Open-Source-Software: Webcam fühlt den Puls des Nutzers

Von Peter Gotzner

Pulsmessprogramm im Test: Herzrasen beim Flirten Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Pulsmessprogramm im Test: Herzrasen beim Flirten

Pulsmessen ohne Finger auf der Arterie - das ist längst möglich. Das Herzschlagzählen klappt berührungslos per Kamera. Dank einer freien Software können jetzt auch Freizeitprogrammierer die Technik nutzen. Kommt bald die Flirtbrille mit Erregungsanzeige?

Ein paar Klicks, die Webcam auf das Gesicht ausrichten und 20 Sekunden nicht zappeln - schon weiß der Computer, ob das Herz rast oder der Puls im Keller ist. Bereits im vergangenen Jahr haben Informatiker um Michael Rubinstein vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Methode der Eulerschen Videoverstärkung (EVM) vorgestellt, die kleinste Bewegungen verdeutlicht. Mit der Methode der Wissenschaftler vom Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory (CSAIL) lassen sich aus Videodaten Veränderungen herausfiltern und verstärken. Verborgene Vorgänge in Gebäuden und Gerüsten sind dadurch zu erkennen. In Gesichtern ist mit etwas Verstärkung auch der Pulsschlag erkennbar.

Im März veröffentlichten die Forscher den Quellcode ihrer Arbeit. Der inspiriert nun andere Programmierer, die Technik weiterzuentwickeln und zu Forschungszwecken auf haushaltsüblichen Geräten nutzbar zu machen.

Abseits von früh verfügbaren kommerziellen und nicht einsehbaren Programmen, wie beispielsweise von Philips für Smartphones, hat der Nasa-Forscher und Programmierer Tristan Hearn (thearn) jüngst ein von der EVM inspiriertes Programm für Webcams veröffentlicht. Es erkennt automatisch das Gesicht des Nutzers, sucht sich eine Stelle auf der Stirn und beginnt anhand der Farbveränderungen durch einströmendes Blut den Pulsschlag zu berechnen. Im Test schwanken die Werte zwar, sobald der Kopf bewegt wird. Aber hält man für einige Sekunden still, schätzt das Programm erstaunlich gut den Herzschlag ab. Die Pulsfrequenz nach einem Sprint durchs Treppenhaus gab die Software bis auf einige Schläge pro Minute genau an.

Darf man beim Flirten den Puls des Gegenübers messen?

Von den Methoden der MIT-Forscher beeinflusst, bietet Hearn seinen Webcam-Puls-Detektor kostenlos zum Herunterladen an. Dadurch wirft er eine Frage auf, die in der aktuellen Debatte um Gesichtserkennung durch die derzeit getestete Google-Brille noch wichtig werden könnte: Sind abseits der Personenerkennung die Gesichtsdaten auch für andere Zwecke tabu? Schickt es sich beispielsweise, beim Flirten per Webcam den Erregungsgrad des Gegenübers zu messen?

Vor einigen Tagen verbot Google zwar in seinen Richtlinien Apps, die Benutzer namentlich identifizieren, aber über weitere Analysen von Gesichtsdaten macht das Unternehmen keine konkreten Vorschriften. Sollten die noch kommen, würde womöglich ein ganzer Anwendungszweig verschwinden, der schon beim Ideenwettbewerb zur Einführung der Brille großen Anklang und Beachtung fand: Telemedizin, die Diagnose über Videozuschaltung. Ein Forschungsfeld, das Elektrotechniker Christian Hofmann vom Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen als "großes Zugpferd für medizinische Sensorik" sieht. Mit Kollegen in Erlangen erforscht er neue Geräte und Plattformen, aber auch Methoden zur medizinischen Datenverarbeitung. In einer immer älter werdenden Gesellschaft, schätzt der Wissenschaftler, wird der Bedarf an schnellen und flächendeckenden Videodiagnosesystemen zukünftig immer größer.

"Der von den Amerikanern offengelegte Quellcode ist da sicherlich ein Multiplikator", sagt Hofmann. "Studenten und Forscher können so schnell und unkompliziert damit arbeiten und entwickeln." Einige werden inspiriert wie Hearn, andere bauen auf dieser Grundlage eigene Anwendungen und verbessern die Algorithmen. Aussagekräftig und medizinisch nützlich sind solche Programme aber erst, sobald viele Daten zusammenfließen und kombiniert analysiert werden. "Wenn ich den Puls einer Person messe, kenne ich nur einen Wert", erklärt Hofmann. "Messe ich auch die Bewegung, kann ich folgern: Der Puls ist erhöht, weil die Person rennt."

Da besteht auch Missbrauchspotential, räumt Hofmann ein. Denn zusammen mit anderen Daten könnte die Software eine Basis liefern für Stressanalysen und Lügendetektoren, die das Gegenüber bewerten - und das womöglich eines Tages ganz unauffällig, zum Beispiel mit einem kleinen Programm auf der Datenbrille.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Orwell
weitWeg 06.06.2013
iGlass eroeffnet einen Zugang zur Gesellschaft wo das Wort anonym nicht mehr existiert.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Apps
RSS
alles zum Thema Software
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite

E-Book-Tipp
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.