Messenger Telegram Lieblings-App der IS-Terroristen sperrt Propagandakanäle

Die Chat-App Telegram hat den Ruf, bei Sympathisanten des Terrornetzwerks IS beliebt zu sein, nicht nur wegen ihrer Verschlüsselung. Doch die Firma hinter dem Messenger mit Sitz in Berlin will das nicht länger dulden.

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Download-Seite der App Telegram: mehr Meldeoptionen geplant

Download-Seite der App Telegram: mehr Meldeoptionen geplant


Über mangelnde Aufmerksamkeit können sich die Macher der Messenger-App Telegram dieser Tage nicht beklagen. "Dschihadisten lieben eine Berliner App", schreibt etwa die "Welt", und "The Daily Beast" legt nahe, Telegram sei die neue Lieblings-App des "Islamischen Staates" (IS) für Geheimnachrichten.

Ganz neu sind solche Einschätzungen nicht. Telegram gilt schon seit einigen Wochen als Onlinesammelpunkt für IS-Unterstützer, unter anderem, weil die Accounts der Dschihadisten auf Twitter zuletzt immer häufiger und schneller blockiert wurden. Im Zuge der Anschläge von Paris ist das Thema IS-Propaganda nun aber wieder groß in den Medien - und die meisten Artikel stellen Telegram in kein gutes Licht.

Telegram ist 2013 gestartet und kommt auf rund 60 Millionen Nutzer weltweit, zu den Gründern zählen Nikolai und Pawel Durow, die schon das russische Facebook-Pendant Vkontakte verantworteten. Die Kommunikations-App im Stil von WhatsApp wirbt vor allem mit ihrer starken Verschlüsselung. So sind zum Beispiel sogenannte geheime Chats möglich, die eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bieten.

Konkret heißt das, dass nur der Absender und nur der Empfänger die ausgetauschten Nachrichten lesen können. Nicht einmal Telegram-Mitarbeiter können den Inhalt der Nachrichten einsehen. Dank eines sogenannten Selbstzerstörungsmodus lässt sich Chat-Nachrichten auf Wunsch noch eine Haltbarkeit geben, das bedeutet: auf Wunsch verschwinden die Nachrichten vom Gerät, nachdem sie verschickt beziehungsweise gelesen wurden.

Für Regimekritiker attraktiv, aber auch für Kriminelle

Mechanismen wie diese machen Telegram für allerlei Nutzergruppen interessant. Vom Normalbürger, der Wert auf Privatsphäre legt, bis zum Regimekritiker in autoritären Staaten, der um seine Sicherheit fürchtet. Und natürlich sind Chat-Programme mit Verschlüsselung, von denen es mittlerweile viele gibt, auch für Kriminelle oder Terroristen interessant.

Bei Telegram scheint zuletzt vor allem eine Funktion IS-Anhänger angelockt zu haben, die öffentlichen "Channels". Diese Kommunikationskanäle sind ein unkomplizierter Weg, viele Nutzer auf einmal zu erreichen, wenn diese den entsprechenden Kanal abonniert haben.

Die grundsätzlich öffentlichen Kanäle lassen sich über die App binnen Sekunden abonnieren, vergleichbar damit, dass man auf Twitter einem Account folgt. Anders als bei Facebook und Twitter wird bei Telegram nicht angezeigt, wer einen Channel abonniert hat, lediglich eine Gesamtzahl der Nutzer ist öffentlich.

Die "International Business Times" zum Beispiel wies schon Anfang Oktober darauf hin, dass rund 9000 Nutzer einen offiziell anmutenden Kanal abonniert hatten, in dem offenbar der IS selbst Bilder und Videos teilte. Andere Medien berichteten von weiteren ähnlichen Kanälen.

Es geht um öffentliche Inhalte

Bei Telegram selbst scheint man dieses Treiben zunächst weitgehend toleriert zu haben, trotz der Berichte und der Einsehbarkeit der Kanäle. Am Mittwochabend veröffentlichten die Macher der App nun allerdings eine Stellungnahme im hauseigenen Channel "Telegram News": Darin schreibt das Telegram-Team, es sei beunruhigend gewesen, zu erfahren, dass der IS öffentliche Kanäle der App für Propagandazwecke nutzt. Man werte aufmerksam die Nutzerberichte aus, die an die Melde-E-Mail-Adresse abuse@telegram.org geschickt werden.

"Ein Ergebnis ist, dass wir allein diese Woche 78 Kanäle mit IS-Bezug blockiert haben, über 12 Sprachen hinweg", heißt es weiter. "Wir werden außerdem für unsere Nutzer einen einfacheren Weg vorstellen, auf anstößige öffentliche Inhalte hinzuweisen". Geplant ist also offenbar eine neue Melde-Option, eingeführt werden soll sie noch diese Woche durch ein Software-Update.

Dass sich Telegram seiner Beliebtheit auch bei IS-Anhängern wohl doch schon länger bewusst ist, deuten die Nutzungsbedingungen des Dienstes an. In einem FAQ zur App heißt es, dass "terroristische (z.B. ISIS-bezogene) Bots" von der Firma blockiert werden - offenbar scheint es also immer wieder einmal Ärger mit Chat-Robotern zu geben, die für den IS werben.

Zu gewöhnlichen Chats heißt es in den Telegram-FAQ: "Alle Telegram-Chats (auch Gruppen-Chats) sind die Privatsache der jeweiligen Nutzer, und wir nehmen keine Anfragen dazu an, diese zu bearbeiten (im Fall von Geheimen Chats ist uns dies rein technisch nicht einmal möglich)."

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insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
patrick6 18.11.2015
1. Wie lange ist denn das bekannt?
Doch sicher nicht erst seit heute, oder? Und dann wurde dieser Dienst nicht schon längst abgeschaltet (ggf. von den russischen Betreibern)? Unfassbar, sowas. Und es zeigt mal wieder, wie unsere "Obrigkeit" solche Dinge gewichtet. Und natürlich auch, welche Gesinnung unsere "russischen Freunde" haben.
cptlars 18.11.2015
2. @Patrick6
Wo bitte haben sie etwas von russischer Beteiligung gelesen? Erst lesen dann Kopf einschalten dann schreiben...
Velociped 18.11.2015
3. diktatorisch
Es gibt etwa 60 Millionen Nutzer der App, die vertraulich miteinander kommunizieren. Dass darunter auch Menschen sind, die Hasspropaganda austauschen, ändert nichts daran, ist bedauerlich. Wir stellen auch nicht die Briefpost ein, weil auch ein paar Neonazis Briefe schreiben. Es zeugt von mangelndem Demokratieverständnis, wenn hier die pauschale Abschaltung dieses Dienstes gefordert wird. Leider scheint das Verständnis für freie Kommunikation inzwischen in Russland grösser als bei uns zu sein. In Frankreich werden die Menschen- und Bürgerrechte ausgesetzt und auch bei uns scheint es nicht wenige Menschen zu geben, die eine Diktatur akzeptieren würden, wenn diese unter dem Vorwand des Bekämpfens von Extremisten kommt.
steinkrey 18.11.2015
4.
An Patrick6: Warum verlangen, dass der Dienst abgeschaltet wird? Verschlüsselte Kommunikation sollte jedem Zustehen und auch genutzt werden. Letztendlich kann die Nutzung von Verschlüsselung nicht unterbunden werden das ist auch gut so.
Peter Werner 18.11.2015
5.
Auch per Post können Sie verschlüsselte Nachrichten versenden, welche niemand lesen kann. Post verbieten? Wir sollten uns unsere Freiheiten nicht durch Terroristen zerstören lassen. Private, für Aussehendene nicht lesbare Kommunikation gehört zu diesen Freiheiten. Die Betreiber gehen nun gegen entsprechende Konten vor, was richtig ist. Mehr Verantwortung vermag ich beim Betreiber nicht zu erkennen.
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