Von der Zapfsäule bis ins Weltall Linux erobert die Welt

Das freie Betriebssystem Linux wird 25 Jahre alt. Es gilt immer noch als kompliziert und nerdig. Dabei benutzt es heute fast jeder, meist ohne es zu merken.


Viele große Erfindungen werden anfangs unterschätzt, mitunter sogar von ihren Erfindern. Als der Programmierer Linus Torvalds am 25. August vor 25 Jahren die Entwicklung eines Betriebssystems in einer Usenet-Gruppe ankündigte, nannte er es "nur ein Hobby" und war überzeugt, es würde nur auf IBM-PC laufen. Aus seinem Hobby wurde Linux, das heute fast jeder nutzt - meistens ohne es zu merken.

Es war der Frust über existierende Betriebssysteme, der Torvalds dazu brachte, die Software zu entwickeln. Auf seinem ersten IBM-PC, einem 386er, installierte er statt Windows das freie Betriebssystem Minix. Das Programm basierte auf dem 1969 entwickelten Unix-Betriebssystem, einem kommerziell genutzten System, das vor allem auf Workstations und Servern eingesetzt wurde. Auf Unix-Varianten basieren viele Betriebssysteme, unter anderem auch Apples macOS.

Dank Minix konnte Torvalds mit seinem Computer von zu Hause aus auf den Universitätsserver an der Uni Helsinki zugreifen. Allerdings war er mit der Zugangssoftware nicht zufrieden und beschloss, seine eigene zu programmieren. Das bildete die Basis für weitere Programme, die nach und nach hinzukamen. Torvalds Software-Sammlung wurde einem Betriebssystem immer ähnlicher. Dann kam der Aufruf in der Usenet-Gruppe, in der er um Feedback bat. Ihn interessierte, was die Nutzer an Minix schätzten oder kritisierten.

Den Namen bekam das Betriebssystem von einem Assistenten an der Universität von Helsinki. Er hatte Torvalds auf dem Uni-Server einen Ordner zur Verfügung gestellt, dem er den Namen Linux gab. Torvalds hatte diese Bezeichnung bis dahin nur intern genutzt.

Durchbruch mit freier Lizenz

Der wichtigste Schritt zum Welterfolg für Linux war es dann, als Torvalds im Dezember 1992 die Software unter die freie Lizenz der GNU General Public License stellte. Dadurch konnten Entwickler auf der ganzen Welt zum Code beitragen, und es war sichergestellt, dass ihre Eingaben ebenfalls von anderen verändert werden konnten.

Linux wurde dadurch zu einem Universalsystem, das jedermann kostenlos nutzen und anpassen kann. In einer Szene enthusiastischer Programmierer entwickelte sich ein sportlicher Ehrgeiz, Linux auf alle möglichen Geräte zu portieren, in denen ein Prozessor steckt.

Heute läuft auf zwei Dritteln aller Webserver das Betriebssystem mit dem freundlichen Pinguin als Logo. Wenn Sie diesen Text unterwegs auf dem Handy lesen, sind Sie womöglich schon Linux-Nutzer: Auf drei Viertel aller verkauften Smartphones in Deutschland läuft Android, das auf dem Linux-Kernel basiert, also dem Kern des Betriebssystems. Wer nicht nur mobiles Internet nutzt, hat zu Hause einen Router stehen, in dem so gut wie immer Linux steckt.

So werden Sie ein echter Linux-User

Die Chancen stehen gut, dass es mit vielen anderen Geräten, die mit dem Internet verbunden sind, genauso ist: Fernseher, E-Reader, Navigationsgeräte, Netzwerkkameras, Geräte zur Heimautomatisierung, aber auch Mammutprojekte, wie etwa die Flugüberwachung oder der Large Hadron Collider basieren auf Linux.

Auch im Weltall, auf der Raumstation ISS, ist Linux im Einsatz. Und falls das Betriebssystem auf einem älteren Gerät ab Werk noch nicht installiert ist, öffnen sich - eine gewisse Popularität der Hardware vorausgesetzt - immer wieder Möglichkeiten, es selbst nachzurüsten, etwa auf einem MP3-Player.

Nur in einem Bereich konnte Linux nicht Fuß fassen. Es ist ausgerechnet der auffälligste, der von vielen normalen Nutzern oft synonym mit dem Wort "Computer" verwendet wird: Der Desktop-PC. Hier liegt der Marktanteil des Systems mit dem Pinguin-Logo bei nur 1,5 Prozent. Hier dominiert seit Jahrzehnten Microsofts Windows.

Dabei kann Linux älteren Rechnern noch einmal neues Leben einhauchen. Moderne Versionen können ohne Eingriffe in ein bestehendes System von einem USB-Stick aus gestartet werden.

Wer das anlässlich des Geburtstags von Linux selbst ausprobieren will, findet hier eine Anleitung. Doch auch wer den Schritt zum Linux-User nicht gehen will, ist schon lange von Pinguinen umzingelt, auch wenn sie meist unsichtbar bleiben.

Linux in der Zapfsäule

Und das wird sich nicht so bald ändern, denn Linux ist fast überall. Eine besondere Anwendung hat selbst Torvalds überrascht: Vor 15 Jahren habe er an einer Tankstelle eine mit Linux betriebene Zapfsäule entdeckt, erzählte er im April dieses Jahres auf einer Konferenz. Und auch im Internet der Dinge, das gerade am Entstehen ist, nutzen viele Geräte die von ihm erdachte Software, egal ob vernetzte Waschmaschine oder Türsensor. Damit gilt auch für die Zukunft: Linux bleibt unser unsichtbarer Begleiter.

Viele Beispiele für Geräte, auf denen heute schon Linux läuft, ohne dass es offensichtlich ist, finden Sie in unserer Fotostrecke.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
jens_k_loewe 25.08.2016
1. Ich mache was falsch
Auf keinem meiner Geräte läuft Linux (wenn man den Hybriden Android, der Linuxkernel mit Java-VM und NetBSD-Userland kombiniert, nicht mitrechnet). Einen uralten 32-Bit-Laptop betreibe ich mit dem neuesten OpenBSD, weil das vorinstallierte Fedora viel zu träge war. Meine Server laufen ebenfalls unter Unix statt Linux. Mein unsichtbarer Begleiter wird dieses Linux nicht mehr. Linus Torvalds hat des Öfteren schon gesagt: Hätte es 1991 schon ein freies BSD gegeben, hätte er niemals mit Linux angefangen. Natürlich wird der SPIEGEL beim Aufsprung auf den Zug "nutzt alle Linux, is voll geil ey" diesen Teil niemals zitieren. ;-)
pauleschnueter 25.08.2016
2. Streng genommen
ist "Linux" aber die Bezeicnung für den System-Kernel, den im Wesentlichen monolitschen Super-Treiber für alles. Die (vielen ganz verschiedenen) Betriebssystem allgemein als Linux zu bezeichnen ist eine verfälschende und unhistorische, aber leider übliche, Verwässerung.
gumbofroehn 25.08.2016
3. Und keiner hat's gemerkt ...
... weil auf praktisch jedem PC Windows (oder in kleineren Teilen MacOS X) läuft. Linux auf dem Desktop ist halt eine Nischenveranstaltung. Ist wahrscheinlich auch besser so. Dieser Beitrag wurde mit Debian Jessie geschrieben.
taglöhner 25.08.2016
4.
Was der Artikel vernachlässigt, ist der Umstand, dass es praktisch keine Viren für Linux gibt. Die Zeit arbeitet gegen Windows. Die ersten großen Spielehersteller fangen an, Linux-Compilierungen anzubieten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Microsoft bereits etwas um einem Linux-Kernel entwickelt.
mihama 25.08.2016
5. 2017 wird das Jahr des Linux-Destops
Das ist ja schon ein alter Running Gag. Für die meisten User ist ein Computer ein Windows-Computer, alles andere ist zu kompliziert. Linux ist halt etwas für den Nutzer der bereit ist, den Quellcode für gewisse Programme herunterzuladen und gegebenenfalls noch anzupassen. Android ist nur so beliebt, weil es die Probleme von Linux kompensieren kann, ohne die Vorteile zu verlieren. Es ist klein, es ist anpassbar, aber es ist beileibe nichts für Jedermann.
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