.2013
Muss man die Menschen denn jetzt schon vor sich selbst schützen? Wer sich virtuelle Donuts kauft um Gebäude schneller aufzubauen die wiederum neue Gebäude freischalten die noch länger aufgebaut werden müssen ist doch selber Schuld. Über eine fehlende Kindersicherung kann man sich auch nicht beklagen. Der Großteil aller Apps ist nur mit Kreditkarte bezahlbar. Und die haben nunmal die wenigsten. Möglich wären noch einige Handyverträge über die man Apps kaufen kann, aber für den Abshcluss eines solchen muss man auch ein gewissens Alter oder die Einverständniserklärung der Eltern haben.
4. Nachtigall ick hör Dir...
thorkhan 20.05.2013
Das Prinzip klingt doch wie das der Telekom: zahle oder werde gedrosselt. Wer sich aber als psychisch gesunder Erwachsener zum Blechen verleiten lässt, ist IMHO selber Schuld.
5. Abzockerprogrammierer
tga 20.05.2013
Wie können die bösen Spieleprogrammierer es wagen Geld für ihre Arbeit zu wollen?! Coder, Gamedesigner, Grafiker, Projektleiter und Marketingleute in Spielefirmen haben gefälligst umsonst zu arbeiten! Wo kommen wir denn da hin wenn jeder Geld für seine Arbeit haben will?
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