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"Be my Eyes" Diese App hilft Menschen mit Sehbehinderung im Alltag

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Blinden Menschen helfen und Punkte sammeln: Screenshot von "Be my Eyes"
Be My Eyes

Blinden Menschen helfen und Punkte sammeln: Screenshot von "Be my Eyes"


Menschen mit Sehbehinderung können jetzt per Smartphone die Hilfe Sehender erfragen. Eine neue iPhone-App soll Hilfesuchende und Helfende per Videochat zusammenbringen.

Wer eine Sehschwäche hat und einen dringenden Rat braucht, soll mit der App "Be my Eyes" auf ein Netzwerk aus Tausenden Helfern zurückgreifen können. Stellt ein sehbehinderter Nutzer eine Anfrage, verbindet ihn die App per Video mit einem sehenden Freiwilligen. Der schaut sich das Kamerabild an und beschreibt seinem Gegenüber, was er sieht.

Nach der Installation wählt man aus, ob man sich als Sehbehinderter oder als Sehender registrieren möchte und gibt an, welche Sprachen man spricht. Ist das erledigt, müssen Sehende auf einen Anruf warten, sehbehinderte Nutzer können sofort eine Anfrage starten. In einem Video, das die Funktionsweise des Systems erklären soll, führen die Entwickler beispielhaft Fragen an wie: "Ist die Milch abgelaufen?" oder "Kannst du mir ein Foto beschreiben?"

Digitale Hilfen für sehbehinderte Menschen

"Be my Eyes" ist freilich nicht das einzige derartige Onlineangebot. In den App-Stores lassen sich zahlreiche Apps finden, die blinden und sehbehinderten Menschen den Alltag erleichtern sollen. So kann etwa die kostenlose App "TextDetektiv" einen fotografierten Text vorlesen, "TapTapSee" benennt fotografierte Gegenstände per Bilderkennung.

Apple bietet in seinen iPhones und iPads bereits ab Werk umfangreiche Hilfsfunktionen an. Die Betriebssystemfunktion "Voice Over" etwa unterstützt Sehbehinderte, indem sie den Bildschirminhalt vorliest, eine Sprachausgabe anbietet und Brailleschrift ausgeben kann. Auf Android-Handys lassen sich ähnliche Funktionen mit der App "Talk Back" nachrüsten.

Viele Nutzer, wenig Nutzung

Bei unserem Test am 16. Januar verzeichnete die App etwa 15.000 Nutzer. Drei Tage später waren es schon 57.000, von denen sich 4000 als blind registrierten. Die meisten der 53.000 Sehenden haben aber noch kein einziges Gespräch über die App geführt: Trotz der rasant steigenden Nutzerzahl hat "Be my Eyes" nach eigenen Angaben bisher nur 8000 Mal eine Verbindung hergestellt.

Hat dann aber doch ein solches Videogespräch stattgefunden, können die blinden Nutzer ihren freiwilligen Helfer bewerten. Auf diese Weise soll ein Missbrauch der App verhindert werden. Zudem sind die Bewertungen an ein Punktesystem gekoppelt, das den Helfern als zusätzlicher Anreiz dienen soll.

Videochat nach Pennsylvania

Wir haben die App einen Tag lang als sehende Nutzer getestet - und vergeblich auf einen Anruf gewartet. Der Test als blinder Nutzer klappte besser. Zwar steckten wir zweimal minutenlang in einer Warteschleife fest, aber dann begrüßte uns die 17-jährige Siarra aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania.

"Kannst du mir sagen, in welcher der beiden Flaschen stilles Wasser ist?", lautete unsere auf Englisch formulierte Frage. Siarra konnte das Kamerabild deutlich sehen und die Etiketten auf den Flaschen lesen. "Ich zwar weiß nicht, was 'medium' und 'still' bedeutet", sagte die Amerikanerin, "aber gerade hast du die Hand auf der Flasche mit der Aufschrift 'medium'." Damit hatte die App ihren ersten Test bestanden.

"Das ist mein erstes Gespräch mit der App", erklärte Siarra im Anschluss. Unser Anruf hatte sie um halb vier Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Dabei hat der App-Entwickler in einem Interview mit dem Onlinemagazin "Recode" versichert, auf die Zeitzonen, in denen die Nutzer leben, Rücksicht zu nehmen. Doch für Siarra war der nächtliche Anruf kein Problem: "Wenn ich jemandem helfen kann, stehe ich gerne auf."

Im Alltag muss sich die App noch bewähren

Der Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, Reiner Delgado, hält die App prinzipiell für eine gute Idee. Nur sei er bisher auch ohne Hilfe per Videochat gut zurechtgekommen. Alte Milch erkennt er beispielsweise am Geruch. Ein QR-Code-Reader kann ihm verraten, welches Lebensmittel er gerade in der Hand hält. Seine Post lässt er sich elektronisch vorlesen. Und die meiste Zeit könne er sich auch auf seine Familie oder Nachbarn verlassen.

"Die Frage ist, ob sich der Aufwand lohnt, die App zu starten und auf einen Helfer zu warten", sagt Delgado. "Außerdem muss das Kamerabild gut genug sein und das Licht muss stimmen." Trotzdem könne die App in Notfällen praktisch sein.

Zurzeit ist "Be my Eyes" kostenlos und quelloffen verfügbar. Die Entwickler bezeichnen sich als Non-Profit-Organisation. Das Budget sei bis September 2015 gesichert, danach soll das Projekt zum Beispiel mit Abonnements oder Spenden finanziert werden. Die App funktioniert zurzeit nur auf Apple-Geräten. Eine Version für Android-Smartphones ist geplant.



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lemmy 20.01.2015

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