Smartphone-Warnsystem für Notfälle So funktioniert Katwarn - oder auch nicht

Am Freitagabend warnten die Behörden die Bewohner Münchens auch mithilfe von Katwarn: Wie funktioniert das Informationssystem, wer bekommt die Pushmeldungen - und warum gibt es jetzt viele Beschwerden?

Smartphone-Warnsystem Katwarn
DPA

Smartphone-Warnsystem Katwarn

Von


Sie sollten in ihren Wohnungen bleiben und öffentliche Plätze meiden: Die Münchner Behörden warnten die Bevölkerung am Freitagabend während der noch unklaren Lage nach dem Attentat. Dazu nutzten sie auch das Smartphone-System Katwarn (Katastrophenwarnsystem), über das laut Betreiber nach 20 Uhr vom Landkreis München und von der Stadt drei Warnungen ausgelöst wurden.

Etwa 250.000 Menschen hätten am Freitagabend in diesem Bereich das System genutzt, teilte ein Katwarn-Sprecher mit. Doch das elektronische Warnsystem war offenbar völlig überlastet. Es gibt Kritik: Die App habe nicht richtig funktioniert. Sie sei nicht gestartet, bestätigt eine Münchnerin SPIEGEL ONLINE, und wenn doch, habe man die Pushmeldungen nicht öffnen können.

Wie funktioniert das Informationssystem? Und was waren die Probleme am Freitagabend? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist Katwarn?
Das Informationssystem Katwarn soll bei Notfällen wie Unwettern, Bränden, Chemieunfällen, Bombenfunden oder Schießereien die Nutzer warnen und Verhaltensempfehlungen geben - per SMS, E-Mail oder Pushmeldung via Smartphone-App. Eingespeist werden die Nachrichten von Behörden, Rettungsdiensten oder dem Deutschen Wetterdienst.

Wer kann Katwarn nutzen?
Jeder, der ein Handy, Smartphone oder eine E-Mail-Adresse hat und dessen Stadt oder Region den Dienst verwendet. Seit 2010 ist Katwarn im Einsatz, mittlerweile in mehr als 65 Städten und Landkreisen (eine Übersicht finden Sie hier). Etwa 1,5 Millionen Menschen haben sich bereits für den Warndienst angemeldet. Wer Warnungen für seine Umgebung erhalten möchte, muss sich vorher per SMS mit dem Inhalt KATWARN über die bundesweite Servicenummer (0163-7558842) registrieren oder die App fürs Smartphone runterladen - alles zur Anmeldung erfahren Sie hier. Die Meldungen können dann über soziale Medien wie Twitter geteilt werden.

Warnung in der Katwarn-Smartphone-App
REUTERS

Warnung in der Katwarn-Smartphone-App

Woher weiß Katwarn, wer in Gefahr ist?
Behörden, die Katwarn nutzen, wählen im Notfall über ein spezielles System die betroffenen Empfängergruppen nach Postleitzahlen aus. Die Nutzer können vorab mehrere Postleitzahlen angeben, zudem wird ihr aktueller Standort über Basisstationen und WLAN-Zugangspunkte berücksichtigt - wer sich in einem aktuellen Gefahrenbereich befindet oder diesen betritt, wird laufend informiert. Diese Ortungsfunktion kann abgeschaltet werden.

Wer hat Katwarn entwickelt?
Das System wurde vom Fraunhofer-Institut im Auftrag der öffentlichen Versicherer entwickelt, die es auch betreiben. Katwarn soll die vorhandenen - teilweise kostspieligen - Warnsysteme wie Lautsprecheransagen, Sirenen und Rundfunkmeldungen ergänzen oder ersetzen. Eine ähnliche Warn-App stammt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und heißt Nina (Notfall-Informations- und Nachrichten-App).

Was kostet Katwarn?
Für die Nutzer ist der Dienst kostenlos. Landkreise, kreisfreie Städte, Bundesländer und Stadtstaaten zahlen für die Einführung einmalig 15.000 Euro sowie jährlich 3000 Euro für technische Unterstützung, eine Warnung per SMS kostet sie sechs Cent. Nachrichten per E-Mail und Smartphone-App sind kostenfrei.

Was waren die Probleme nach dem Amoklauf in München?
Katwarn ist seit 2014 für München freigeschaltet. Am Freitagabend war das System jedoch völlig überlastet, der Dienst war zeitweise nicht erreichbar. Grund sei die hohe Zahl von Nutzern in München und anderen Teilen der Republik gewesen, in denen es Unwetter gab. "Wir sind an die Belastungsgrenze gestoßen", sagte ein Katwarn-Sprecher am Samstag. "Das ist nicht gut - die Kritik ist berechtigt." Die Kapazitäten des Systems müssten schnellstmöglich erweitert werden.

Generell kann Katwarn jedoch technisch keine hundertprozentige Zustellsicherheit gewährleisten. Insbesondere bei Störungen des Mobilfunknetzes, des Internets oder der Stromversorgung kann es immer wieder dazu kommen, dass Warnungen die Empfänger nicht erreichen.

Update, 28. Juli: Nach dem Amoklauf in München haben die Katwarn-Betreiber die Serverkapazitäten ihres Systems verdoppelt. "Wir sind jetzt in der Lage, bis zu zwei Millionen Zugriffe gleichzeitig zu verarbeiten", sagte Arno Vetter, Geschäftsführer des Mitbetreibers Combirisk, der Zeitung "Heilbronner Stimme".

Fotostrecke

20  Bilder
Gewalttat in München: Schrecken am Olympia-Einkaufszentrum

Mit Material von dpa und AFP

insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hedgehog66 23.07.2016
1. NINA brachte keine Meldung
Ich habe die (im Artikel auch genannte) Warn-App NINA auf dem Smartphone installiert. Wurde vor Kurzem groß beworben. Ich hatte mich für diese Warn-App entschieden, weil sie mir seriös erschien, da sie vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geführt wird. Problem: Für die 'Kreisfreie Stadt München' gab es gestern auf meinem Handy keinerlei Meldung/Warnung. Was nutzt mir eine Warn-App, die mich (bei entsprechender Gefahrenlage) nicht warnt? Ich habe die App heute wieder entfernt!
maximillian64 23.07.2016
2. SMS und IP funktionieren im Zweifelsfall nicht
In der Schweiz wird die Deutsche Software E-Alarm verwendet um Feuerwehr und Katastrophenschutz, Mediziner oder eben alle übrigen Handyuser welche in einem Bestimten Gebiet Ihr Handy aktiv haben anzurufen. Der Anruf geht als Telefonanruf raus und es wird einfach die Aufgezeichnete Nachricht abgespielt nachdem der Angerufene Bestätigt hat das er verstanden hat. Ein automatischer Anruf hat den Vorteil, das er nicht wie die SMS an Neujahr nach Stunden ankommt bzw. von Servern verarbeitet wird die wie KATWARN anderweitig in die "Kniee" gehen oder nicht funktionieren wenn das Mobile Internet dicht ist. Die Carrier Connect Netze erlauben sogar Anrufe durchzustellen obwohl der Angerufene gerade telefoniert. (SS7 Priority) - ein solches System hätte sogar bei der Loveparade die Menschen rechtzeitig gewarnt obwohl auch dort der Mobilfunk vollkommen überlastet war. Pro Server 6000 - 20000 Calls Gleichzeitig als Anruf. Ganz München wäre nach 10 min gewart.
kai kojote 23.07.2016
3.
Absolut lächerlich, wie kann so eine App bitte an die Kapazitätsgrenzen stoßen? Für mehr als Wetterwarnungen ist sie offensichtlich nicht geeignet. Der Amoklauf in München war regional und vergleichsweise (Atomkrieg, Meteoreinschlag, Erdbeben, GAU eines AKW etc.) harmlos. Jede drittklassige Quiz-App hat mehr Kapazität als diese staatliche "Warn-App".
Daniel Fleck 23.07.2016
4. Was soll das ???
Die angegeben Handynummer hat ne volle Mailbox. Und nirgendwo in der App kann man angeben, dass man per SMS informiert wird. Achso erstmal alles in der App anklicken bis man irgendwann (In der Karte rechts oben auf die Symbole klicken), dann kommt eine "Erklärseite" wo unten der Link zur Webseite ist, da den letzten Link "im "FAQ-Handbuch") In der Bedienungsanleitung ist dann nur von kostenlos zu lesen und das die SMS-Kosten von den Unternehmen, Versicherungen, etc. getragen werden (sind angegeben). Da steht die Anmeldung erfolgt so: KATWARN 12345 an 0163-755 88 42 senden. Bitte demnächste etwas mehr Information. Ich erwarte eigentlich, dass ein Redakteur selber lesen kann und den Lesern ETWAS mehr Informationen vermittelt. Sonst reicht Twitter: "Smartphone-Warnsystem für Notfälle: Alles Weitere hier www.katwarn.de"
hksm 23.07.2016
5. Überlastung?
Würdet ihr Multicast verwenden (und die Nachrichten regelmäßig raussenden wie RDS) wäre das mit der Last eigentlich kein Problem...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.