Vergewaltigungen in Indien Frauen nutzen Apps für mehr Sicherheit

Vergewaltigungen sind ein großes Problem in Indien. Einige Mädchen aus Mumbais größtem Slum wollen nun mit einer Handy-App für mehr Sicherheit sorgen. Auch die Polizei setzt auf neue Technologie.

Julia Jaroschewski

Von Julia Jaroschewski, Mumbai


Die beiden Inderinnen Ansuja Madival und Zaberi Ansari sind erst 15 Jahre alt und haben schon ihre erste App entwickelt. Women fight back heißt sie und ist mit vier Features relativ einfach gehalten: ein Button für einen Sirenenton, eine GPS-Funktion, eine automatisierte Nachricht und Notrufe. "Wenn ich abends nach Hause laufe, fühle ich mich als Mädchen nicht sicher - dagegen möchte ich etwas unternehmen", sagt Ansuja.

Die beiden Teenager sitzen in einer Hütte in Dharavi, dem größten Armenviertel Mumbais. Sie lächeln schüchtern und greifen zum Handy. Im Raum stehen vier Computer, es gibt eine kleine Sofaecke und ein Whiteboard in dem engen Raum. 60 Prozent der Mumbaiker leben in solchen Slums - Dharavi ist einer der größten Asiens. Ihr Wohnort ist dabei für viele Frauen ein Sicherheitsrisiko: keine private Toilette, dunkle Gassen. Nachts vermeiden viele den Gang zum Waschhaus.

Brutale Übergriffe und Vergewaltigungen

Im Oktober erst wurde eine Frau in einem Armenviertel Mumbais von fünf Männern vergewaltigt, als sie mit ihrem Mann auf der Suche nach einer Wohnung war. Während ein paar Männer ihren Ehemann aus dem Zimmer lockten, missbrauchten andere die Frau. Obwohl Indien nach der Gruppenvergewaltigung einer Studentin im Jahr 2012 in Delhi härter gegen Sexualstraftäter vorgeht, passieren häufig brutale Übergriffe. Noch immer wird die Schuld oft dem Opfer zugeschrieben.

Doch Angst ist keine Lösung. "Wir müssen dagegen ankämpfen", bestärkt Ansuja. Im "Slum Innovation Projekt" in Dharavi lernen Mädchen wie Ansuja und Zaberi programmieren und entwickeln Prototypen. Denn Apps sind praktisch: Einen Computer besitzen wenige, ein Smartphone hat dort fast jede Familie. Die Handys trägt man in der Tasche, während Polizei oder Freunde nicht sofort zur Stelle sind, falls etwas passieren sollte. Ansujas und Zaberis App zeigt Symbole für die Funktionen. So können auch Frauen die App benutzen, die nicht lesen oder schreiben können.

Frauen tracken ihren Heimweg

Das haben nicht nur die Mädchen aus Dharavi verstanden: Mittlerweile stehen in den digitalen Stores Indiens zahlreiche Sicherheits-Apps zur Auswahl.

Safetipin ist eine komplexere App, die auf Crowdsourcing setzt. Hier können Nutzer Stadtteile bewerten und Sicherheit kartieren: Gibt es Polizei, sind Männer in der Überzahl, existieren Fluchtwege oder öffentliche Transportmittel. Frauen können ihre eigenen Routen auf der Karte tracken, bis zu fünf ausgewählte Personen können auf diese Karten zugreifen und zeitgleich verfolgen, wo sich die Nutzerin bewegt und notfalls eine auffällige Wegänderung identifizieren. Bei Safecity basiert die Datenlage auf Vorfällen, die von Nutzern eingereicht werden: Von ungewollten Fotos, anzüglichen Kommentaren bis hin zu sexuellem Missbrauch.

Die Liste der Apps, die seit 2012 entstanden sind, ist lang und viele ähneln sich in ihren Features: ein Notrufbutton, eine GPS-Ortung und eine meist einfache Bedienung. Sie heißen Raksha, Himmat, Women safety, SOS stay safe, Ifollow ladies, Withu, Eyewatch Women. Manche muss man schütteln, manche nehmen Audio und Video auf.

Der Vergewaltigungsfall 2012 aber ließ auch Indiens Sicherheitskräfte reagieren. Sie möchten sich nicht vorwerfen lassen, untätig zuzusehen. Mumbais Polizei veröffentlichte in diesem Jahr die App Pratisaad. Wenn der Emergency-Knopf gedrückt wird, geht der Notruf an zehn Polizisten im Umkreis von drei Kilometern. Zudem erhält der Leiter der nächstliegenden Polizeistation einen Hinweis. Über GPS kann das potenzielle Opfer geortet werden - parallel dazu werden die Polizisten getrackt. Die Polizei-App der Stadt Pune funktioniert ähnlich: GPS-System, Kontakt zur Polizei wird erstellt, Fotos können geschickt werden.

Wer kommt Frauen zur Hilfe, wenn ein Notruf abgesetzt wird?

Der Bundesstaat Uttar Pradesh startete die erste App, die sogar mit der Datenbank von Straffälligen und dem Verkehrsregister verknüpft ist. Fühlt sich jemand unwohl und kennt den Vornamen der Person, kann die App Informationen zu gespeicherten Kriminellen mit diesem Namen ausspucken. Registriernummern, die auf jede Rikscha gedruckt sind, können per SMS an Freunde gesendet werden, diese erhalten dann Informationen zum Fahrer.

Es scheint, als sei ein Wettkampf darum entfacht, wer die beste App erfindet. Die technologischen Entwicklungen sind aber nur eine Reaktion auf ein Problem, das viel tiefer in der Gesellschaft verwurzelt ist. "Sicherheits-Apps sind für Frauen hilfreich, doch die Polizei präsentiert immerzu neue Anwendungen, anstatt die eigentlichen Strukturen in der Justiz und in der Truppe zu reformieren," findet Gopal Krishna, der bei der NGO Citizens Forum for Civil Liberties aktiv ist. "Auf die schnelle Kommunikation folgen zu wenige Taten." Viele Frauen wollen sich nicht allein auf Technik verlassen und tragen zusätzlich Pfefferspray oder Chilipulver mit sich.

Ansuja und Zaberi aber lassen sich von den Jungs in Dharavi keine Kommentare mehr gefallen. Und haben auch ihren Eltern gezeigt, dass Mädchen aus Dharavi programmieren können.



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insgesamt 5 Beiträge
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uzsjgb 12.11.2016
1. Warum immer Indien?
Meine erneute, und bisher noch nicht beantwortete Frage, warum der Spiegel immer wieder über Vergewaltigungen in Indien berichtet. Warum ist dieses Thema für den Spiegel so faszinierend? Warum wird nicht so oft über Vergewaltigungen in Burkina Faso, Paraguay oder Kanada berichtet? Zumindest musste der Spiegel zuletzt folgendes einräumen: " Im internationalen Vergleich der registrierten Taten steht Indien gar nicht schlecht da. Dass es in Indien zu mehr sexuellen Übergriffen käme als anderswo, sei vielleicht nur ein Gefühl, meint sogar Soziologe Srivastava." Wenn dem Spiegel also diese Tatsachen bewusst sind, warum wird die Berichterstattung weiterhin von Gefühlen geleitet und nicht von Tatsachen?
Senf-Dazugeberin 12.11.2016
2. Gibt es das für Deutschland auch?
Sehr sinnvoll. Gibt es das bei uns auch?
paulpuma 12.11.2016
3.
Warum ist das nicht auch hier verfügbar? Die Sicherheitslage ist doch ziemlich abgesackt. Und auch wenn es sie nicht wäre, solche Sicherheits-Hilfsmittel sollten so selbstverständlich verfügbar sein, wie die Knöpfe für Feueralarm in Gebäuden.
d´point 12.11.2016
4. Gibt es auch hier
Ein auch in Deutschland aktiver, französischer Versicherungskonzern mit drei Buchstaben bietet z.B. Way Guard an, eine exzellente App!
sonstige 14.11.2016
5.
Da das bei uns ja inzwischen auch notwendig geworden ist: "WayGuard" ist die deutsche Version und müsste inzwischen wieder ohne Bestätigungscode zu aktivieren sein. War zwischenzeitlich mal wegen zu vieler Anfragen begrenzt...
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