Menstruations-Apps In der Regel nützlich

Gesundheits-Apps vermessen jedes Körpersignal - den weiblichen Zyklus hat die Tech-Branche aber lange ignoriert. Mit Apps wie Clue hat sich das geändert, ein Reizthema ist die Monatsblutung aber noch immer.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Mit Tampons wird im deutschen Alltag oft noch hantiert wie mit einem Päckchen Heroin: Frauen schieben sie sich geheimnistuerisch unter dem Schreibtisch zu, wenn eine Kollegin einen braucht - statt den Tampon einfach offen über den Tisch zu reichen. Kullert mal einer aus der Handtasche, hechten Besitzerinnen hinterher.

Wie schwer sich auch die Tech-Branche damit tut, die alltäglichen Bedürfnisse geschätzt der Hälfte ihrer Kundschaft zu thematisieren und auf sie einzugehen, zeigt der Fall Apple: Mit dem HealthKit hat Apple auf iOS-Geräten wie dem iPhone eine umfangreiche Software vorinstalliert, die es Nutzern ermöglicht, beinahe jede Art von körperbezogenen Daten zu erheben: Schritte, Herzschlag, Blutdruck, Gewicht, Körpertemperatur, Flüssigkeitszufuhr.

Dass es doch relativ viele Menschen gibt, die jeden Monat ihre Periode bekommen, hat Apple lange erfolgreich ignoriert. Erst 2015 verkündete Apple, das HealthKit könne bald Informationen zur "Fortpflanzungsgesundheit" tracken. Seit iOS 9 können Nutzerinnen nun Daten zu Menstruation, Schmierblutungen und Zervixschleim eintragen.

"Die weibliche Periode wird auf jeden Fall tabuisiert"

Mittlerweile gibt es auch etliche Apps auf dem Markt, die Nutzerinnen versprechen, ihre Menstruation zu tracken. Das von einem Berliner Start-up entwickelte Clue zum Beispiel (Näheres zur App in dieser Fotostrecke), Cycles (in dieser Fotostrecke vorgestellt) oder den Menstruationskalender.

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Zyklus-Tracker: Das ist Clue

Frauen können mit den Apps verschiedene Informationen zum Zyklus erfassen beziehungsweise berechnen lassen: Wann kommt die nächste Blutung? An welchen Tagen des Zyklus findet mein Eisprung statt? Wann habe ich häufig Kopfschmerzen oder Krämpfe? Weitere Anwendungen sind speziell darauf ausgerichtet, fruchtbare Tage zu bestimmen.

"Auch bei vielen Frauen herrscht ein großer Mangel an Informationen über ihre Periode. Es ist schon bemerkenswert, wie wenig wir in so einer aufgeklärten Gesellschaft über die Periode sprechen", sagt Feminismus-Aktivistin Theresa Lehmann. Apps könnten laut Lehmann ein Weg sein, sich seines eigenen Zyklus stärker bewusst zu werden.

"Die Periode wird auf jeden Fall tabuisiert", sagt sie. Deshalb ist es wichtig, dass es im Digitalen einen Raum gibt, in dem sich Frauen unaufgeregt mit ihrer Periode beschäftigen können - und, wenn sie das möchten, darüber Daten erheben können wie bei jeder anderen Körperfunktion auch.

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Zyklus-Tracker: Das ist Cycles

Dass die Periode immer noch eine Sonderstellung hat, zeigt zum Beispiel der US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump, der es freilich schon zu zahllosen Anlässen geschafft hat, Frauen zu beleidigen. Er tat dies auch schon mal mit dem abschätzigen Kommentar, Frauen "bluten aus wherever". Da war er wieder, der hinterwäldlerische Gedanke von der Frau, als unreines, weil blutendes Wesen.

"Der Zyklus steht auch heute noch im Verdacht, aus Frauen irrationale Wesen zu machen", sagt Marie Kochsiek. Sie schreibt an der Freien Universität in Berlin ihre Masterarbeit über Zyklus-Tracker und hat schon viele Nutzerinnen dazu interviewt. Für viele Frauen sei der Tracker ein nützliches Werkzeug, den eigenen Zyklus im Blick zu behalten, und verglichen mit Zettel und Stift der praktischere Weg.

Periodenblut auf Instagram? Ein Politikum.

Im Netz formiert sich gegen die Perioden-Verschämtheit schon seit längerem Widerstand. Unter dem Hashtag #PadsagainstSexism, Binden gegen Sexismus, beschrifteten Frauen weltweit Damenbinden mit Sprüchen und klebten diese gut sichtbar auf Laternenpfosten und Uniwände. "Stellt euch nur mal vor, was wäre, wenn Männer von Vergewaltigung genauso angewidert wären wie von der weiblichen Periode", war einer der am häufigsten geteilten Sprüche.

Ein von rupi kaur (@rupikaur_) gepostetes Foto am

Plattformen wie Instagram taten sich mitunter schwer im Umgang mit der weiblichen Monatsblutung, wie ein Vorfall aus dem Jahr 2015 zeigt: Damals löschte das Fotonetzwerk das obige Bild einer voll bekleideten Frau mit einem roten Fleck auf der Jogginghose zwischen den Beinen. Es verstoße gegen die Community-Richtlinien. Dass damals darin die weibliche Periode nicht erwähnt wurde, war egal.

Die menstruierende Frau scheint die nächste Brustwarze zu sein: Niemand darf sie zu sehen kriegen. Nach einem Sturm der Entrüstung folgte seinerzeit eine Entschuldigung.

Probleme mit Datenschutz und Genauigkeit

Obwohl die Zyklus-Tracker zweifelsohne nützlich sein können: Unproblematisch ist ihre Anwendung nicht. Wie bei allen Gesundheits-Apps auf dem Markt gibt es auch bei den Zyklus-Trackern oft Unklarheit, was mit den sehr privaten Daten passiert. Das Start-up hinter Clue versicherte zwar mehrfach öffentlich, die Daten der Nutzerinnen nicht verkaufen zu wollen. Wie sich die kostenlose App dann finanzieren soll, ist aber unklar. Zur sicheren Verhütung eignen sich die digitalen Vorhersagen der Apps auch nicht.

Theresa Lehmann würde Zyklus-Tracker nicht jeder Nutzerin uneingeschränkt empfehlen. "Wer die Pille nimmt und einen sehr regelmäßigen Zyklus hat, dem bringen die Apps nicht so viel", sagt sie. Forscherin Kochsiek sagt außerdem: "Letztlich vermitteln solche Apps ein standardisiertes Bild vom Zyklus. Keine App ist in der Lage, etwas so Komplexes ganz abzubilden." Das könne vor allem bei jungen Nutzerinnen ein Problem sein, die solche Apps als erste Informationsquelle nutzen würden.

Streit um den vernetzten Tampon

Dass nicht jede technische Innovation dazu beiträgt, das Stigma rund um die Monatsblutung zu durchbrechen, zeigt auch die Diskussion um eine im Mai vorgestelltes vernetztes Tampon namens my.Flow. Das System soll der Trägerin melden, wann ihr Tampon gewechselt werden muss und so "den schlimmsten Albtraum jedes Mädchens vor Blutflecken auf der neuen weißen Hose" verhindern.

Kritikerinnen merkten an, dass die Entwickler mit solchen Aussagen genau jenes Schamempfinden rund um das Periodenblut verstärkten, das viele Aktivistinnen abbauen wollen. Die Periode sei nun mal kein Problem, das man mit neuer Technik in den Griff kriegen müsse.


Zusammengefasst: Lange Zeit haben sich Anbieter wie Apple davor gescheut, bei ihren Gesundheits-Trackern auf die Bedürfnisse von Frauen einzugehen. Mittlerweile gibt es etliche Menstruations-Apps. Sie können den Umgang mit dem Thema entkrampfen. Wie bei allen solchen Anwendungen gibt es aber offene Fragen beim Datenschutz.

insgesamt 28 Beiträge
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gutes_essen 26.05.2016
1. Menstruations-Apps
Die Menstruations-Zyklus-App die ich habe war zu der Zeit wo ich keine Pille genommen habe echt praktisch und nützlich. Ich würd die jeder Zeit wieder installieren.
u30 26.05.2016
2. App zur Verhütung
Ich hab auch so ne Verhütungs App - allerdings auf Englisch, weil die einzige Deutsche Version damals ziemlich esotherisch war. NFP ist Wissenschaft und richtig angewendet sicher. Das find ich viel wichtiger als eventuellen Ekel vor Perioden. Ich bin froh, dass ich das Problem nicht habe und mein Freund da gar keine Hemmungen hat, gleichzeitig kann ich aber verstehen, wenn es Männer gibt die das nicht so sehen. Urin ist ja auch "rein" und natürlich. Trotzdem will ich meinen Partner nicht beim Pipi machen sehen. Ich würde ihm aber auch nie das Gefühl geben, dass er eklig ist, weil er Pipi machen muss. Und das ist ja eher das Problem.
alexzzz 26.05.2016
3.
Clue ist auch für die Herrn der Schöpfung nützlich, wenn sie wissen wollen, wann sie mit den monatlichen Stimmungshochs und -tiefs der Partnerin rechnen dürfen.
bunhuelo 26.05.2016
4. Quatsch.
Perioden-Apps gibt es im Prinzip fast so lange, wie es Smartphones gibt. Es ist nicht der Fehler "des Marktes" oder "der Industrie", wenn Leute sie erst dann finden, wenn irgend welche großen Anbieter sich ebenfalls dem Thema widmen. Ich habe - quasi als freundlichen Service :-) - schon mit meinem alten Symbian-Handy die Periode meiner Freundin "vorhersagen" können (findet sie übrigens immer noch sehr nett).
bnhlim 26.05.2016
5.
Ich kann nur hier nur für mich und ggf. den "anderen" Teil der Bevölkerung sprechen, aber die weibl. Periode ist nun ungefähr etwas was ganz unten in meiner Interessensskala angesiedelt ist. Es gibt nun mal Themen, die möchte ich als Mann nicht groß mit meiner Partnerin (oder gar Freundinnen) diskutieren, darunter fallen ebenso wie die Periode auch die anderen menschlichen Körperausscheidungen. Vermutlichen sehen das größere Teile der Beölkerung ähnlich, deswegen aber gleich von von Tabuisierung zu sprechen, sowie wie das im Artikel verlinkte Bild online zu stellen halte ich für daneben.
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