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Jodel-App Anonymer Trash-Talk an der Uni

Screenshot aus der Jodel-App: Dumme Sprüche stehen hoch im Kurs Zur Großansicht

Screenshot aus der Jodel-App: Dumme Sprüche stehen hoch im Kurs

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Früher kritzelten Studenten ihre Sprüche an die Klowand, heute benutzen sie eine App namens Jodel: Das deutsche Programm sammelt den Trash-Talk auf dem Campus und verbreitet Nachrichten und Bilder an die Studenten in der Nähe. Die Sprücheklopfer bleiben anonym.

Das kann in einigen Fällen durchaus geistreich sein, doch oft setzen sich Scherzbolde durch mit Sprüchen wie: "Wer anderen einen Döner brät, der hat vermutlich das Gerät" oder "Von 1 bis Jan Delay: Wie viel Schnupfen hast du?"

Am hohen Flirt-Faktor merkt man, dass auch bei den Jodlern der Frühling ausgebrochen ist. Ein Nutzer schwärmt etwa vom Mädchen im Hörsaal B1. "Du bist die hübscheste Frau, die ich je gesehen habe", schreibt der Jodler über die Studentin mit dem roten Oberteil. Ob sie den heimlichen Verehrer jemals kennenlernen wird?

Vermutlich nicht. Denn das Prinzip der Smartphone-App Jodel ist es, dass alle Nutzer unerkannt bleiben. Das soll die Nutzer animieren, möglichst freizügig und ungehemmt über ihren Alltag zu plaudern.

"Man muss nicht mehr darauf achten, was man sagt"

Deshalb müssen sich die Nutzer für die kostenlose iOS- und Android-App auch nicht registrieren. Man kann direkt lostratschen und die Sprüche von anderen Mitgliedern kommentieren. Ein Bewertungssystem spült die beliebtesten Sprüche in einer Rangliste nach oben, die erfolgreichsten Nachrichten werden bei Instagram und Facebook geteilt.

Für den Jodel-Geschäftsführer Alessio Borgmeyer ist die Anonymität ein wichtiger Faktor. Nur so sei es möglich, die Stimmung im Umfeld ohne Filter wiederzugeben, sagt er: "Die Nutzer können authentischer sein bei Jodel. Man muss nicht mehr darauf achten, was man sagt." Vor allem gehe es nicht darum, wer etwas postet, meint der 24-Jährige aus Berlin: "Die Poser im Netz gehen mir auf die Nerven." Jodel sei anders, da man mehr Wert auf die Inhalte lege.

Vor allem lustige Sprüche kommen gut an bei den Jodlern. Weit oben in der Hitliste taucht am Donnerstag rund um die Uni Stuttgart etwa dieser Gedanke auf: "Ich schlage einen neuen Begriff für 'Wutbürger' vor: die Sauercrowd." Doch manch ein Trash-Talk geht auch unter die Gürtellinie und driftet zu sexistischem Pennälerhumor ab. In diesen Fällen können die Nutzer einschreiten. Sobald sie einen Spruch auf einen Wert von minus fünf abwerten, wird der entfernt. Auch können die Nutzer einen Spruch als anstößig melden.

Oben-ohne-Fotos aus der Bibliothek

Um die Möglichkeit der ungehemmten Botschaften nicht zu missbrauchen, haben sich die App-Entwickler mittlerweile auch dazu entschlossen, Bilder erst zu prüfen, bevor sie freigeschaltet werden. Bevor es diese Regelung gab, waren Bilder von Studentinnen in der Timeline gelandet, die sich unter anderem in der Bibliothek oben ohne fotografiert hatten.

In Universitätsstädten wie Hamburg, Stuttgart und Münster hat sich die App längst herumgesprochen, die Studenten posten fleißig ihre Sprüche. Insgesamt zählt die App laut den Entwicklern bereits etwa 100.000 Nutzer, von denen sich täglich etwa 40.000 anmelden und jeder davon durchschnittlich eine Meldung postet. "Wir sind überwältigt von dem Andrang", sagt Borgmeyer. "Wir arbeiten Tag und Nacht an der App."

Geheimnisse auszuplaudern steht hoch im Kurs

Auch in Schweden, den Niederlanden und Spanien jodeln die Nutzer bereits. In den USA wird die App bisher noch nicht angeboten. Doch die nächsten Investorengespräche stehen bevor, um eine mögliche Expansion zu finanzieren. Noch zehren die Jodel-Mitarbeiter nach eigenen Angaben von einem Betrag im niedrigen sechsstelligen Bereich aus den ersten Finanzierungsrunden. Wenn es nach Borgmeyer geht, dann soll Jodel eines Tages eine lokale Version von Reddit werden.

Dass der anonyme Tratsch im Netz durchaus gute Zukunftschancen hat, haben bereits die beiden Apps Secret und Whisper bewiesen. Die Tools setzen ebenso auf anonyme Nutzer, die Geheimnisse ausplaudern, lästern oder andere denunzieren wollen - ohne sich dabei vor den Folgen fürchten zu müssen.

12 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
kategorien 17.04.2015
mohsensalakh 17.04.2015
humble_opinion 17.04.2015
johannesb24 17.04.2015
benicekuk 17.04.2015
piccolo-mini 17.04.2015
mariatheresiab 17.04.2015
Toe Jam 17.04.2015
Nadinatzi 17.04.2015
olli_d_ 17.04.2015
egoneiermann 17.04.2015
Heiko Schulz 17.04.2015
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